Buch · Volltext

Das Leben ist ein schönes Spiel

Gewinnen, verlieren, weiterspielen – das ganze Buch zum Lesen, kostenlos. Lieber im Buchlayout? Dann blättern Sie es hier als Buch durch.

Buchcover „Das Leben ist ein schönes Spiel“ mit goldener Spielfigur und Würfel
Inhaltsverzeichnis
  1. Vorwort
  2. Wie dieses Buch aufgebaut ist
  3. Wer hier schreibt
  4. Leitmotiv – Mein Bestreben, das Beste zu geben
  5. Erster Teil – Die Logik des Lebens
  6. Abschnitt 1 – Die Ordnung der Dinge
  7. Kapitel 1 – Alles ist einfach
  8. Kapitel 2 – Nichts ist fix
  9. Kapitel 3 – Was man ändern kann – und was nicht
  10. Abschnitt 2 – Ursache und Entwicklung
  11. Kapitel 4 – Jede Handlung ist eine Ursache
  12. Kapitel 5 – Das Bild vom Samen
  13. Kapitel 6 – Alles hat eine Logik
  14. Abschnitt 3 – Wenn etwas dazwischenkommt
  15. Kapitel 7 – Wenn etwas nicht wächst
  16. Kapitel 8 – Wenn etwas passiert
  17. Abschnitt 4 – Freiheit und Grenzen
  18. Kapitel 9 – Alles ist egal: die eigene Freiheit
  19. Kapitel 10 – Und nichts ist egal: das eigene Leben
  20. Abschnitt 5 – Die Haltung
  21. Kapitel 11 – Ich tue nichts – aber ich tu es
  22. Kapitel 12 – Vertrauen verpflichtet
  23. Kapitel 13 – Zehn Grundsätze für den Alltag
  24. Schlussgedanke
  25. Zwischenwort – Vom Erkannten zum Erlebten
  26. Zweiter Teil – Mein Weg
  27. An der Copacabana
  28. Die Erschaffung meines Selbst
  29. Wie ich meine Traumfrau fand
  30. Das erste Unternehmen
  31. Mit Schnitzel zum Erfolg
  32. Wachstum auf allen Ebenen
  33. Wenn die Verantwortung steigt
  34. Werden, wer wir wirklich sind
  35. Wachstumsphase
  36. Das Beste geben
  37. Was du dem Unterbewusstsein gibst, gibt es dir zurück
  38. Überflieger auf Zeit
  39. Gefangen in der Negativschleife
  40. Wie Phönix aus der Asche
  41. Am Ziel meiner Träume
  42. Warum ein Ziel nicht reicht
  43. Auf zu neuen Abenteuern
  44. Nie mehr ohne Partner
  45. Freiheit für neue Ideen
  46. Aus Mitarbeitern werden Unternehmer
  47. Rückblick – Vom Erlebten zum Erkannten
  48. Dritter Teil – Mein Lebenswerk
  49. Kapitel 14 – Das Leben als Sport
  50. Kapitel 15 – DenkDa: Meditatives Denken
  51. Kapitel 16 – ZWÖ: Zum Wohle Österreichs
  52. Kapitel 17 – Alles hängt zusammen
  53. Epilog
  54. Dankesworte
  55. Anhang
  56. Der Autor

Helmut Schindler · Wien · 2026

Vorwort

Dieses Buch führt zusammen, was zusammengehört.

Im ersten Teil versuche ich zu erklären, was ich in meinem Leben verstanden habe – die einfache Logik, die hinter allem steckt. Im zweiten Teil erzähle ich den Weg, auf dem ich sie gefunden habe: vom Bauernhof über die Copacabana, die ersten Unternehmen, die Jahre des Wachstums und die schwere Krise bis zum Neubeginn. Neu gegenüber „Denk dein Glück“ ist das Kapitel „Vertrauen verpflichtet“, das zwei Sätze erklärt, die mich seit Jahrzehnten im Umgang mit Menschen leiten.

Der dritte Teil ist ebenfalls neu. Er zeigt, wohin mich diese Gedanken geführt haben: zu DenkDa, meinem Angebot für meditatives Denken, und zu ZWÖ – Zum Wohle Österreichs, meinem überparteilichen Volksbegehren „Die Besten in die Regierung.“ Beides sind keine Nebenprojekte. Sie sind das, woran ich im Grunde seit 40 Jahren arbeite: herauszufinden, wie das Leben funktioniert, und es weiterzugeben – zuerst für den einzelnen Menschen, dann für die Gemeinschaft.

Ich habe mein Leben nie als Arbeit gesehen. Für mich war es immer eine Art Sport: Man trainiert, man hält sich an die Regeln, man verliert, man steht wieder auf und spielt weiter. Einen Schlusspfiff gibt es nicht. Deshalb trägt dieses Buch den Titel „Das Leben ist ein schönes Spiel“.

Zwei Sätze begleiten mich seit Langem. Der erste lautet: „Ich tue nichts – aber ich tu es.“ Der zweite: „Alles ist egal – und nichts ist egal.“ Beide klingen wie Widersprüche. In diesem Buch zeige ich, warum sie keine sind.

Und über allem steht ein dritter Satz, der einst auf jedem Blatt Papier meines Unternehmens stand: „Mein Bestreben, das Beste zu geben.“ Er zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch – von der ersten bis zur letzten Seite.

Sie können es von vorne nach hinten lesen: zuerst die Gedanken, dann die Geschichte, dann das Werk. Sie können aber auch mit jedem Teil beginnen. Die Gedanken zeigen, was in der Geschichte steckt. Die Geschichte zeigt, woher die Gedanken kommen. Und das Werk zeigt, was daraus geworden ist.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie beim Lesen das eine oder andere Mal denken: „Eigentlich ist es ganz einfach.“

Denn das ist es.

Helmut Schindler
Wien, 2026

Wie dieses Buch aufgebaut ist

Wer hier schreibt. Zwei Seiten über mich, damit Sie wissen, woher die Gedanken in diesem Buch kommen.

Leitmotiv – Mein Bestreben, das Beste zu geben. Der Satz, der über meinem Unternehmen stand und sich durch das ganze Buch zieht. Wo er wieder auftaucht, finden Sie den Kasten Mein Bestreben.

Erster Teil – Die Logik des Lebens. Dreizehn Kapitel in fünf Abschnitten. Jeder Abschnitt beantwortet eine einfache Frage:

  • Abschnitt 1 – Die Ordnung der Dinge. Warum wirkt das Leben so kompliziert, obwohl es im Kern einfach ist? Was ist wirklich fix – und was kann ich ändern?
  • Abschnitt 2 – Ursache und Entwicklung. Wie wirken meine Handlungen weiter? Wovon hängt es ab, ob etwas wächst?
  • Abschnitt 3 – Wenn etwas dazwischenkommt. Was bedeutet es, wenn etwas nicht wächst? Und was passiert, wenn plötzlich das Leben dazwischenkommt?
  • Abschnitt 4 – Freiheit und Grenzen. Wie frei bin ich wirklich? Warum ist so vieles egal – und was ist es nie?
  • Abschnitt 5 – Die Haltung. Was heißt „Ich tue nichts – aber ich tu es“? Warum verpflichtet Vertrauen? Und wie lebe ich danach, ganz konkret?

Am Ende jedes Kapitels im ersten Teil finden Sie Kurz gesagt – den Gedanken in wenigen Sätzen – und Zum Nachdenken – Fragen für Ihr eigenes Leben.

Zwischenwort – Vom Erkannten zum Erlebten. Eine kurze Brücke zwischen Gedanken und Geschichte.

Zweiter Teil – Mein Weg. Zwanzig Kapitel aus meinem Leben: von Rio de Janeiro über meine ersten Unternehmen, das Wachstum, die Krise und den Neubeginn bis zur Gegenwart. Am Ende jedes Kapitels zeigt Die Logik dahinter, zu welchem Gedanken aus dem ersten Teil die Geschichte gehört.

Rückblick – Vom Erlebten zum Erkannten. Was ich sehe, wenn ich auf diesen Weg zurückschaue.

Dritter Teil – Mein Lebenswerk. Das Leben als Sport, DenkDa und ZWÖ: was aus den Gedanken dieses Buches geworden ist.

Den Abschluss bilden der Epilog, die Dankesworte und ein Anhang mit den Kernsätzen und den wichtigsten Fragen.

Wer hier schreibt

Bevor ich Ihnen erkläre, wie ich das Leben sehe, sollen Sie wissen, wer da spricht.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als junger Mann bin ich nach Rio de Janeiro gegangen, um mit einem Freund Schinken zu produzieren. Der Traum ist gescheitert, das Geld war weg, ich musste zurück nach Wien – ohne Ausbildung, die mir dort etwas genützt hätte, und ohne Perspektive.

Mein erstes eigenes Geschäft war ein Marktstand, bald kam ein geschlossener Kiosk dazu. Daraus wurde über die Jahre ein Unternehmen mit vielen Lokalen und vielen Mitarbeitern. Ich habe erlebt, wie Erfolg einen hochträgt – und wie schnell man abstürzen kann. Eine schwere Krise und eine Krankheit haben mich an den Tiefpunkt gebracht. Ich bin wieder aufgestanden, habe mein Unternehmen verkauft und damit mein großes Ziel erreicht: finanzielle Freiheit.

Danach kamen Rückschläge, neue Partner und neue Firmen. Heute betreibe ich mehrere Unternehmen, bin glücklich verheiratet und habe drei erwachsene Kinder. Mit DenkDa – Meditatives Denken und mit dem Volksbegehren von ZWÖ – Zum Wohle Österreichs gebe ich weiter, was ich gelernt habe.

Ich bin kein Wissenschaftler und kein Philosoph. Was in diesem Buch steht, habe ich nicht aus Büchern übernommen. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man 40 Jahre als Unternehmer gelebt, gewonnen, verloren und weitergespielt hat – und dann in Ruhe fragt: Was war eigentlich die Logik dahinter?

Deshalb beginnt dieses Buch mit den Gedanken. Die ganze Geschichte, aus der sie entstanden sind, erzähle ich im zweiten Teil.

Leitmotiv – Mein Bestreben, das Beste zu geben

Es gibt Sätze, die man einmal sagt und wieder vergisst. Und es gibt Sätze, die einen ein Leben lang begleiten. Dieser gehört zur zweiten Art. Er stand nicht am Anfang meines Weges auf einem Plakat, er war einfach da – als Haltung, lange bevor ich ihn aufgeschrieben habe.

Ein Satz auf jedem Blatt Papier

Als aus meinem kleinen Schnitzelkiosk ein stattliches Unternehmen geworden war, mit vielen Lokalen und vielen Mitarbeitern, suchte ich nach einem Satz, der zusammenfasst, wofür wir stehen. Ich musste nicht lange suchen. Er war immer schon mein Grundsatz gewesen:

Mein Bestreben, das Beste zu geben.

Ich machte ihn zum Leitmotiv meiner Firma und ließ ihn auf jedes Blatt Papier drucken, das unser Haus verließ. Jeder Lieferant las ihn, jeder Gast, jede Bank. Und vor allem lasen wir ihn selbst – jeden Tag aufs Neue.

Mehr geht nicht

Der Satz klingt bescheiden. Er ist es nicht. Er verlangt alles – aber eben auch nicht mehr als alles.

Niemand kann mehr geben, als er wirklich kann. Das ist keine Ausrede, das ist eine einfache Tatsache. Jeder Mensch hat seine Gaben: seine Talente, seine Kraft, sein Wissen, seine Erfahrung und die Zeit, die ihm zur Verfügung steht. Mehr als das Bestmögliche seiner Gaben kann niemand nützen. Egal, wie sehr er sich bemüht.

In vielen Besprechungen hört man, man müsse „110 Prozent“ geben. Doch 110 Prozent gibt es nicht. Wer von sich oder von anderen mehr verlangt, als möglich ist, erzeugt keine Leistung, sondern Druck – und am Ende Erschöpfung.

Ich weiß, wovon ich spreche. In der Zeit, die ich im zweiten Teil unter „Gefangen in der Negativschleife“ beschreibe, verlangte ich von meinen Mitarbeitern kaum erfüllbare Höchstleistungen. Ich hatte meinen eigenen Satz vergessen. Er sagt nicht: „Gib mehr, als du hast.“ Er sagt: „Gib das Beste, das du hast.“

Das Beste ist für jeden anders

Das Beste des einen ist nicht das Beste des anderen. Im Kapitel vom Samen werden Sie lesen, dass Wachstum von der Art, der Umgebung und der Pflege abhängt. Ein Apfelbaum gibt sein Bestes, wenn er Äpfel trägt. Kirschen wird er nie tragen, so sehr man ihn auch dazu drängt.

In meinem Unternehmen lebten etwa 30 Prozent der Mitarbeiter diese Philosophie mit voller Überzeugung. Die anderen erledigten ihren Job ordentlich. Auch das war für viele von ihnen das Beste, was sie zu diesem Zeitpunkt geben konnten. Und das habe ich zu respektieren gelernt.

Das Beste ist auch nicht jeden Tag gleich. An einem müden Tag ist es weniger als an einem ausgeruhten, in einer Krise weniger als in einer guten Zeit. Das Beste zu geben heißt, das Beste zu geben, das heute möglich ist – nicht das, was an meinem besten Tag möglich war.

Es wird immer Bessere geben

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es immer Bessere geben kann. Das ist keine Kränkung, sondern ein natürlicher Entwicklungsschritt. Im Sport wird jeder Rekord irgendwann gebrochen. Wer heute gewinnt, wird morgen überholt. Das nimmt dem eigenen Sieg nichts.

Wer besser ist als ich, zeigt mir, was möglich ist. Ich kann mich mit ihm vergleichen und unglücklich werden. Oder ich kann von ihm lernen und morgen ein Stück besser sein als heute. So entwickelt sich alles weiter – im Kleinen wie im Großen. Nichts ist fix, sagt das zweite Kapitel. Auch nicht das, was heute als das Beste gilt.

Das Beste von heute ist der Ausgangspunkt für das Bessere von morgen.

Wenn das Beste nicht genügt

Das ist der schwerste Teil dieses Satzes, und ich will ihn nicht schönreden: Manchmal ist das Beste nicht genug. Man gibt alles, und es reicht trotzdem nicht. Der Markt will etwas anderes, ein Mitbewerber ist stärker, die Umstände sind gegen einen.

Ich habe das mehr als einmal erlebt. In Rio habe ich alles gegeben, und der Traum ist trotzdem gescheitert. Am Marktstand habe ich mich angestrengt, so gut ich konnte, und doch war klar: Reich werden konnte ich damit nicht. Und als ich den Preis für unser Schnitzel erhöhte, blieben die Gäste aus – obwohl wir weiterhin jeden Tag frische Schnitzel servierten.

Das muss man leider auch akzeptieren.

Akzeptieren heißt aber nicht aufgeben. Es heißt, das zu tun, was das dritte Kapitel beschreibt: unterscheiden, was man ändern kann und was nicht. Als nach der Preiserhöhung die Gäste ausblieben, habe ich nicht versucht, dasselbe noch verbissener zu tun. Ich habe das Spiel geändert und das „Rio Grande“ erfunden. Wenn das Beste nicht genügt, heißt das Beste zu geben: neu überlegen, anders ansetzen – oder loslassen und etwas Neues beginnen.

Und wenn auch das nicht reicht, bleibt ein Satz, den einem niemand nehmen kann: „Ich habe mein Bestes gegeben.“ Auf diesem Satz kann man ruhig schlafen.

Ein Satz mit zwei Seiten

Wie die beiden anderen Sätze dieses Buches hat auch dieser zwei Seiten. Er fordert, und er entlastet.

„Gib dein Bestes“ – das fordert. „Mehr geht nicht“ – das entlastet. Beides gehört zusammen. Wer nur die erste Hälfte hört, brennt aus. Wer nur die zweite hört, macht es sich zu bequem.

Man kann es auch mit dem zweiten Leitsatz dieses Buches sagen: Es ist egal, ob mein Bestes reicht. Und es ist nie egal, ob ich es gebe.

Der rote Faden durch dieses Buch

Dieser Satz zieht sich durch alle Teile dieses Buches. In den Gedanken des ersten Teils, in den Geschichten des zweiten und im Werk des dritten taucht er immer wieder auf. Wo Sie den Kasten Mein Bestreben finden, sehen Sie, was er an dieser Stelle bedeutet.

Das Leben ist ein schönes Spiel. Und in jedem Spiel gibt es nur eines, das man wirklich in der Hand hat: dass man sein Bestes gibt. Das Ergebnis gehört dem Spiel.

Kurz gesagt

Mein Bestreben, das Beste zu geben: Niemand kann mehr geben, als er wirklich kann – mehr geht nicht. Es wird immer Bessere geben, und manchmal ist das Beste nicht genug. Beides muss man annehmen, ohne aufzugeben. Was bleibt, ist die Gewissheit, alles gegeben zu haben, was in einem steckt.

Zum Nachdenken

  • Wo gebe ich heute wirklich mein Bestes – und wo nur das Nötigste?
  • Wo verlange ich von mir oder von anderen mehr, als möglich ist?
  • Wer ist besser als ich – und was kann ich von ihm lernen?
  • Wo war mein Bestes zuletzt nicht genug – und was habe ich daraus gemacht?

Erster Teil – Die Logik des Lebens

Abschnitt 1 – Die Ordnung der Dinge

Kapitel 1 – Alles ist einfach

Wie aus Einfachem Kompliziertes wird

Alles ist einfach. Bis es komplex wird. Dann wird es komplexer. Und irgendwann ist es kompliziert.

Diesen Ablauf kennt jeder. Nehmen wir ein ganz alltägliches Beispiel.

Ein Paar lebt zusammen. Eines Abends bleibt das Geschirr stehen. Er denkt: „Sie hätte es wegräumen können.“ Sie denkt: „Er hätte es wegräumen können.“ Keiner sagt etwas. Am nächsten Tag steht wieder Geschirr da. Jetzt sagt sie etwas, aber ein bisschen spitz. Er fühlt sich angegriffen und antwortet ebenso spitz. Sie erinnert ihn an etwas, das er vor drei Wochen vergessen hat. Er erinnert sie daran, dass sie letzten Monat zu spät zum Essen bei seinen Eltern gekommen ist. Nach einer halben Stunde streiten die beiden über ihre Familien, über Geld, über den letzten Urlaub und darüber, wer sich in dieser Beziehung eigentlich mehr bemüht.

Worum ging es am Anfang? Um ein paar Teller.

Und noch genauer: Es ging um ein einfaches Bedürfnis. Vielleicht wollte einer von beiden einfach gesehen werden. Vielleicht war einer müde und hätte sich Unterstützung gewünscht. Das war die Ursache. Alles andere hat sich darübergelegt.

Schicht über Schicht

So funktioniert Komplexität. Sie entsteht nicht aus dem Nichts. Sie entsteht, weil sich Schicht über Schicht legt:

  • Am Anfang steht etwas Einfaches: ein Wunsch, ein Bedürfnis, eine Idee, ein Missverständnis.
  • Dann kommt eine Reaktion dazu.
  • Auf die Reaktion folgt eine Gegenreaktion.
  • Dann entstehen Erwartungen. Und mit ihnen Enttäuschungen.
  • Es werden Regeln gemacht. Und bald braucht es Ausnahmen von den Regeln.

Nach einiger Zeit weiß niemand mehr genau, worum es eigentlich ging.

Das gilt nicht nur für Beziehungen. Denken Sie an ein Unternehmen. Am Anfang hat jemand eine einfache Idee: „Ich koche gutes Essen, und die Menschen kommen, weil es ihnen schmeckt.“ Zehn Jahre später gibt es Formulare, Abteilungen, Besprechungen über Besprechungen und ein Handbuch mit hundert Seiten. Und irgendwann fragt sich jemand: „Warum kommen eigentlich weniger Gäste?“ Die Antwort liegt meistens nicht im Handbuch. Sie liegt in der einfachen Idee vom Anfang. Schmeckt es noch? Fühlen sich die Menschen noch willkommen?

Oder denken Sie an die Politik. Ein Gesetz wird gemacht, um ein einfaches Problem zu lösen. Dann gibt es Sonderfälle, Ergänzungen, Übergangsregeln, Ausnahmen. Am Ende versteht kaum noch jemand, was eigentlich geregelt werden sollte.

In der Ursache bleibt es einfach

Hier kommt der wichtigste Gedanke dieses Kapitels: In der Ursache bleibt es einfach.

Komplexität ist kein neuer Anfang. Sie ist nur die Summe vieler einfacher Dinge, die sich überlagern. Unter jeder komplizierten Lage liegt eine einfache Ursache. Sie ist nicht verschwunden. Sie ist nur zugedeckt.

Das ist eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: Man muss nicht die ganze Komplexität verstehen, um etwas zu lösen. Man muss nur die Ursache finden.

Das Bild vom verknoteten Seil

Stellen Sie sich ein verknotetes Seil vor. Was passiert, wenn Sie fester daran ziehen? Der Knoten wird enger. Je mehr Kraft Sie aufwenden, desto schlimmer wird es.

Was hilft? Sie müssen den Anfang finden. Sie müssen das Seil lockern, genau hinschauen und Schritt für Schritt zurückverfolgen, wie der Knoten entstanden ist. Dann löst er sich fast von selbst.

Genauso ist es mit komplizierten Lagen im Leben. Wer mehr Druck macht, mehr Regeln erfindet, mehr Argumente sammelt, zieht am Seil. Wer innehält und fragt: „Wo hat das eigentlich angefangen?“, sucht den Anfang.

Wie man zur Ursache zurückfindet

Es gibt ein paar einfache Fragen, die dabei helfen:

  1. Worum ging es am Anfang wirklich? Nicht: Worum streiten wir jetzt? Sondern: Was war der erste Auslöser?
  2. Welches Bedürfnis steckt dahinter? Fast jede komplizierte Lage hat ein einfaches menschliches Bedürfnis im Kern: gesehen werden, sicher sein, anerkannt werden, sich entfalten können.
  3. Was habe ich seither hinzugefügt? Oft sind wir selbst diejenigen, die Schichten hinzufügen – durch Vermutungen, Kränkungen, Rechthaben.
  4. Was wäre die einfachste Lösung für die ursprüngliche Ursache? Oft ist sie überraschend klein.

Im Beispiel mit dem Geschirr hätte ein einziger Satz genügt: „Ich bin heute wirklich müde. Kannst du das Geschirr übernehmen?“ Keine Geschichte über drei Wochen, keine Familien, kein Urlaub. Nur die einfache Ursache, einfach ausgesprochen.

Kurz gesagt

Alles beginnt einfach. Komplex wird es, weil sich Reaktionen, Erwartungen und Regeln darüberlegen. Kompliziert wird es, wenn niemand mehr weiß, worum es ging. Doch in der Ursache bleibt es einfach. Wer Klarheit will, fügt nichts hinzu, sondern geht zurück zum Anfang.

Zum Nachdenken

  • Wo ist in meinem Leben gerade etwas kompliziert geworden?
  • Worum ging es dabei am Anfang wirklich?
  • Welche Schichten habe ich selbst dazugelegt?
  • Was wäre der eine einfache Satz, der die Ursache ausspricht?

Kapitel 2 – Nichts ist fix

Warum das Einfache kompliziert wird

Im ersten Kapitel haben wir gesehen, dass das Einfache kompliziert wird. Aber warum eigentlich? Warum bleibt nicht einfach alles, wie es war?

Die Antwort ist: Weil nichts fix ist.

Alles, was wir erleben, ist in Bewegung. Menschen verändern sich. Umstände verändern sich. Wir selbst verändern uns. Und weil sich ständig etwas bewegt, legt sich immer wieder Neues über das Alte.

Was wirklich fix ist

Wenn man genau hinschaut, gibt es nur sehr wenig, das wirklich unveränderlich ist. In unserem menschlichen Denken können wir von zwei Dingen ausgehen:

Erstens: die Naturgesetze. Die Schwerkraft fragt nicht, ob wir einverstanden sind. Ein Stein fällt nach unten, egal ob wir das gut finden oder nicht. Wasser gefriert bei Kälte. Der Tag folgt auf die Nacht. Der Körper braucht Nahrung, Schlaf und Luft. Diese Gesetze gelten für jeden, immer und überall. Wir können sie nutzen, aber wir können sie nicht aufheben.

Zweitens: die evolutionären Entwicklungen. Das Leben auf der Erde hat sich über unvorstellbar lange Zeiträume entwickelt. Pflanzen, Tiere und auch wir Menschen sind das Ergebnis dieser Entwicklung. Sie verläuft in Zeiträumen, die weit über ein Menschenleben hinausgehen. Wir können sie in der Regel nicht beeinflussen. Dass wir Menschen zum Beispiel Gemeinschaft brauchen, dass wir auf Gefahr mit Angst reagieren oder dass Kinder Zuwendung brauchen, um gut aufzuwachsen – das ist in uns angelegt. Das ändert kein Beschluss und keine Mode.

Alles andere ist in Bewegung

Alles andere ist beweglich. Denken Sie an:

  • Meinungen – was heute als richtig gilt, kann in zehn Jahren als falsch gelten
  • Beziehungen – Freundschaften entstehen, verändern sich, enden manchmal
  • Märkte – was heute gefragt ist, ist morgen vielleicht vergessen
  • Gesundheit – sie ist ein Geschenk, aber keine Garantie
  • Besitz – er kann wachsen und schwinden
  • Regeln und Gesetze – sie werden gemacht, geändert und abgeschafft
  • Gewohnheiten – wir können sie ablegen und neue annehmen
  • Pläne – sie sind Absichten, keine Tatsachen

Was heute fest wirkt, ist oft nur eine Momentaufnahme. Ein Foto zeigt einen Fluss als ruhiges Bild. In Wirklichkeit fließt er ständig weiter.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Nehmen wir einen Menschen, der seit zwanzig Jahren in derselben Firma arbeitet. Er hat sich darauf eingestellt, dass das so bleibt. Seine Abläufe, seine Kollegen, sein Weg zur Arbeit – alles ist ihm vertraut. Es fühlt sich fix an.

Dann wird die Firma verkauft. Neue Leute kommen, neue Abläufe, neue Ziele. Der Mann ist erschüttert. Er hatte gedacht, dass das alles fix ist.

Aber es war nie fix. Es war nur lange gleich geblieben. Das ist ein großer Unterschied.

Beunruhigend und befreiend zugleich

Dass nichts fix ist, kann beunruhigend sein. Wer Sicherheit sucht, erschrickt vor diesem Gedanken. Wenn nichts bleibt, worauf kann ich mich dann verlassen?

Doch derselbe Gedanke ist auch befreiend. Denn wenn nichts fix ist, dann ist auch nichts endgültig verloren. Eine schwere Zeit bleibt nicht für immer. Ein Fehler legt mich nicht für immer fest. Eine Beziehung, die schwierig geworden ist, kann wieder gut werden. Eine Lage, die aussichtslos wirkt, kann sich drehen.

Wer annimmt, dass sich alles bewegt, hört auf, sich an Dingen festzuklammern, die ohnehin nicht zu halten sind. Und er gewinnt die Hoffnung, dass sich auch das Schwere wieder verändern kann – auch zum Guten.

Worauf man sich verlassen kann

Wenn nichts fix ist, worauf kann ich mich dann verlassen? Auf zwei Dinge:

  1. Auf die Naturgesetze und die Logik der Natur. Sie sind verlässlich. Wer sie kennt und respektiert, steht auf festem Boden.
  2. Auf die eigene Fähigkeit, im nächsten Moment wieder zu handeln. Egal, was sich verändert: Ich kann immer wieder neu entscheiden, wie ich darauf antworte.

Mehr Sicherheit gibt es nicht. Aber das ist genug.

Kurz gesagt

Nichts ist fix, außer den Naturgesetzen und den großen evolutionären Entwicklungen. Alles andere ist in Bewegung. Das kann beunruhigen, aber es befreit auch: Wenn nichts fix ist, ist auch nichts endgültig verloren.

Zum Nachdenken

  • Woran halte ich fest, als wäre es fix – obwohl es sich verändern kann?
  • Welche Veränderung in meinem Leben hat mich überrascht, weil ich dachte, es bleibt so?
  • Welche schwierige Lage in meinem Leben darf ich als „nicht fix“ betrachten?

Kapitel 3 – Was man ändern kann – und was nicht

Die schwierigste einfache Aufgabe

Es gibt Dinge, die man ändern kann. Und es gibt Dinge, die man nicht ändern kann.

Diese Unterscheidung klingt so einfach, dass man sie kaum aufschreiben möchte. Und doch ist sie im Alltag eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.

Warum? Weil wir Menschen dazu neigen, unsere Kraft an der falschen Stelle einzusetzen.

Kraft an der falschen Stelle

Viele Menschen kämpfen gegen das, was nicht zu ändern ist:

  • gegen das Wetter – sie ärgern sich über den Regen, als hätte er sie persönlich gemeint
  • gegen die Vergangenheit – sie denken immer wieder darüber nach, was gewesen wäre, wenn …
  • gegen das Verhalten anderer – sie wollen, dass der andere endlich anders ist

Und gleichzeitig lassen sie liegen, was sie ändern könnten:

  • ihre eigene Haltung – wie sie auf etwas schauen
  • ihre eigenen Entscheidungen – was sie als Nächstes tun
  • ihr eigenes Handeln – was sie konkret anpacken

Das ist, als würde jemand mit aller Kraft gegen eine Wand drücken, während daneben eine offene Tür ist.

Ein Beispiel: der Stau

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Stau. Sie haben einen wichtigen Termin. Die Autos bewegen sich nicht.

Sie können sich aufregen. Sie können hupen, schimpfen, auf die Uhr schauen und sich ausmalen, wie schlimm es wird, wenn Sie zu spät kommen. Das kostet Kraft. Aber es ändert nichts am Stau.

Oder Sie unterscheiden: Was kann ich ändern, und was nicht?

  • Den Stau kann ich nicht ändern.
  • Aber ich kann anrufen und Bescheid geben, dass ich später komme.
  • Ich kann überlegen, ob es eine andere Route gibt.
  • Ich kann die Zeit nutzen, um mich auf das Gespräch vorzubereiten.
  • Und ich kann entscheiden, ruhig zu bleiben.

Der Stau ist derselbe. Aber Ihre Lage ist eine völlig andere.

Dreifacher Gewinn

Wer das eine vom anderen unterscheiden kann, gewinnt dreifach:

Ruhe – gegenüber dem, was nicht zu ändern ist. Wer aufhört, gegen das Unveränderliche zu kämpfen, wird ruhiger. Er nimmt an, was ist. Das heißt nicht, dass er es gut findet. Es heißt nur, dass er seine Kraft nicht mehr daran verschwendet.

Mut – für das, was sich ändern lässt. Wer weiß, wo er etwas bewirken kann, traut sich eher, es auch zu tun. Die Kraft, die vorher im Kampf gegen die Wand verloren ging, steht jetzt für die offene Tür zur Verfügung.

Klarheit – weil man weiß, wohin die eigene Energie gehört. Man verzettelt sich nicht mehr. Man weiß, wofür man zuständig ist und wofür nicht.

Kein Aufgeben

Manchmal wird dieser Gedanke missverstanden. Man denkt: „Wer annimmt, was er nicht ändern kann, gibt auf.“

Das Gegenteil ist richtig. Es ist kein Aufgeben. Es ist eine bewusste Entscheidung darüber, wo man ansetzt. Ein guter Handwerker kämpft nicht gegen die Eigenschaften seines Materials. Er arbeitet mit ihnen. Ein guter Segler kämpft nicht gegen den Wind. Er stellt die Segel richtig.

Wie das mit dem Vorigen zusammenhängt

Im letzten Kapitel haben wir gesehen: Fix sind nur die Naturgesetze und die großen Entwicklungen der Evolution. Alles andere ist beweglich.

Das hilft bei der Unterscheidung. Was zu den Naturgesetzen gehört, nehme ich an. Vieles andere kann ich beeinflussen – vor allem aber meine eigene Haltung, meine eigenen Entscheidungen und mein eigenes Handeln. Dort liegt meine größte Kraft.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Das Beste zu geben heißt auch, die Kraft dort einzusetzen, wo sie etwas bewirken kann – und anzunehmen, was sich nicht ändern lässt.

Kurz gesagt

Es gibt, was man ändern kann, und was man nicht ändern kann. Viele verbrauchen ihre Kraft gegen das Unveränderliche und lassen das Veränderbare liegen. Wer unterscheiden lernt, gewinnt Ruhe, Mut und Klarheit. Das ist kein Aufgeben, sondern eine bewusste Entscheidung, wo man ansetzt.

Zum Nachdenken

  • Wogegen kämpfe ich gerade, obwohl ich es nicht ändern kann?
  • Was könnte ich ändern, lasse es aber liegen?
  • Wo würde mir mehr Ruhe guttun, wo mehr Mut?

Abschnitt 2 – Ursache und Entwicklung

Kapitel 4 – Jede Handlung ist eine Ursache

Nichts kommt aus dem Nichts

Nichts entsteht aus dem Nichts. Alles hat eine Ursache. Und jede Ursache wirkt weiter – im Positiven wie im Negativen.

Das ist vielleicht der wichtigste Gedanke in diesem ganzen Buch. Denn er bedeutet: Was heute geschieht, hat eine Geschichte. Und was ich heute tue, wird Teil der Geschichte von morgen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen

Oft unterschätzen wir, wie weit eine Ursache reichen kann:

  • Ein freundliches Wort am Morgen kann einem Menschen den ganzen Tag verändern. Er geht mit besserer Laune zur Arbeit, ist freundlicher zu anderen, und die geben es weiter.
  • Eine Kränkung kann Jahre nachwirken. Ein Kind, dem gesagt wird, es sei ungeschickt, glaubt das vielleicht noch als Erwachsener.
  • Eine kluge Entscheidung trägt Früchte, oft erst viel später. Wer heute spart, lernt oder eine Beziehung pflegt, erntet in Jahren.
  • Eine Nachlässigkeit wächst im Verborgenen weiter, bis sie sichtbar wird. Ein kleiner Wasserschaden, der nicht repariert wird, zeigt sich erst, wenn die Wand schimmelt.

Das Bild von den Dominosteinen

Stellen Sie sich eine lange Reihe von Dominosteinen vor. Wenn Sie den ersten anstoßen, fällt er auf den zweiten, der zweite auf den dritten und so weiter. Am Ende fällt ein Stein, der weit vom ersten entfernt steht. Wer nur den letzten Stein sieht, fragt sich vielleicht: „Warum ist der umgefallen?“ Die Antwort liegt beim ersten Stein.

So ist es im Leben auch. Vieles, was uns heute passiert, hat seinen Ursprung weit zurück. Und vieles, was wir heute anstoßen, wird erst viel später sichtbar.

Ursachen stehen nicht still

Das Besondere an Ursachen ist: Sie stehen nicht still. Sie entwickeln sich. Sie können sich:

  • verstärken – wenn sie auf etwas treffen, das sie nährt
  • abschwächen – wenn sie auf etwas treffen, das sie bremst
  • verändern – wenn neue Umstände dazukommen

Ein Gerücht zum Beispiel wird mit jeder Weitergabe größer. Ein Lob, das auf einen unsicheren Menschen trifft, kann ihm Selbstvertrauen für Jahre geben. Derselbe Satz, auf einen anderen Menschen gesprochen, geht vielleicht einfach unter.

Heute säen, morgen ernten

Deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen, welche Ursachen wir heute setzen. Denn sie werden morgen unsere Wirklichkeit sein.

Das ist kein Grund zur Angst. Es ist ein Grund zur Achtsamkeit. Jeden Tag setzen wir unzählige kleine Ursachen: wie wir mit Menschen sprechen, was wir essen, womit wir unsere Zeit verbringen, worüber wir nachdenken, was wir aufschieben und was wir anpacken.

Jede dieser Handlungen ist wie ein Same, den wir in die Erde legen. Und damit sind wir beim nächsten Kapitel.

Kurz gesagt

Alles hat eine Ursache, und jede Ursache wirkt weiter. Kleine Handlungen können große Wirkungen haben, oft erst viel später. Ursachen verstärken sich, schwächen sich ab oder verändern sich. Was ich heute setze, wird morgen meine Wirklichkeit.

Zum Nachdenken

  • Welche Ursache aus meiner Vergangenheit wirkt heute noch in meinem Leben?
  • Welche kleinen Ursachen setze ich jeden Tag, ohne darüber nachzudenken?
  • Welche Ursache möchte ich ab heute bewusst setzen?

Kapitel 5 – Das Bild vom Samen

Wovon Wachstum abhängt

Es gibt Samen, die wachsen. Das wissen wir alle. Aber wie sie wachsen, hängt von drei Dingen ab. Wer diese drei Dinge versteht, versteht viel über das Leben.

Erstens: die Art

Aus einem Apfelkern wird kein Eichenbaum. Aus einem Sonnenblumenkern wird keine Rose. Jeder Same trägt seine Anlage in sich: seine Bestimmung, seine Möglichkeiten, aber auch seine Grenzen.

Das ist kein Mangel. Es ist eine Eigenschaft. Ein Apfelbaum ist nicht schlechter als eine Eiche. Er ist anders. Er trägt Früchte, die eine Eiche nie tragen wird.

Zweitens: die Umgebung

Derselbe Same entwickelt sich auf fruchtbarem Boden ganz anders als auf Stein. Licht, Wasser, Klima, Nährstoffe – die Umgebung entscheidet mit, was aus der Anlage wird.

Ein Apfelkern im Schatten wird ein schwacher Baum. Ein Apfelkern in der Sonne, auf gutem Boden, mit ausreichend Wasser, wird ein kräftiger Baum mit vielen Früchten. Die Anlage ist dieselbe. Die Umgebung macht den Unterschied.

Drittens: die Pflege

Ein Same, der geschützt, gegossen und begleitet wird, hat andere Chancen als einer, der sich selbst überlassen bleibt. Ein Gärtner, der Unkraut entfernt, vor Frost schützt und zur richtigen Zeit gießt, verändert das Schicksal seiner Pflanze.

So ist es auch mit uns Menschen

Was für Pflanzen gilt, gilt für alle Lebewesen. Und es gilt für uns Menschen.

Jeder Mensch bringt eine Anlage mit. Seine Talente, seinen Charakter, seine Möglichkeiten. Der eine ist ein guter Zuhörer, der andere ein geschickter Handwerker, der dritte hat ein Gespür für Zahlen, der vierte für Menschen. Keine Anlage ist besser als die andere. Jede hat ihre eigenen Früchte.

Die Umgebung fördert oder hemmt diese Anlage. Ein Kind, das in einer Familie voller Vertrauen aufwächst, entwickelt sich anders als eines, das ständig Angst hat. Ein Mitarbeiter, der in einem Betrieb mit guter Stimmung arbeitet, blüht anders auf als einer in einem Betrieb voller Misstrauen.

Die Pflege entscheidet, wie viel sich entfalten kann. Mit Pflege meine ich beim Menschen: Zuwendung, Bildung, Vertrauen und Verantwortung. Ein Mensch, dem man etwas zutraut, wächst daran. Ein Mensch, den man lernen lässt, entwickelt sich. Ein Mensch, dem man zuhört, öffnet sich.

Ein Beispiel aus dem Berufsleben

Stellen Sie sich einen jungen Lehrling vor. Er ist still, arbeitet langsam und macht am Anfang viele Fehler. Ein Chef könnte sagen: „Aus dem wird nichts.“

Ein anderer Chef schaut genauer hin. Er merkt: Der Junge ist langsam, weil er sorgfältig ist. Er ist still, weil er genau beobachtet. Seine Anlage ist Genauigkeit. Dieser Chef gibt ihm eine Aufgabe, bei der Genauigkeit zählt. Er erklärt geduldig, lobt, wenn etwas gelingt, und traut ihm nach und nach mehr zu.

Nach drei Jahren ist aus dem stillen Lehrling der verlässlichste Mitarbeiter des Betriebs geworden. Die Anlage war immer da. Die Umgebung und die Pflege haben sie zum Wachsen gebracht.

Für wen das gilt

Das Bild vom Samen gilt für Kinder. Es gilt für Beziehungen – auch eine Liebe braucht gute Umgebung und Pflege. Es gilt für Unternehmen – auch eine gute Idee braucht den richtigen Markt und die richtige Führung. Und es gilt für eine ganze Gesellschaft – auch ein Land braucht gute Bedingungen, damit sich die Anlagen seiner Menschen entfalten können.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Jeder kann nur aus seiner eigenen Anlage das Beste machen. Ein Apfelbaum gibt sein Bestes, wenn er Äpfel trägt – nicht Kirschen.

Kurz gesagt

Wie ein Same wächst, hängt von drei Dingen ab: von seiner Art, von seiner Umgebung und von seiner Pflege. Bei Menschen ist es genauso: Jeder bringt eine Anlage mit, die Umgebung fördert oder hemmt sie, und Pflege entscheidet, wie viel sich entfalten kann.

Zum Nachdenken

  • Was ist meine eigene Anlage – was kann ich besonders gut?
  • In welcher Umgebung blühe ich auf, in welcher welke ich?
  • Wem in meinem Leben könnte ich bessere Bedingungen geben, damit er wachsen kann?

Kapitel 6 – Alles hat eine Logik

Die Natur arbeitet nicht zufällig

Die Natur arbeitet nicht zufällig. Alles hat eine Logik und einen Entwicklungsprozess.

Schauen wir uns an, wie eine Pflanze wächst: Der Same keimt. Die Pflanze wächst. Sie blüht. Sie trägt Früchte. Sie gibt ihre Samen weiter. Und der Kreislauf beginnt von vorne.

Kein Schritt lässt sich überspringen

In diesem Ablauf baut jeder Schritt auf dem vorherigen auf. Eine Pflanze kann nicht blühen, bevor sie gewachsen ist. Sie kann keine Früchte tragen, bevor sie geblüht hat.

Kein Schritt lässt sich überspringen. Keiner lässt sich erzwingen.

Das ist eine der wichtigsten Einsichten für das eigene Leben. Denn wir Menschen wollen oft Schritte überspringen. Wir wollen die Frucht, ohne die Blüte abzuwarten. Wir wollen den Erfolg, ohne den Aufbau. Wir wollen Vertrauen, ohne die Zeit, in der es wachsen muss.

Ein Beispiel: der Muskel

Jemand beschließt, fit zu werden. Er geht ins Fitnessstudio und will in zwei Wochen aussehen wie ein Athlet. Also trainiert er jeden Tag bis zur Erschöpfung.

Was passiert? Er verletzt sich. Oder er ist so erschöpft, dass er nach zwei Wochen aufgibt.

Ein Muskel wächst nach einer bestimmten Logik: Belastung, dann Erholung, dann Wachstum. Wer die Erholung überspringt, bekommt kein Wachstum. Wer diese Logik respektiert, trainiert regelmäßig, ruht sich aus und wird Schritt für Schritt stärker. Nicht so schnell, wie er es sich gewünscht hätte. Aber verlässlich.

Die Logik ist verlässlich

Das Schöne an dieser Logik ist: Sie ist verlässlich. Wenn die Bedingungen stimmen, verläuft die Entwicklung natürlich. Sie braucht keinen Druck. Sie braucht die richtigen Voraussetzungen und Zeit.

Wer diese Logik versteht, muss weniger kämpfen. Er muss nicht an allem ziehen und drücken. Er kann vertrauen, dass sich entwickelt, was richtig angelegt und gut gepflegt ist.

Das gilt für ein Kind, das laufen lernt. Es gilt für ein Unternehmen, das sich aufbaut. Es gilt für eine Freundschaft, die tiefer wird. Und es gilt für einen Menschen, der sich verändern möchte.

Wie das mit dem Vorigen zusammenhängt

Im zweiten Kapitel haben wir gesagt: Fix sind nur die Naturgesetze. Die Logik der Entwicklung gehört genau dazu. Sie folgt den Naturgesetzen und ist deshalb verlässlich.

Was sich aber innerhalb dieser Logik entwickelt, ist offen. Es hängt davon ab, welche Samen gelegt werden, in welche Umgebung sie kommen und wie sie gepflegt werden. Die Logik ist fix. Das Ergebnis ist offen.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Auch das Beste lässt keinen Schritt überspringen. Mehr als das Bestmögliche geht nicht – und schneller, als die Logik es erlaubt, auch nicht.

Kurz gesagt

Alles hat eine Logik und einen Entwicklungsprozess. Jeder Schritt baut auf dem vorigen auf, keiner lässt sich überspringen oder erzwingen. Diese Logik ist verlässlich: Wenn die Bedingungen stimmen, entwickelt sich, was richtig angelegt und gut gepflegt ist.

Zum Nachdenken

  • Wo möchte ich gerade einen Schritt überspringen?
  • Wo mache ich Druck, wo eigentlich Zeit gebraucht wird?
  • Welcher Entwicklung in meinem Leben kann ich mehr vertrauen?

Abschnitt 3 – Wenn etwas dazwischenkommt

Kapitel 7 – Wenn etwas nicht wächst

Wenn trotz allem nichts wächst

Bis jetzt haben wir gesehen: Alles hat eine Logik. Wenn Art, Umgebung und Pflege stimmen, wächst, was wachsen soll.

Doch was ist, wenn diese natürliche Entwicklung unterbrochen wird?

  • Wenn eine Pflanze trotz gutem Samen nicht wächst?
  • Wenn ein Mensch trotz seiner Anlagen nicht aufblüht?
  • Wenn ein Vorhaben trotz guter Idee nicht gelingt?

Dann ist das kein Zufall.

Der entscheidende Gedanke

Wird ein natürlicher Entwicklungsprozess in irgendeiner Form unterbrochen, muss man davon ausgehen, dass eine unnatürliche Störung die Ursache ist.

Das ist der entscheidende Gedanke dieses Kapitels. Er ist einfach, aber er verändert den Blick völlig.

Weg von der Schuld, hin zur Frage

Wenn etwas nicht klappt, fragen die meisten Menschen zuerst: „Wer ist schuld?“ Oder noch schlimmer: „Was stimmt mit mir nicht?“ Oder: „Was stimmt mit dem anderen nicht?“

Der Gedanke von der Störung stellt eine andere Frage: „Was stört hier?“

Das ist ein großer Unterschied. Die Frage nach der Schuld sucht einen Verantwortlichen und endet oft in Vorwürfen. Die Frage nach der Störung sucht eine Ursache und führt zu einer Lösung.

Die Anlage ist ja da. Der Same ist gut. Die Logik funktioniert. Also muss etwas in den natürlichen Ablauf eingedrungen sein, das nicht dorthin gehört.

Welche Störungen es gibt

Solche Störungen können vieles sein. Im Bild vom Garten und übertragen auf das Leben:

  • Ein vergifteter Boden – im Leben ist das ein belastendes Umfeld: ständige Kritik, Streit, Misstrauen, Mobbing.
  • Fehlendes Licht – im Leben heißt das fehlende Anerkennung und fehlende Orientierung. Niemand sagt, dass etwas gut war. Niemand zeigt, wohin es gehen soll.
  • Zu viel Druck – der das Wachstum erzwingen will, statt es zu ermöglichen. Wer ständig überfordert wird, wächst nicht, er zerbricht.
  • Vernachlässigung – wo Pflege gebraucht wird. Wer allein gelassen wird, obwohl er Unterstützung bräuchte, verkümmert.
  • Falsche Strukturen – die das Natürliche behindern. Regeln, Abläufe oder Gewohnheiten, die im Weg stehen, statt zu helfen.

Ein Beispiel: die Zimmerpflanze

Sie haben eine Zimmerpflanze. Sie gießen sie regelmäßig. Trotzdem werden die Blätter gelb.

Sie könnten sagen: „Das ist eben eine schlechte Pflanze.“ Und sie wegwerfen.

Oder Sie fragen: „Was stört?“ Sie schauen genauer hin. Vielleicht steht die Pflanze zu nah an der Heizung. Vielleicht bekommt sie zu wenig Licht. Vielleicht gießen Sie zu viel, und die Wurzeln faulen. Sie stellen die Pflanze an einen anderen Platz, gießen weniger – und nach ein paar Wochen treibt sie neue, grüne Blätter aus.

Die Pflanze war nie schlecht. Sie war nur gestört.

Ein Beispiel aus dem Leben

Ein Kind, das früher fröhlich war, wird in der Schule plötzlich schlecht und zieht sich zurück. Die Eltern schimpfen, dass es sich mehr anstrengen soll. Es wird noch schlechter.

Dann fragt jemand: „Was stört?“ Und es stellt sich heraus: Das Kind wird in der Klasse gehänselt. Seit Wochen. Es hat sich nicht getraut, darüber zu reden.

Die Anlage des Kindes war nie verschwunden. Eine Störung hat sie blockiert. Als die Störung erkannt und beseitigt wurde, kam das fröhliche Kind langsam zurück.

Die Anlage war nie verloren

Das ist das Hoffnungsvolle an diesem Gedanken: Wer die Störung findet, findet den Schlüssel.

Denn wenn die Störung beseitigt wird, kann die natürliche Entwicklung wieder einsetzen. Die Anlage war ja nie verloren. Sie war nur blockiert.

Das gilt für Menschen, für Beziehungen, für Betriebe und für eine Gesellschaft. Wenn etwas nicht wächst, liegt es selten daran, dass nichts da ist. Meistens ist etwas im Weg.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Manchmal ist das Beste nicht genug. Dann lautet die richtige Frage nicht „Habe ich versagt?“, sondern „Was stört?“.

Kurz gesagt

Wenn eine natürliche Entwicklung unterbrochen wird, ist eine unnatürliche Störung die Ursache. Statt nach Schuld zu fragen, frage ich: Was stört? Störungen können ein belastendes Umfeld, fehlende Anerkennung, zu viel Druck, Vernachlässigung oder falsche Strukturen sein. Wer die Störung findet und beseitigt, gibt der Entwicklung ihren Weg zurück. Die Anlage war nie verloren – nur blockiert.

Zum Nachdenken

  • Wo wächst in meinem Leben gerade etwas nicht, obwohl die Anlage da ist?
  • Was könnte dort die Störung sein?
  • Frage ich eher „Wer ist schuld?“ oder „Was stört?“

Kapitel 8 – Wenn etwas passiert

Wenn das Leben dazwischenkommt

Es gibt noch eine zweite Art, wie eine Entwicklung unterbrochen werden kann. Nicht durch eine Störung, die sich langsam einschleicht, sondern durch ein Ereignis, das plötzlich alles verändert.

Es passiert etwas. Eine Krankheit. Ein Unfall. Ein Verlust. Eine Trennung. Eine Krise. Oder auch etwas Schönes, völlig Unerwartetes: eine große Liebe, ein Kind, eine Chance, mit der niemand gerechnet hat.

Egal in welcher Form: Es passiert.

Die vorigen Handlungen werden egal

In diesem Moment zeigt sich etwas Erstaunliches: Die vorigen Handlungen werden plötzlich ganz egal.

Die Pläne von gestern. Die Streitereien von letzter Woche. Die Sorgen um Kleinigkeiten. Das mühsam Aufgebaute. Das angeblich so Wichtige. All das tritt zurück.

Warum das so ist

Warum werden die vorigen Handlungen egal? Wir haben in Kapitel 4 gesehen: Jede Handlung ist eine Ursache, und jede Ursache wirkt weiter.

Aber sie wirkt nur so lange weiter, bis neue Umstände dazukommen. Und wenn etwas Großes passiert, kommen völlig neue Umstände. Die neuen Umstände führen zu neuen Ursachen. Ab jetzt wirkt etwas anderes. Die alte Kette wird unterbrochen, und eine neue beginnt.

Um beim Bild der Dominosteine zu bleiben: Es ist, als würde jemand mitten in die Reihe greifen und die Steine neu aufstellen. Was vorher angestoßen wurde, kommt dort nicht mehr an.

Ein Beispiel

Eine Frau hat seit Monaten einen Streit mit ihrer Schwester. Es geht um das Erbe der Eltern, um alte Kränkungen, um die Frage, wer sich früher mehr gekümmert hat. Beide haben Anwälte eingeschaltet. Es ist das Thema, das ihr Leben bestimmt.

Dann bekommt die Schwester eine schwere Diagnose.

Von einem Tag auf den anderen ist der Streit egal. Das Erbe ist egal. Die alten Kränkungen sind egal. Die Frau sitzt am Krankenbett ihrer Schwester und hält ihre Hand. Was gestern noch alles war, ist heute nichts mehr.

Jeder, der schon einmal einen schweren Einschnitt erlebt hat, kennt das. Die Rangordnung dessen, was zählt, verschiebt sich vollständig.

Alles ist vorläufig

Daraus folgt ein Gedanke, der zuerst hart klingt: Unterm Strich ist alles egal.

Nicht, weil nichts Bedeutung hätte. Sondern weil keine Bedeutung von Dauer ist. Alles, was wir für unendlich wichtig halten, ist vorläufig. Es ist wichtig, solange die Umstände gleich bleiben. Wenn sie sich ändern, ändert sich auch, was wichtig ist.

Das ist keine traurige Erkenntnis. Es ist eine entlastende. Denn wer weiß, dass alles vorläufig ist, nimmt die Dinge weniger schwer. Er kann sich über Kleinigkeiten weniger aufregen. Er kann Streit leichter loslassen. Er kann Pläne machen, ohne an ihnen zu kleben.

Zwei Arten der Unterbrechung

Es hilft, die beiden Arten der Unterbrechung auseinanderzuhalten:

Die Störung Das Ereignis
Wie sie kommt langsam, oft unbemerkt plötzlich, deutlich
Was sie tut blockiert, was wachsen will verändert die Umstände selbst
Was zu tun ist finden und beseitigen annehmen und neu beginnen
Was mit dem Alten geschieht es kann wieder wachsen es darf zurücktreten

Bei einer Störung lohnt es sich, zu suchen und zu reparieren. Bei einem Ereignis lohnt es sich, loszulassen und neue Ursachen zu setzen.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Auch wer sein Bestes gibt, ist vor dem Unerwarteten nicht sicher. Wenn etwas passiert, beginnt das Beste von Neuem – unter neuen Umständen.

Kurz gesagt

Wenn etwas Großes passiert, werden die vorigen Handlungen egal. Die neuen Umstände setzen neue Ursachen, und eine neue Kette beginnt. Unterm Strich ist alles egal – nicht, weil nichts Bedeutung hat, sondern weil keine Bedeutung von Dauer ist. Alles ist vorläufig.

Zum Nachdenken

  • Welches Ereignis in meinem Leben hat die Rangordnung dessen, was zählt, verändert?
  • Worüber rege ich mich gerade auf, das mir nach einem großen Einschnitt egal wäre?
  • Was wäre mir wirklich noch wichtig, wenn morgen etwas Unerwartetes passiert?

Abschnitt 4 – Freiheit und Grenzen

Kapitel 9 – Alles ist egal: die eigene Freiheit

Was „egal“ hier bedeutet

„Alles ist egal.“ Dieser Satz klingt hart, fast gleichgültig. Man denkt an jemanden, dem nichts mehr etwas bedeutet.

Gemeint ist hier aber etwas anderes. Gemeint ist Freiheit.

Jeder kann handeln, wie er will

Jeder Mensch kann Handlungen setzen, wie er will. Nach Wunsch. Nach Laune. Nach Überzeugung. Nach Gefühl.

Niemand steht daneben und bewertet jede einzelne Entscheidung auf einer großen Waage des Universums. Ob ich heute Suppe oder Schnitzel esse, ob ich spazieren gehe oder lese, ob ich einen neuen Beruf lerne oder beim alten bleibe – das Leben lässt mir diese Freiheit. In diesem Sinn ist es „egal“: Es gibt kein vorgeschriebenes Richtig, das ich erfüllen muss.

Bis wir an Grenzen kommen

Diese Freiheit gilt so lange, bis wir an Grenzen kommen. Und Grenzen gibt es zweierlei.

Die eigenen Grenzen. Das sind Grenzen, die in uns selbst liegen:

  • unsere Kraft – wir können nicht unbegrenzt arbeiten
  • unsere Gesundheit – der Körper setzt Grenzen
  • unser Wissen – wir können nur tun, was wir können
  • unsere Ängste – sie halten uns oft von Dingen ab, die wir eigentlich könnten
  • unser Gewissen – es hält uns von Dingen ab, die wir nicht tun wollen

Vieles, was wir tun könnten, tun wir nicht, weil wir innerlich an eine Linie stoßen.

Die äußeren Umstände. Das sind Grenzen, die von außen kommen:

  • andere Menschen – mit ihren eigenen Wünschen und Rechten
  • Gesetze und Regeln
  • Geld
  • Zeit
  • Zufälle und Ereignisse, die wir nicht bestellt haben

Sie schränken ein, was möglich ist.

Die beiden Grenzen unterscheiden

Es ist wichtig, die beiden Arten von Grenzen auseinanderzuhalten. Denn mit ihnen geht man unterschiedlich um.

Eigene Grenzen kann man oft verschieben. Wissen kann man erweitern. Angst kann man überwinden. Kraft kann man aufbauen. Viele Grenzen, die wir für fest halten, sind in Wahrheit Gewohnheiten.

Äußere Umstände muss man oft annehmen. Andere Menschen kann ich nicht ändern. Ein Gesetz gilt, ob es mir passt oder nicht. Manchmal kann ich die Umstände beeinflussen, aber oft muss ich mit ihnen arbeiten.

Das knüpft an Kapitel 3 an: Es geht immer wieder um die Frage, was in meiner Hand liegt und was nicht.

Ein Beispiel

Ein Mann in den Fünfzigern träumt davon, ein kleines Café zu eröffnen. Er sagt: „Dafür bin ich zu alt. Und ich habe keine Ahnung von Gastronomie.“

Schauen wir genauer hin. „Zu alt“ – ist das eine äußere Grenze? Nein. Es ist eine eigene Grenze, eine Annahme. „Keine Ahnung von Gastronomie“ – auch das ist eine eigene Grenze. Man kann lernen, sich beraten lassen, klein anfangen.

Echte äußere Grenzen wären vielleicht: Das Geld reicht nur für ein kleines Lokal. Die Miete in der Innenstadt ist zu hoch. Das kann er nicht ändern, aber er kann damit arbeiten – etwa mit einem kleinen Café in einem anderen Bezirk.

Der Spielraum ist größer, als er dachte.

Der Spielraum ist groß

Innerhalb dieser Grenzen ist der Spielraum groß. Größer, als die meisten glauben.

Viele Menschen leben weit innerhalb ihrer Möglichkeiten. Nicht, weil die Grenzen so eng wären, sondern weil sie nie geprüft haben, wo die Grenzen wirklich liegen.

Kurz gesagt

„Alles ist egal“ bedeutet: Jeder kann handeln, wie er will – nach Wunsch, Laune oder Überzeugung. Diese Freiheit gilt, bis man an Grenzen kommt: an eigene Grenzen, die man oft verschieben kann, und an äußere Umstände, die man oft annehmen muss. Innerhalb dieser Grenzen ist der Spielraum größer, als die meisten glauben.

Zum Nachdenken

  • Was würde ich tun, wenn ich wirklich frei wäre?
  • Welche meiner Grenzen ist eine eigene – und welche kommt von außen?
  • Welche eigene Grenze könnte ich verschieben?

Kapitel 10 – Und nichts ist egal: das eigene Leben

Der zweite Teil des Satzes

In den letzten beiden Kapiteln haben wir gesehen, warum so vieles egal ist: weil nichts fix ist, weil jede Lage sich ändern kann und weil wir frei sind, zu handeln, wie wir wollen.

Und trotzdem gilt: Nichts ist egal.

Wie passt das zusammen?

Was bleibt, wenn alles andere wegfällt

Es gibt eines, das unter allen Widrigkeiten bleibt. Durch alle Veränderungen hindurch. Durch alle Ereignisse, Störungen und Umbrüche: das eigene Leben.

Wenn alles andere wegfällt – wenn Pläne zerbrechen, Umstände sich drehen, Besitz verloren geht, Beziehungen enden –, dann bleibt dieses eine. Mein Leben. Mein Atem. Mein Bewusstsein. Meine Fähigkeit, im nächsten Moment wieder eine Handlung zu setzen.

Das ist nicht egal. Das ist das Einzige, das nie egal ist.

Denken Sie noch einmal an die Frau am Krankenbett ihrer Schwester aus Kapitel 8. Der Streit war plötzlich egal. Das Erbe war egal. Aber das Leben der Schwester war nicht egal. Und ihr eigenes Leben, ihre Zeit, ihre Nähe, ihre Liebe – das war in diesem Moment das Wichtigste überhaupt.

Warum deshalb auch jede Handlung zählt

Und weil das eigene Leben nicht egal ist, ist auch jede Handlung nicht egal, die dieses Leben trägt, schützt oder schwächt.

Erinnern Sie sich an Kapitel 4: Jede Handlung ist eine Ursache. Jede Handlung ist ein Same. Und jede Ursache wirkt weiter, bis neue Umstände sie ablösen.

Das bedeutet: Auch wenn im großen Ganzen vieles egal ist – in meinem eigenen Leben ist jede Handlung ein Same, der etwas wachsen lässt. Wie ich mit meinem Körper umgehe. Wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe. Womit ich meine Tage fülle. Das alles zählt. Nicht vor einem Richter, sondern für mein eigenes Leben.

Hier schließt sich der Kreis

Jetzt können wir die beiden Seiten zusammenbringen:

Alles ist egal – weil nichts fix ist und jede Lage sich ändern kann. Keine Bedeutung ist von Dauer. Ich muss mich an nichts festklammern.

Nichts ist egal – weil das eigene Leben bleibt und jede Handlung darin eine Ursache setzt. Ich bin verantwortlich für das, was ich säe.

Beides ist wahr. Gleichzeitig.

Wie man beides zugleich lebt

Das klingt zunächst schwierig. Wie soll ich gleichzeitig gelassen und verantwortlich sein?

Ein Bild hilft: Stellen Sie sich einen Kapitän auf einem Schiff vor. Das Meer ist nicht fix. Das Wetter ändert sich. Stürme kommen und gehen. Darüber regt sich ein guter Kapitän nicht auf. Das ist für ihn „egal“ – er kann es nicht ändern.

Aber sein Schiff und seine Mannschaft sind ihm nicht egal. Jede Entscheidung, die er am Steuer trifft, zählt. Er ist gelassen gegenüber dem Meer und aufmerksam gegenüber dem Schiff.

So kann man leben: gelassen gegenüber dem, was sich ohnehin verändert, und aufmerksam gegenüber dem eigenen Leben.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Es ist egal, ob mein Bestes reicht. Es ist nie egal, ob ich es gebe.

Kurz gesagt

Nichts ist egal, weil eines immer bleibt: das eigene Leben. Und weil das eigene Leben nicht egal ist, zählt jede Handlung, die es trägt, schützt oder schwächt. Alles ist egal, weil nichts fix ist. Nichts ist egal, weil ich lebe. Beides ist wahr, gleichzeitig.

Zum Nachdenken

  • Was in meinem Leben ist mir wirklich nicht egal?
  • Welche meiner täglichen Handlungen stärken mein Leben, welche schwächen es?
  • Wo darf ich gelassener sein – und wo aufmerksamer?

Abschnitt 5 – Die Haltung

Kapitel 11 – Ich tue nichts – aber ich tu es

Ein scheinbarer Widerspruch

Jetzt kommen wir zu dem Satz, mit dem alles begonnen hat: „Ich tue nichts – aber ich tu es.“

Auf den ersten Blick klingt dieser Satz wie ein Widerspruch. Wie kann jemand nichts tun und es gleichzeitig tun?

Nach allem, was wir in diesem Buch gesehen haben, lässt er sich jetzt verstehen.

Zwei Arten von Tun

Es gibt zwei Arten von Tun.

Das erste Tun drängt, zieht und erzwingt. Es will ein Ergebnis, sofort und um jeden Preis. Es zieht am verknoteten Seil. Es trainiert den Muskel bis zur Verletzung. Es schimpft das Kind, das schlechter wird. Es kämpft gegen den Stau. Dieses Tun ist anstrengend und oft vergeblich, weil es gegen die Logik des Lebens arbeitet.

Das zweite Tun lässt geschehen, was geschehen will – und ist trotzdem ganz da. Es beobachtet. Es schafft Raum. Es sorgt für die richtigen Bedingungen. Und dann lässt es los. Dieses Tun ist ruhig und wirksam, weil es mit der Logik des Lebens arbeitet.

Wenn ich sage „Ich tue nichts“, meine ich: Ich tue nichts von der ersten Art. Wenn ich sage „aber ich tu es“, meine ich: Ich tue alles von der zweiten Art.

Das Bild vom Gärtner

Der Gärtner zieht nicht an der Pflanze, damit sie schneller wächst. Das wäre sinnlos – er würde sie nur ausreißen.

Er tut scheinbar nichts. Und doch tut er alles, was nötig ist:

  • Er wählt den richtigen Samen.
  • Er bereitet den Boden.
  • Er gießt zur richtigen Zeit.
  • Er schützt vor Frost und Schädlingen.
  • Er entfernt, was stört.
  • Und er wartet.

Das Wachsen selbst übernimmt die Natur.

Das ist „Ich tue nichts – aber ich tu es“ in einem Bild.

Wie alle Gedanken hier zusammenkommen

In diesem Satz treffen sich alle Gedanken dieses Buches:

  • Alles ist einfach: Der Gärtner braucht keine komplizierten Methoden. Er kümmert sich um die einfachen Grundlagen.
  • Nichts ist fix: Er weiß, dass Wetter und Jahreszeiten wechseln, und stellt sich darauf ein.
  • Was man ändern kann: Er kümmert sich um den Boden, nicht um den Regen.
  • Jede Handlung ist eine Ursache: Was er heute tut, erntet er im Herbst.
  • Das Bild vom Samen: Er respektiert die Art, gestaltet die Umgebung und pflegt.
  • Alles hat eine Logik: Er erzwingt keinen Schritt.
  • Wenn etwas nicht wächst: Er sucht die Störung, statt die Pflanze zu beschimpfen.
  • Wenn etwas passiert: Wenn ein Hagel die Ernte zerstört, beginnt er neu.
  • Freiheit und Grenzen: Er entscheidet frei, was er pflanzt, innerhalb der Grenzen von Boden und Klima.
  • Das eigene Leben: Sein Garten ist ihm nicht egal. Deshalb ist er da, jeden Tag.

Verantwortung, aber keine Einmischung

Das Wesentliche lässt sich in einem Satz sagen:

Ich mische mich nicht in das ein, was sich von selbst entwickeln will. Aber ich übernehme Verantwortung für das, was in meiner Hand liegt.

Das gilt für Eltern, die ihr Kind nicht zu etwas machen wollen, was es nicht ist, aber ihm gute Bedingungen geben. Es gilt für Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter nicht kontrollieren, aber ihnen Vertrauen und Orientierung geben. Es gilt für jeden, der an sich selbst arbeitet: Ich kann mich nicht zwingen, ein anderer Mensch zu werden. Aber ich kann Bedingungen schaffen, in denen ich wachse.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Das Beste zu geben heißt nicht, etwas zu erzwingen. Es heißt, ganz da zu sein bei dem, was ich tue.

Kurz gesagt

„Ich tue nichts – aber ich tu es“ beschreibt zwei Arten von Tun. Ich verzichte auf das Tun, das drängt und erzwingt. Und ich tue alles, was Bedingungen schafft, schützt und Störungen beseitigt. Wie der Gärtner: Er zieht nicht an der Pflanze, aber er ist jeden Tag da. Ich mische mich nicht ein in das, was sich von selbst entwickeln will, aber ich übernehme Verantwortung für das, was in meiner Hand liegt.

Zum Nachdenken

  • Wo ziehe ich gerade an der Pflanze, statt den Boden zu bereiten?
  • Wo könnte ich weniger drängen und mehr da sein?
  • Wofür übernehme ich Verantwortung – und wo mische ich mich ein, wo ich nichts erzwingen kann?

Kapitel 12 – Vertrauen verpflichtet

Zwei Sätze, die mich begleiten

Neben den beiden Sätzen, die diesem Buch den Rahmen geben, begleiten mich seit vielen Jahren zwei weitere. Sie sind weniger philosophisch. Sie sind eher so etwas wie Spielregeln für den Umgang mit Menschen.

Der erste lautet: „Vertrauen verpflichtet.“

Der zweite: „Betrüge niemanden absichtlich.“

Beide klingen selbstverständlich. Doch wer genauer hinschaut, merkt: In ihnen steckt dieselbe Logik wie in allem anderen, worüber wir in diesem Buch gesprochen haben. Es geht um Ursache und Wirkung. Um das, was wir säen, und das, was daraus wächst.

Der Vertrauensvorschuss

Vertrauen beginnt fast immer mit einem Vorschuss. Jemand gibt mir etwas, bevor ich es verdient habe. Er glaubt an mich, obwohl er noch keinen Beweis hat.

Ich habe das in meinem Leben immer wieder erlebt. Als ich ohne Geld und ohne Perspektive aus Rio zurückkam, hat meine jüngere Schwester für meinen ersten Kredit gebürgt. Sie hatte keinen Grund dafür, außer dass sie an mich glaubte. Ein Steuerberater hat mir einen Geschäftskredit vermittelt, ganz ohne Sicherheiten. Und als ich den Kaufvertrag für meinen ersten Schnitzelkiosk bereits unterschrieben hatte und die Bank den Kredit plötzlich nicht freigab, griff ein Bankmitarbeiter zum Telefon. Ein Direktor, den ich nie zuvor gesehen hatte, gab mir noch am selben Tag einen Scheck über den gesamten Kaufpreis. Den Vertrag unterschrieben wir erst Tage später.

Keiner dieser Menschen hat mir etwas geschuldet. Sie haben mir einen Vorschuss gegeben.

Mir ist dabei etwas aufgefallen: Einen solchen Vorschuss bekommt man vor allem dann, wenn man positiven Menschen gegenübersteht. Menschen, die grundsätzlich an das Gute glauben, geben leichter Vertrauen. Sie gehen in Vorleistung. Das ist ein Geschenk. Und wie jedes Geschenk ist es kein Anspruch, den man einfordern kann.

Warum Vertrauen verpflichtet

Wer einen Vertrauensvorschuss bekommt, bekommt einen Samen in die Hand gelegt. Was daraus wächst, hängt nicht mehr vom Geber ab, sondern von dem, der ihn bekommen hat.

Für mich war das immer eine innere Verpflichtung. Nicht, weil mich jemand dazu gezwungen hätte. Kein Vertrag der Welt kann regeln, ob ich einem Menschen gerecht werde, der mir vertraut. Die Verpflichtung entsteht in mir selbst. Ich spüre: Da hat jemand etwas riskiert – für mich. Also sorge ich dafür, dass er es nicht bereut.

Das heißt nicht, dass immer alles gelingt. Es heißt, dass ich alles tue, damit es gelingt. Ich zahle zurück, was ich schulde. Ich halte, was ich verspreche. Und wenn ich etwas nicht halten kann, sage ich es rechtzeitig und ehrlich.

Die Logik dahinter

Im vierten Kapitel haben wir gesagt: Jede Handlung ist eine Ursache, und jede Ursache wirkt weiter. Beim Vertrauen sieht man das besonders deutlich.

Wenn ich einem Vorschuss gerecht werde, geschieht dreierlei:

  • Der Geber wird bestätigt. Er hat richtig entschieden. Das stärkt ihn – und er wird auch in Zukunft Vertrauen schenken, mir und anderen.
  • Mein Ruf wächst. Wer einmal gezeigt hat, dass man sich auf ihn verlassen kann, bekommt beim nächsten Mal leichter Vertrauen. Der Bankmitarbeiter, der für mich zum Telefon griff, kannte mich von früheren Geschäften. Ohne diese frühere Ursache hätte es diesen Anruf nie gegeben.
  • Ich selbst werde stärker. Jeder erfüllte Vorschuss gibt mir die Gewissheit: Ich kann das. Man hat an mich geglaubt, und es war berechtigt.

Wenn ich einem Vorschuss nicht gerecht werde, geschieht dasselbe in die andere Richtung. Der Geber wird enttäuscht und schenkt künftig weniger Vertrauen – vielleicht auch anderen nicht mehr, die es verdient hätten. Mein Ruf leidet. Und ich selbst trage ein Stück Unehrlichkeit mit mir herum.

Vertrauen ist wie ein Konto. Jeder erfüllte Vorschuss ist eine Einzahlung. Jeder enttäuschte Vorschuss eine Abhebung. Und wie bei jedem Konto gilt: Man kann nur so lange abheben, wie etwas drauf ist.

Betrüge niemanden absichtlich

Der zweite Satz, der mich begleitet, ist die Kehrseite des ersten: „Betrüge niemanden absichtlich.“

Das Wort, auf das es ankommt, ist „absichtlich“. Denn ich weiß aus Erfahrung: Man kann jemanden enttäuschen, ohne es zu wollen. Man trifft eine Fehlentscheidung, die für den anderen wie Betrug aussieht. Man verwechselt etwas. Man setzt eine Handlung, von der der andere nicht ausgegangen ist, weil man selbst von etwas anderem ausgegangen ist.

Ich habe das in meinem Berufsleben oft erlebt – auf beiden Seiten. In einem Unternehmen mit vielen Filialen, Lieferanten und Mitarbeitern passieren jeden Tag Dinge, die niemand so gewollt hat. Eine Lieferung wird falsch verbucht. Eine Zusage wird unterschiedlich verstanden. Ein Mitarbeiter glaubt, er habe die Erlaubnis für etwas, das ich nie erlaubt hätte. Von außen kann so etwas aussehen wie Absicht. In Wahrheit ist es ein Missverständnis.

Der Unterschied zwischen Absicht und Versehen ist entscheidend. Absichtlicher Betrug ist eine bewusste Ursache, die Schaden anrichten soll. Ein Versehen ist eine Ursache, die in eine Richtung wirkt, die niemand geplant hat. Das Ergebnis mag im ersten Moment gleich aussehen. Die Logik dahinter ist eine völlig andere.

Erst nachfragen, dann urteilen

Wenn mir so etwas passiert – wenn ich mich von jemandem hintergangen fühle –, habe ich mir angewöhnt, nicht sofort zu urteilen. Ich frage zuerst nach: Ist das wirklich ernst gemeint? Oder war es nur ein Versehen?

Diese einfache Frage hat mir viele Konflikte erspart. Denn meistens stellt sich heraus: Der andere wollte es gar nicht. Er hat etwas falsch verstanden, etwas übersehen, etwas verwechselt. Und oft tut es ihm im Nachhinein genauso leid wie mir.

Ich habe aber auch die andere Seite erlebt: Ich habe in einer Zeit großer Angst eine Entscheidung getroffen, ohne nachzufragen. Mein Geschäftsführer hatte, während ich krank war, die Preise erhöht. Ich sah darin eine Gefahr für mein Lebenswerk und stellte ihn frei. Heute weiß ich, dass seine Strategie funktioniert hätte. Hätte ich damals ruhig nachgefragt, statt aus der Angst heraus zu handeln, wäre vieles anders gekommen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, wie wichtig die Frage vor dem Urteil ist.

Nachfragen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Klarheit. Wer fragt, gibt dem anderen die Möglichkeit, sich zu erklären. Und er gibt sich selbst die Möglichkeit, die Situation richtig einzuordnen.

Zurück zum Start

Wenn sich ein Missverständnis aufgeklärt hat, bleibt die Frage: Und jetzt?

Meine Antwort ist einfach: zurück zum Start.

Im nächsten Kapitel lautet der erste der zehn Grundsätze: „Zurück zur Ursache.“ Wenn etwas kompliziert geworden ist, füge ich nichts hinzu, sondern frage: Wo hat es angefangen? Genau das gilt auch hier. Ein Missverständnis ist eine Verwicklung, die sich auf eine einfache Ursache zurückführen lässt – eine Verwechslung, eine unklare Absprache, eine falsche Annahme. Wenn diese Ursache erkannt ist, ist der Knoten gelöst.

Dann gibt es keinen Grund, den anderen weiter zu bestrafen. Keinen Grund, nachtragend zu sein. Beide wissen, was passiert ist. Beide bedauern es. Also stellt man die Dominosteine wieder auf und beginnt von vorne.

Das ist die Verbindung zu „Alles ist egal – und nichts ist egal“. Egal ist, wer in dieser einen Situation recht hatte. Egal ist der Ärger des Augenblicks. Nicht egal ist die Beziehung zu einem Menschen, der es gut gemeint hat. Und nicht egal ist das Vertrauen, das zwischen zwei Menschen wachsen kann, wenn sie einander Fehler zugestehen.

Wo die Grenze liegt

Zurück zum Start heißt nicht, alles hinzunehmen. Wenn sich herausstellt, dass jemand bewusst getäuscht hat, ist das keine Verwechslung mehr. Dann ist es eine Absicht, und die hat Folgen. Auch das habe ich erlebt, und auch das gehört zur Logik: Wer bewusst eine schädliche Ursache setzt, muss mit ihrer Wirkung leben.

Aber diese Fälle sind seltener, als man glaubt. Die meisten Menschen, denen man begegnet, wollen niemanden betrügen. Sie machen Fehler, wie wir alle. Wer das vergisst und hinter jedem Fehler eine Absicht vermutet, macht sich das Leben unnötig schwer – und vergiftet Beziehungen, die eigentlich tragfähig wären.

Was daraus folgt

Wenn ich beide Sätze zusammennehme, ergibt sich eine einfache Haltung:

  • Ich nehme einen Vertrauensvorschuss als Verpflichtung an, nicht als Selbstverständlichkeit.
  • Ich tue alles, um ihm gerecht zu werden.
  • Ich betrüge niemanden absichtlich.
  • Wenn ich mich betrogen fühle, frage ich zuerst nach, bevor ich urteile.
  • Wenn es ein Versehen war, gehe ich zurück zum Start.
  • Wenn es Absicht war, ziehe ich Konsequenzen – ruhig und klar.

So verstanden ist Vertrauen kein naiver Glaube an das Gute. Es ist eine Ursache, die man bewusst setzt, und eine Pflicht, die man bewusst trägt. Und wie jeder gute Same wächst es, wenn man es pflegt.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Wer einen Vertrauensvorschuss bekommt, gibt sein Bestes, um ihm gerecht zu werden. Mehr kann man nicht verlangen – weniger sollte man nicht geben.

Kurz gesagt

Vertrauen beginnt mit einem Vorschuss, den man nicht verdient hat. Wer ihn bekommt, ist innerlich verpflichtet, ihm gerecht zu werden. Niemand sollte absichtlich betrügen – aber Fehler und Missverständnisse passieren. Deshalb gilt: erst nachfragen, dann urteilen. Und wenn es ein Versehen war: zurück zum Start.

Zum Nachdenken

  • Wer hat mir in meinem Leben einen Vertrauensvorschuss gegeben – und bin ich ihm gerecht geworden?
  • Wem gebe ich selbst einen Vorschuss, und woran erkenne ich, ob er berechtigt ist?
  • Wann habe ich jemanden verurteilt, ohne vorher nachzufragen?
  • Gibt es eine Beziehung, in der ich heute „zurück zum Start“ gehen könnte?

Kapitel 13 – Zehn Grundsätze für den Alltag

Aus Gedanken wird Haltung

Gedanken allein verändern wenig. Erst wenn sie zur Haltung werden, verändern sie das Leben. Deshalb fasse ich hier alles, was wir gesehen haben, in zehn einfache Grundsätze zusammen. Sie können sie aufschreiben, an den Kühlschrank hängen oder jeden Morgen einen davon lesen.

1. Zurück zur Ursache. Wenn etwas kompliziert geworden ist, füge ich nichts hinzu. Ich frage: Wo hat es angefangen? Was war das Einfache darunter? Im Alltag: Bevor ich in einen Streit einsteige, frage ich mich: Worum geht es eigentlich?

2. Hinschauen statt urteilen. Wenn etwas nicht wächst, frage ich nicht zuerst: Wer ist schuld? Ich frage: Was stört? Im Alltag: Wenn jemand schlecht gelaunt ist, frage ich mich zuerst, was ihn belastet – statt ihn zu verurteilen.

3. Unterscheiden, was in meiner Hand liegt. Meine Kraft gehört dem, was ich ändern kann. Das andere nehme ich an. Dabei unterscheide ich meine eigenen Grenzen, die ich oft verschieben kann, von den äußeren Umständen, die ich oft annehmen muss. Im Alltag: Ich schreibe auf ein Blatt zwei Spalten: „Kann ich ändern“ und „Kann ich nicht ändern“.

4. Nichts festhalten, was nicht fix ist. Ich klammere mich nicht an Zustände, die sich ohnehin verändern. Ich respektiere die Naturgesetze und nehme den Rest als beweglich an. Im Alltag: Wenn sich etwas ändert, sage ich mir: Es war nie fix, es war nur lange gleich.

5. Bedingungen schaffen statt erzwingen. Ich kann nichts zum Wachsen zwingen. Aber ich kann Boden bereiten, Licht geben und schützen. Im Alltag: Statt jemandem zu sagen, er soll sich ändern, frage ich: Was braucht er, um wachsen zu können?

6. Ursachen bewusst setzen. Was ich heute säe, ernte ich morgen. Jede Handlung ist ein Same. Im Alltag: Ich setze jeden Tag bewusst eine gute Ursache – ein freundliches Wort, eine kleine Hilfe, einen Schritt in Richtung eines Ziels.

7. Die eigene Freiheit nutzen. Innerhalb meiner Grenzen kann ich handeln, wie ich will. Ich warte nicht auf Erlaubnis. Im Alltag: Ich frage mich: Was würde ich tun, wenn ich nicht auf die Meinung anderer warten würde?

8. Gelassen bleiben, wenn etwas passiert. Wenn Umstände sich ändern, sind die alten Pläne egal. Ich setze neue Ursachen, statt den alten nachzutrauern. Im Alltag: Wenn ein Plan scheitert, frage ich nicht: Warum ich? Sondern: Was ist jetzt der nächste gute Schritt?

9. Vertrauen in die Logik des Lebens. Was richtig angelegt und gut gepflegt ist, entwickelt sich. Nicht immer so schnell, wie ich es mir wünsche. Aber verlässlich. Im Alltag: Wenn etwas länger dauert als gedacht, erinnere ich mich an den Samen: Er wächst, auch wenn ich es noch nicht sehe.

10. Das eigene Leben in die Mitte stellen. Es ist das Einzige, das nie egal ist. Was ihm dient, hat Vorrang. Im Alltag: Bei jeder großen Entscheidung frage ich mich: Stärkt das mein Leben – oder schwächt es?

Kurz gesagt

Die zehn Grundsätze machen aus Gedanken eine Haltung. Sie sind einfach, aber sie wirken, wenn man sie jeden Tag ein kleines Stück lebt.

Schlussgedanke

Alles ist einfach, auch wenn es kompliziert aussieht.

Nichts ist fix, außer den Gesetzen der Natur.

Alles hat eine Logik und wächst, wenn man es lässt.

Alles ist egal, weil jeder Moment neu beginnen kann.

Und nichts ist egal, weil ich es bin, der lebt.

„Ich tue nichts – aber ich tu es.“ Ich zwinge nicht, ich ziehe nicht, ich dränge nicht. Aber ich bin da. Ich schaue hin, ich pflege, ich räume weg, was stört. Und dann lasse ich wachsen, was wachsen will.

Das ist kein Nichtstun und keine Gleichgültigkeit. Es ist die höchste Form des Tuns: loslassen, ohne gleichgültig zu werden, und handeln, ohne sich zu verkrampfen – im Einklang mit der Logik des Lebens.

Zwischenwort – Vom Erkannten zum Erlebten

Sie haben jetzt die Gedanken gelesen. Vielleicht haben Sie beim einen oder anderen Kapitel gedacht: „Das klingt einfach – aber gilt das auch, wenn es ernst wird?“

Diese Frage ist berechtigt. Und sie ist der Grund, warum dieses Buch einen zweiten Teil hat.

Denn diese Gedanken sind nicht am Schreibtisch entstanden. Sie sind in Rio entstanden, als mein erster Traum scheiterte. Am Marktstand um fünf Uhr früh. Am Kiosk. In den Jahren, in denen mein Unternehmen wuchs, und in den Monaten, in denen ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll.

Im zweiten Teil erzähle ich diesen Weg. Nicht als Beweis, dass ich recht habe, sondern als Beispiel dafür, wie die Logik des Lebens in einem ganz gewöhnlichen Leben wirkt – mit allen Umwegen, Fehlern und Neuanfängen.

Am Ende jedes Kapitels finden Sie einen kurzen Hinweis: Die Logik dahinter. Er zeigt, zu welchem Gedanken aus dem ersten Teil die Geschichte gehört.

Zweiter Teil – Mein Weg

An der Copacabana

Auf unserem Hof arbeitete damals ein Brasilianer: Im Rahmen einer Kooperation von Österreich und Brasilien konnte der junge Mann, der in seinem Heimatland Landwirtschaft studierte (lateinamerikanisches Äquivalent zur Universität für Bodenkultur), praktische Erfahrungen in einem bäuerlichen Betrieb in Österreich sammeln. Wir kamen ins Gespräch und er entfachte in mir den Traum von einem neuen Leben in Rio de Janeiro. Dieses Mal war es keine spontane Flucht, sondern ein wohlgeplanter Aufbruch. Ich erzählte den Gleichaltrigen im Dorf davon, von denen manche sogar überlegten, mitzufahren. Doch als es ernst wurde, zogen sie sich zurück. Ich aber hielt beharrlich an meiner Idee fest, buchte ein One-Way-Ticket – eine Seltenheit damals – und nahm nach einer erfolgreichen Bauernmarkt-Veranstaltung die Hälfte des Geldes aus der Kasse, um den Start in Brasilien zu finanzieren.

Meine damalige Freundin Anni weihte ich erst drei Tage vor dem Abflug ein. Wir waren schon seit einiger Zeit ein Paar. Ich hatte sie in jenem Gasthaus kennengelernt, in dem ich mich immer aufwärmte, wenn wir morgens zum Markt fuhren. Es war der Betrieb ihrer Eltern, und Anni arbeitete dort als Kellnerin. Bei meiner Abreise nach Brasilien versprachen wir uns unter Tränen, dass sie nachkommen würde, sobald ich Fuß gefasst hatte. Der Abschied schmerzte, ebenso wie die Trennung von meiner Familie – vor allem von meinem Vater. Trotz unserer Differenzen und seiner Fehlschläge als Kaufmann war er ein wichtiger Anker in meinem Leben.

Die Reise begann aufregend. Neben mir im Flugzeug nach Lissabon saß ein Rechtsanwalt, mit dem ich, trotz meiner holprigen Englischkenntnisse, ins Gespräch kam. Ich erzählte ihm von meinem Traum, einem Neuanfang in Brasilien, wo ich mir eine finanziell erfolgreiche Zukunft aufbauen wollte.

Er hörte aufmerksam zu, stellte kluge Fragen, lachte an den richtigen Stellen. Ein angenehmer Gesprächspartner, dachte ich – bis plötzlich seine Hand auf meinem Knie lag. Mein Körper versteifte sich. Was wollte er von mir? Da flüsterte er: „Ich habe eine Villa in Lissabon. Steig mit mir aus und ich verspreche dir ein sorgenfreies Leben. Alle drei Monate komme ich vorbei und dann teilen wir uns eine Frau.“ Ich war entsetzt. In meiner Welt sprach niemand über solche Dinge. Homosexualität oder gar Bisexualität waren Tabuthemen.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und schob seine Hand bestimmt zurück. „Nein“, sagte ich ruhig. „Das ist nichts für mich.“ Bis zum Ende des Fluges sprachen wir kein Wort mehr miteinander und ich vermied jeden Blickkontakt. Ich starrte aus dem Fenster und dachte an Brasilien, wo ich endlich reich werden wollte. Beim Weiterflug nach Rio unterhielt ich mich mit einem Schweizer, der auf dem Weg nach Argentinien war. Er hielt meine Pläne für verrückt – doch ich war fest entschlossen.

Endlich in Rio angekommen, mussten zunächst einmal praktische Reiseprobleme gelöst werden: Es war Grand-Prix-Woche, die Hotels waren überfüllt und teuer. Erst nach Mitternacht fand ich ein Zimmer. Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg zum Meer – zum ersten Mal sah ich die legendäre Copacabana. Doch anstelle von Staunen überkam mich Heimweh, begleitet von einer bitteren Wut auf meinen Vater, der mich in meinen Augen zum Fortlaufen gezwungen hatte.

Ich schüttelte die negativen Gefühle ab und konzentrierte mich stattdessen darauf, meine Geschäftsidee umzusetzen. Ich wollte Menschen mit Sonnenöl einsprühen. Inspiriert dazu hatte mich ein Artikel über ein paar Jungs, die das angeblich erfolgreich an der Côte d’Azur machten. Heute ist mir klar, wie naiv meine Pläne damals waren.

Die Umsetzung meiner „Geschäftsidee“ gestaltete sich schwierig: Nach langem Suchen fand ich eine geeignete Sprühflasche und kaufte Sonnenöl dazu. Doch mein Auftritt als käseweißer Österreicher wirkte wenig überzeugend. Einige Touristen ließen sich zwar besprühen, aber als ich Geld verlangte, winkten sie ab. Die Sonne brannte unbarmherzig auf mich herab. Ich selbst hatte mich nicht eingesprüht und ich wurde rot wie ein Krebs. Die nächsten Tage musste ich im Hotel verbringen.

Dank des Tipps eines freundlichen Pagen übersiedelte ich in ein günstigeres Hotel. Dort machte ich erstmals Bekanntschaft mit Kakerlaken, die mich eine Nacht lang wachhielten. Erneut überkamen mich schreckliches Heimweh und Zweifel, also rief ich meine Familie an. Die Stimme meiner kleinen Schwester tröstete mich und ich spürte tief in mir drinnen, dass mir die Welt offenstand.

Nachdem meine Sonnenöl-Episode überstanden war, erinnerte ich mich an Rudi, dessen Telefonnummer mir der Austauschstudent auf dem Hof meiner Eltern aufgeschrieben hatte. Die beiden waren alte Bekannte, und Rudi war wohl der Grund gewesen, dass der junge Mann für seinen Auslandsaufenthalt nach Österreich aufgebrochen war. Rudi war Zahntechniker und stammte ursprünglich aus Wien. Auch er hatte sich aufgemacht, um sein Glück in Brasilien zu versuchen. Ich rief ihn an und wir verstanden uns auf Anhieb. Nach dem ersten Kennenlernen begannen wir, gemeinsam Pläne zu schmieden. Mein mitgebrachter Schinken fand großen Anklang – besonders bei einem Hotelmanager aus der Schweiz. „Wenn du das hier produzieren kannst, werde ich dein erster Kunde“, versprach er. Voller Tatendrang suchten Rudi und ich nach Fleischlieferanten. Portugiesische und deutsche Metzgereien boten die beste Qualität. Doch die Zusammenarbeit scheiterte an meinen hohen Forderungen.

Durch Rudis Kontakte ergab sich schließlich die Möglichkeit, die Produktion im Wochenendhaus eines Zahnarztes außerhalb von Rio zu starten. Alles, was wir brauchten, war eine Kühltruhe und eine kleine Räucherkammer. Bald durchzog der Duft von geräuchertem Fleisch das Haus. Unser erster selbst produzierter Schinken kam gut an. Wir verkauften einige Kilogramm an Hotels und bei einem deutschen Kirchenfest. Doch der große Durchbruch blieb aus.

Mein Geld schmolz dahin. Ich zog in Rudis Appartement, doch ohne Aufenthaltsbewilligung und festes Einkommen wurde die Lage zunehmend schwierig. Schweren Herzens entschloss ich mich zur Rückkehr nach Österreich. Das Flugticket finanzierte Rudi, der mir ein guter Freund geworden war. Unser gemeinsamer Traum von der Schinkenproduktion in Brasilien war jedoch gescheitert.

Die Zeit in Rio hatte mich verändert. Sie hatte mich gelehrt, für meine Träume zu kämpfen und dranzubleiben, auch wenn etwas nicht sofort funktioniert. Und sie hatte einen Gedanken tief in mein Unterbewusstsein gepflanzt: „Das Leben hält noch viele Chancen bereit – ich muss nur den Mut haben, sie zu ergreifen.“

Die Logik dahinter · Kapitel 5 – Das Bild vom Samen
Der Traum in Rio ist gescheitert – und hat doch einen Samen gelegt, der später aufgegangen ist.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Ich habe in Rio alles gegeben, und es war nicht genug. Das musste ich annehmen – und es war trotzdem nicht umsonst.

Die Erschaffung meines Selbst

Als ich mit dem Flugzeug aus Rio kommend in Wien landete, hatte ich nichts außer einer vagen Idee von dem Leben, das ich führen wollte. Die Zukunft lag vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt – voller Möglichkeiten, aber auch voller Unsicherheiten. Doch eine Stimme in mir flüsterte unaufhörlich: „Du bist nicht hier, um ein gewöhnliches Leben zu führen. Du bist hier, um Großes zu erreichen.“

Ich konnte nichts vorweisen: kein Geld, keine Perspektive, nicht einmal ein eigenes Auto. Deswegen prallte ich ständig an den Widerstand meines Umfelds. Oder um es konkret zu sagen: Man hielt mich für einen Spinner.

Nach Hause zu ziehen, stand nicht zur Debatte. Ich zog vorübergehend zu meiner Freundin, begeistert war sie allerdings nicht. Eines Abends fragt sie: „Was willst du eigentlich mit deinem Leben anfangen?“ Ich spürte ihre Enttäuschung und konnte dennoch keine klare Antwort geben. Sie hätte es nicht verstanden, denn tief in mir wusste ich: Mein Unterbewusstsein arbeitete bereits für mich – es formte meinen Weg, auch wenn ich ihn selbst bis jetzt nicht erkennen konnte.

Mein Vater war keine Hilfe. Während eines seiner cholerischen Anfälle schrie er mich an: „Wenn du glaubst, du kannst tun und lassen, was du willst, dann irrst du dich.“ Daraufhin nahm er mir den Hausschlüssel ab, drehte sich um und ging. Ich war wie gelähmt. Doch schon bald regte sich innerer Widerstand und ich fragte mich: „Soll ich mich dem Urteil anderer beugen oder auf meine innere Stimme hören?“

Ohne Einkommen und eigenen Wohnsitz streifte ich tagelang zu Fuß durch Wien, weil ich mir nicht einmal einen Fahrschein für die Straßenbahn leisten konnte. Essen bekam ich bei meiner Freundin, und manchmal steckte mir meine Mutter heimlich ein paar Scheine zu. Ich lieh mir Geld von einem Bekannten, doch mir war bewusst: Von einer echten, dauerhaften Lösung war ich weit entfernt.

Ich war verzweifelt und wusste vorerst keinen anderen Weg, als wieder nach Hause zurückzukehren. Meine Mutter und meine Schwestern empfingen mich mit offenen Armen – ihre Liebe gab mir Halt. Mein Vater wartete auf eine Entschuldigung, doch ich brachte keine Worte der Reue über die Lippen. Zu tief saß der Schmerz unserer Konflikte, zu oft hatten seine Worte Wunden hinterlassen. Dennoch trafen wir eine Abmachung: Ich durfte mein Leben selbst gestalten. Und wenn ich zu Hause arbeitete, würde er mich dafür bezahlen.

Die Spannung zwischen uns blieb trotz allem wie eine unsichtbare Mauer bestehen. Seine Kritik und sein Spott nagten an meinem Selbstvertrauen. Ich wusste, dass ich meinen ganz persönlichen Weg finden musste, um auf eigenen Beinen zu stehen. Ich spürte, vor mir lag meine erste große Richtungsentscheidung. Letztlich gelang es mir, die richtigen Entscheidungen zu treffen und den Weg einzuschlagen, der mich meinem großen Ziel näherbrachte. War es Schicksal? Zufall? Göttliche Fügung oder die Kraft meines Unterbewusstseins? War es mein Wille, beständig zu lernen und voranzukommen, allen Widrigkeiten zum Trotz? Ich weiß es nicht. Eines ist mir jedoch klar: So wie es geschehen ist, hätte ich es nicht planen können.

Im Nachhinein sehe ich, wie ich mich Schritt für Schritt meiner echten Selbstständigkeit annäherte. Wie ich lernte, mich zu behaupten, selbst für mich zu entscheiden und die Verantwortung für mein Leben mit allen Höhen und Tiefen zu übernehmen. Am Anfang standen die Ideen, die Pläne, die Wünsche, eine innere Haltung, die mir den Weg wiesen. Die Umsetzung meiner Ziele im Alltag wirkte hingegen bodenständig. Doch gerade in dieser Standfestigkeit lag meine Stärke. Um meine Pläne in die Tat umzusetzen, benötigte ich ein Auto und ausreichend Startkapital. Mein Onkel war Verkaufsleiter in einem Autohaus. Er bot mir ein Fahrzeug zu einem guten Preis an. Nun musste ich die Finanzierung sichern. Ich wandte mich an unsere Hausbank, und obwohl der Direktor mich als verlässlich kannte, brauchte ich einen Bürgen. Nach kurzem Zögern erklärte sich meine jüngere Schwester bereit, für mich einzustehen – eine Geste, die mich tief berührte. Vertrauen ist die stärkste Währung, vor allem, wenn man noch nichts anderes besitzt.

Zusätzlich zum Kredit über 10.000 € musste ich – wie es die Bank für eine Kreditvergabe verlangte – eine Lebensversicherung abschließen und Bankanteile kaufen. Den Typenschein hinterlegte ich als Sicherheit. Als ich endlich die Schlüssel zu meinem eigenen Auto in der Hand hielt, spürte ich, dass es weitergehen konnte. Damit öffnete sich die Tür zu meiner Selbstständigkeit. Außerdem wurde man in den 1980er Jahren hinter dem Steuer ernster genommen als zu Fuß.

Der nächste Schritt war ein Gewerbeschein als Handelsvertreter. Damit begann meine Reise als Unternehmer. Das Glück blieb auf meiner Seite, und so navigierte ich mit der Unterstützung eines Steuerberaters durch die bürokratischen Hürden. Dieser Mann vertraute meinen Fähigkeiten. Er vermittelte mich an eine Bankdirektorin, mit der Empfehlung, mir einen Geschäftskredit über weitere 10.000 € zu gewähren. Ich musste keine Sicherheiten hinterlegen. Mir wurde damit eine Chance gewährt, die heute kaum noch vorstellbar wäre. Nun hatte ich zwei Kredite, ein Gewerbe und ein kleines Büro, das ich dank des Geschäftskredits mieten konnte. Mehr brauchte ich nicht, um loszulegen. Ich forschte nach Produkten, die sich gut verkaufen ließen: Kosmetikartikel, Naturprodukte, Kaltschweißverfahrensgeräte und Kunststoffgranulat für Reitställe. Schnell stellte sich das Granulat als mein erfolgreichstes Produkt heraus. „Das könnte mein erster Erfolg sein“, dachte ich, als ich die ersten Verkäufe tätigte. Vielleicht kam mir hier meine Reitausbildung zugute. Da ich in den Augen meines Vaters etwas Besseres werden sollte, hatte er mich in meiner Jugend in ein vornehmes Gestüt geschickt – denn in den „besseren Kreisen“ musste man reiten können. Das war seine Ansicht.

Ich startete mit verschiedenen selbstständigen Vertriebstätigkeiten und hielt Ausschau nach dem richtigen Weg für mich. Überall dort, wo es die Möglichkeit gab, gutes Geld zu verdienen, versuchte ich mein Glück. Doch die Firmen waren nicht immer seriös. Ich musste oft lange auf meine Provisionen warten und geriet an eine Betrügerfirma, die später aufflog. Trotz dieser Rückschläge verdiente ich in diesem Jahr gut und sammelte wertvolle Erfahrungen. Ich wusste, dass meine Zukunft im Unternehmertum lag. Dennoch war ich auf der Suche.

Von meiner Familie hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig abgenabelt und so wurde mein Leben zu einem Balanceakt zwischen zwei Welten. Als Handelsvertreter besuchte ich gehobene Restaurants – nicht, weil ich es mir leisten konnte, sondern weil ich mich in dieser Umgebung sehen wollte. Ich bestellte das günstigste Getränk, trug einen feinen Anzug und mimte den Geschäftsmann – ein wenig wie ein Statist, der sich heimlich zur Hauptrolle geträumt hatte. Wenn ich mir selbst von außen zusah, umspielte ein Lächeln meine Mundwinkel. Was damals nur eine leise Ahnung war, wurde zunehmend zur Gewissheit: Das, was wir uns vorstellen, wird eines Tages Realität werden. Davon bin ich bis heute überzeugt. Ich tat nicht nur so, als ob – ich erschuf mein zukünftiges Selbst.

An den Wochenenden verdiente ich mir auf dem Hof meiner Familie das Nötigste und füllte Blutwürste ab. Sogar hier blieb meine Vision klar und unverändert. Ich hatte sie als 16-Jähriger auf einen Zettel geschrieben: „Mit 40 werde ich Millionär sein.“ Damit hatte ich mich innerlich festgelegt, mich mental ausgerichtet, und nun arbeitete mein Unterbewusstsein daran, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Der Gewinn aus dem Granulat-Geschäft ermöglichte es mir, meine Büro-Miete zu zahlen und einen Teil meiner Kredite zu tilgen. Endlich hatte ich etwas, worauf ich aufbauen konnte. Doch der Weg war alles andere als einfach. Ich lernte viel darüber, was es bedeutet, ein eigenes Unternehmen zu führen. Ich lernte, dass Rechnungen nicht sofort beglichen werden und laufende Kosten den Gewinn erheblich schmälern. Trotzdem hielt ich durch. Jeder Verkauf und jede bezahlte Rechnung brachten mich meinem Ziel ein Stück näher.

Diese Zeit war geprägt von gemischten Gefühlen. Ich spürte Unsicherheit und gleichzeitig tiefes Vertrauen. Ich erkannte, dass Erfolg nicht nur eine Frage harter Arbeit ist, sondern auch der inneren Überzeugung. Geldknappheit war nicht mein Feind – sie war mein Antrieb. Ich verstand, dass das Unterbewusstsein wie ein fruchtbarer Boden ist: Was wir hineinlegen, wächst. Ich entschied mich, Zuversicht und Entschlossenheit zu säen.

Die Logik dahinter · Kapitel 12 – Vertrauen verpflichtet
Die Bürgschaft meiner Schwester war ein Vertrauensvorschuss – und der Anfang von allem, was folgte.

Wie ich meine Traumfrau fand

Nach einem langen Arbeitstag wollte ich meine Freundin Anni überraschen. Die Vorfreude begleitete mich auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Doch als ich ankam, erfuhr ich, dass sie bereits nach Hause gegangen war. Ein ahnungsloses Lächeln lag auf meinen Lippen, während ich mir ausmalte, wie wir den gemeinsamen Abend verbringen würden. Ich klingelte an ihrer Tür, doch es blieb still. Die Minuten des Wartens zogen sich quälend in die Länge, bis ich sie schließlich die Straße entlangkommen sah. An ihrer Seite ein fremder Mann.

Der Schock traf mich wie ein Blitz. Was sie sagte, machte mich wütend: „Schau, ich bin jetzt mit diesem Mann zusammen, weil du mir einfach keine Sicherheit für die Zukunft bieten kannst.“ Die darauffolgende Auseinandersetzung wurde laut und hitzig. Schließlich verschwand sie in ihrer Wohnung, und kurz darauf flogen meine Sachen aus dem Fenster. Ich stand da, der kühle Nachtwind wehte mir ins Gesicht, während meine Welt in sich zusammenfiel.

Wochen des Schmerzes und der Trauer folgten. Doch mit jeder durchwachten Nacht wuchs die Erkenntnis: Vielleicht hatte das Leben mir gerade einen wichtigen Dienst erwiesen. Vielleicht war dieser Moment nicht das Ende, sondern ein Neuanfang. Aus Verzweiflung wandte ich mich an eine Heiratsagentur, die mir bei der Suche nach der Frau fürs Leben helfen sollte. Obwohl ich erst 20 Jahre alt war, wollte ich endlich die große Liebe finden. Ich sehnte mich nach einer tiefen Verbindung. Aber während ich wartete, kehrte ich zurück zu einer Erkenntnis, die ich längst hätte anwenden sollen: Warum nutzte ich nicht die Kraft meines Unterbewusstseins?

Ich schrieb erneut einen „Brief an mein Unterbewusstsein“, in dem ich möglichst präzise formulierte, wie ich mir meine Partnerin fürs Leben vorstellte: „Ähnlich ambitioniert wie ich. Holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn ich träume. Familienmensch mit Kinderwunsch. Äußerliches: braune Haare, schlank, gleicher Typ wie Anni.“ Zudem notierte ich, was mir in meiner letzten Beziehung gefehlt hatte: „Vertrauen. Loyalität. Der Glaube an mich. Treue, auch in nicht so guten Zeiten. Und bessere Schwiegereltern.“

In dieser Zeit griff ich auf eine weitere bewährte Methode zurück: das autogene Training. Schon in meiner Schulzeit hatte ich es genutzt, um mit den Wutausbrüchen meines Vaters umzugehen. Ich legte mich hin, schloss die Augen und atmete tief, bis ich in den Alphazustand eintauchte – jene Bewusstseinsebene, in der Körper und Geist vollkommen entspannen. Die Technik schenkte mir nicht nur innere Ruhe, sondern half mir, meine Gedanken und Emotionen zu lenken.

Was wäre, wenn wir unser Leben nicht zufällig formen, sondern bewusst gestalten könnten? Was, wenn jede Enttäuschung nur Platz für etwas Besseres schafft? Ich begann, diesen Gedanken zuzulassen – und schon bald sollte ich erleben, welche Kraft in ihnen lag. Und noch etwas geschah: Ab dieser Zeit spürte ich kaum noch Aufregung in mir.

Beim Visualisieren meiner Traumfrau folgte ich dem bewährten Ritual: Jeden Abend vor dem Schlafengehen holte ich den Zettel hervor. Ich entspannte mich, dann las ich meinen Wunsch und stellte mir die Bilder so lebhaft vor, bis mein Unterbewusstsein sie von selbst weiterzeichnete. Konnte das in diesem Fall funktionieren?

Die Monate vergingen. Ich traf mich mit einigen Frauen, die mir die Heiratsagentur vorgeschlagen hatte. Schnell bemerkte ich, dass manche zwar attraktiv waren, aber kein echtes Interesse an einer Beziehung hatten. Die Agentur hatte sie engagiert, um das hohe Honorar zu rechtfertigen. Es war mir egal, denn ich spürte: Das Schicksal hielt längst einen Plan für mich bereit. Eines Tages erhielt ich eine Einladung zu einem Reiterball – als Dank dafür, dass ich den Hauptpreis gespendet hatte: mein spezielles Granulat für Reitställe. Zunächst wollte ich absagen. Doch eine innere Stimme drängte mich, hinzugehen. Ich hatte bereits eine Begleitung gefunden, doch sie sagte kurzfristig ab. Statt die Einladung auszuschlagen, entschied ich mich, allein zum Ball zu fahren. Manchmal führen uns unerwartete Wendungen genau dorthin, wo wir sein sollen.

Nun hatte mich mein Unterbewusstsein an den richtigen Ort geführt. Ich bemerkte eine junge Frau, die sich mit einem Bekannten unterhielt. Es war, als würde die Zeit um mich herum stillstehen. Ich nahm jede Einzelheit wahr. Sie war lebhaft, hatte eine positive Ausstrahlung und ihr Lächeln berührte mich zutiefst. Ich fühlte mich von ihr angezogen und ahnte: Sie ist meine Traumfrau.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach sie an: „Willst du mit mir tanzen?“

Sie lachte überrascht. „Warum nicht?“

Ich nahm sie an der Hand und führte sie aufs Parkett. Unsere Blicke trafen sich, und mir kam es vor, als würde die Welt um uns herum verschwinden. „Wie heißt du?“, fragte ich.

„Uschi“, antwortete sie und ich konnte in ihren Augen sehen, dass auch bei ihr ein Funke übergesprungen war. „Und du?“

Der Abend verging wie im Flug. Beim Abschied tauschten wir Telefonnummern aus. Der Gedanke an den kommenden Morgen ließ mein Herz schneller schlagen: Würde sie wirklich anrufen? Dann – genau zur vereinbarten Zeit – klingelte das Telefon. Ihre Stimme klang warm und vertraut, so, als hätte ich sie schon mein ganzes Leben gekannt. Ein weiteres Treffen folgte, dann noch eines – bis aus all diesen Begegnungen Liebe wurde. Als ich Wochen später ihre Eltern kennenlernte, spürte ich ein Kribbeln im ganzen Körper. Mein Wunschzettel hatte sich erfüllt. Trotzdem gab es Hürden. Uschis Eltern, die ein Lebensmittelgeschäft führten, fragten skeptisch: „Ein Bauer? Meinst du, das passt zu unserem Leben?“

Mein eigener Vater meinte: „Eine Studentin? Die taugt nicht für die Landwirtschaft.“

Und dann meldete sich Anni wieder. „Vielleicht sollten wir es doch noch einmal versuchen“, schlug sie vor.

Ich war kurz in Versuchung, das muss ich zugeben. „Was wäre, wenn …?“ Doch mein Herz wusste, dass Uschi die Richtige war. Eine besondere Gemeinsamkeit verband uns: Wir beide hatten eine herausfordernde Kindheit erlebt. Während ich mit den Wutausbrüchen meines Vaters kämpfen musste, waren Uschis Eltern meist abwesend – sie war bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die ihr die Mutter ersetzte. Diese Erfahrungen schufen ein tiefes Verständnis füreinander. Gemeinsam schworen wir uns, unseren Kindern eine liebevolle Kindheit zu ermöglichen. Die Erbanlagen unserer Eltern – mit all ihren Stärken und Schwächen – blieben in uns sichtbar, doch wir erkannten, dass wir unser eigenes Kapitel schreiben konnten.

So schloss sich der Kreis. Wieder einmal hatte mein Unterbewusstsein die Brücke zu dem gebaut, was ich mir von Herzen gewünscht hatte.

Auch für Uschi erfüllte sich mit mir ein Traum ihrer Kindheit: ein Mann, der es zustande brachte, geschäftlichen Erfolg und Zeit für die Familie unter einen Hut zu bringen. Damals, als sie mich wählte, stand unser Erfolg noch in den Sternen. Ich war ärmer als eine Kirchenmaus. Doch unsere Träume und unser Glaube an etwas Besseres schweißten uns zusammen. Heute weiß ich: Wer den Mut hat, seinem Unterbewusstsein zu vertrauen und in der Lage ist, seine Vorstellungen von der eigenen Zukunft klar zu formulieren, wird erleben, wie sie Schritt für Schritt Wirklichkeit werden.

Die Logik dahinter · Kapitel 4 – Jede Handlung ist eine Ursache
Was ich heute klar vor mir sehe und dafür tue, wird morgen meine Wirklichkeit.

Das erste Unternehmen

Als Handelsvertreter erkannte ich schnell: „Das ist nicht mein Talent.“ Ich schaffte es zwar, kleine Umsätze zu generieren – doch um wirklich Millionär zu werden, reichte das nicht aus. Diese Art von Geschäft bot keine Perspektive für einen echten Aufstieg. Dennoch behielt ich das Granulat-Geschäft noch für einige Zeit, da es mir half, meine Fixkosten abzudecken. Zusätzlich versuchte ich, Geld zu sparen, indem ich mein Büro schloss und die Möbel vorerst einlagerte.

Den Absprung vom Familienunternehmen hatte ich bislang nicht geschafft – im Gegenteil: Für meinen Vater war es selbstverständlich, dass ich den elterlichen Betrieb übernahm. Bis es aber so weit war, bestimmte er, was zu tun war. Das endete häufig im Streit.

Trotz allem wagte ich einen letzten Versuch in der Landwirtschaft, dieses Mal mit kaufmännischer Verantwortung. Doch der Erfolg blieb aus. Die alten Gewohnheiten meines Vaters waren tief verwurzelt, und mit steigenden Einnahmen stiegen auch seine Ausgaben. Dabei war der Hof längst überschuldet. Bereits mit 21 Jahren hatte ich eine beträchtliche Bürgschaft übernommen, um die Zwangsversteigerung unseres Hofs abzuwenden. Als mein Vater schließlich ohne mein Wissen eine teure Maschine kaufte, die wir uns nicht leisten konnten, platzte mir der Kragen. Ich packte meine Sachen und fuhr nach Wien. Dieses Mal war es endgültig.

Ich war 23 Jahre alt und hörte erneut in mich hinein: „Will ich reich werden oder arm sterben?“ Die Überlegungen, die ich anstellte, waren für mein junges Alter ungewöhnlich: Ich kalkulierte die Kosten für ein Leben mit Familie bis ins kleinste Detail, so wie ich es mit meinem Unterbewusstsein vereinbart hatte: frei von finanziellen Sorgen und selbstverständlich schuldenfrei. Denn mit Schulden wäre die Arbeit mit meinem Unterbewusstsein nur eine bloße Illusion geblieben. Meine Kalkulation ergab, dass ich mit einem Angestelltengehalt all die Schulden, die bereits auf mir lasteten, nie hätte zurückzahlen können. Der Traum von einem Leben im Wohlstand wäre unerreichbar geblieben. Im Grunde hatte ich nichts weiter als meinen Traum und eine tiefe innere Gewissheit: „Ich werde es schaffen. Ich werde Millionär.“ Andere hätten vielleicht auf meine Situation geblickt und nur die Schulden gesehen. Ich sah eine leere Leinwand, die ich neu bemalen konnte. Ich wusste nicht, wie, aber ich wusste, dass mein Unterbewusstsein den Weg finden würde, angetrieben von meiner unermüdlichen Entschlossenheit, meine Träume wahr werden zu lassen.

In Wien fand ich Zuflucht bei meiner Freundin Uschi. „Wir schaffen das zusammen“, sagte sie und nahm mich in die Arme. Sie lebte in einer kleinen Wohnung mit drei weiteren Studentinnen. Ihr eigenes Zimmer teilte sie sich mit einer ihrer Freundinnen – ein winziger Raum, in dem es kaum Platz für zwei Betten gab, geschweige denn für Privatsphäre. Ich schlief mit ihr zusammen in ihrem schmalen Einzelbett, eine provisorische Lösung, die sich über Monate hinzog. Es war eng, es war unbequem, aber es war der Start in mein neues Leben.

Auf dem elterlichen Hof war ich Betriebsleiter gewesen, hatte eigenständig investiert, Kredite aufgenommen und für Millionen gebürgt. Als ich ging, ließ ich nicht nur meine Familie hinter mir, sondern auch eine enorme Verantwortung. Ich hatte eine finanzielle Last getragen, die für viele erdrückend gewesen wäre. Doch ich entschied mich, nicht das Opfer meiner Umstände zu sein. Ich glaubte an meine Fähigkeit, mein Leben neu zu gestalten. Was mich die Beschäftigung mit dem Unterbewusstsein in dieser Situation lehrte, war: „Deine Gedanken erschaffen deine Realität. Wenn du an Mangel denkst, ziehst du Mangel an. Wenn du an Fülle glaubst, schaffst du Fülle.“ Also sagte ich mir jeden Tag: „Ich werde Millionär.“ Ich fühlte es, als wäre es bereits wahr. Doch wie sollte ich anfangen? Meine Ausbildung in der Landwirtschaft brachte mir in Wien nichts. Das Granulat-Geschäft reichte für ein sorgenfreies Leben nicht aus. Ich brauchte einen Job, bei dem ich ohne spezifische Qualifikation starten konnte. Also versuchte ich mich als Versicherungsvermittler.

Es war ein System, das junge Menschen mit hohen Provisionsversprechen anzog. Noch bevor man überhaupt begann, musste man eine eigene Versicherung abschließen – angeblich, um das Produkt aus eigener Erfahrung zu kennen. Tatsächlich war es ein Pyramidenspiel, geschickt getarnt als seriöses Geschäftsmodell. Das Konzept war clever, allerdings nur im Sinne der Initiatoren. Viele Neulinge schafften es nicht, auch nur eine einzige Versicherung zu verkaufen. Ich war einer von ihnen. Was ich jedoch mitnahm, war von unschätzbarem Wert: Ich erkannte, dass Verkaufen weit mehr als schöne Worte benötigt. Es ist eine Frage der inneren Haltung. Menschen spüren, ob man wirklich hinter dem steht, was man tut. Als mir klar wurde, dass ich Betrügern auf den Leim gegangen war, war es mir selbstverständlich nicht mehr möglich, dieses Produkt glaubwürdig zu vertreten. Unterbewusst hatte ich es wohl schon immer geahnt, aber aufgrund meiner finanziellen Notlage hatte ich die Warnzeichen verdrängt. Von diesem Moment an übernahm ich bewusst die Kontrolle über meine Denkweise.

Ich verstand, dass der Wunsch, erfolgreich zu sein, nicht ausreicht. Man muss es fühlen, sich darauf einstimmen, es innerlich so oft wiederholen, bis das Unterbewusstsein beginnt, den Weg dorthin zu ebnen. Man muss es für sich wählen. Mit meiner „Businessman-im-Kaffeehaus-Inszenierung“ hatte ich das bereits getan – mit der Erkenntnis, dass ich das in mein Leben zog, was ich mir für mich vorstellte. Trotzdem erlebte ich Rückschläge, die an meinen Überzeugungen nagten. Jetzt beschloss ich, dass jeder Fehlschlag mich nur weiterbringen würde. Denn was, wenn jeder Umweg kein Irrtum, sondern eine Lektion war? Ich wusste noch nicht genau, wohin meine Reise führen würde, aber eines war klar: Mein Unterbewusstsein arbeitete bereits daran, die richtigen Türen zu öffnen. Und meine auf Wachstum und beständige Verbesserung ausgerichtete Grundhaltung sorgte dafür, dass ich diese offenen Türen durchschritt.

Der nächste Versuch führte mich in die Immobilienbranche. Ich wurde Immobilienmakler – doch auch hier blieb der Erfolg aus. Die erhofften großen Abschlüsse gelangen nicht, und die Unsicherheit der reinen Provisionsarbeit zehrte an meinen Nerven. Mir blieb aber nichts anderes übrig, als jede Gelegenheit beim Schopf zu packen, bei der gering qualifizierten Mitarbeitern ein hoher Verdienst in Aussicht gestellt wurde.

Ich wechselte in eine Unternehmensberatung, erneut auf Provisionsbasis. Mein Alltag bestand darin, Firmen anzurufen und ihnen Beratungsleistungen zu verkaufen. In dieser Zeit lebte ich auf Kredit – ohne Einnahmen, aber mit einem unerschütterlichen Glauben an meine Zukunft. Ich lernte Unternehmer kennen, hörte ihre Geschichten, verstand ihre Probleme. Einige Firmen konnten sich die Beratung nicht leisten, was sie wirklich brauchten, waren Kredite – und hier sah ich meine Chance. Ich entschied mich, eigenständig Finanzierungen zu vermitteln. Und tatsächlich: Die ersten hohen Provisionen flossen.

Doch Erfolg macht sichtbar. Als meine Firma erfuhr, dass ich auf eigene Faust Geschäfte machte, wurde ich entlassen. Ein Rückschlag? Vielleicht.

Durch Zufall stieß ich auf eine Zeitungsanzeige: Eine Firma bot eine Ausbildung zum Aktienhändler an. Der Einstieg war wieder Telefonverkauf auf Provisionsbasis. Ich stellte mich vor. Das Büro beeindruckte mich: elegante Messing-Türschilder, moderne Räumlichkeiten, gut gekleidete Mitarbeiter. Alles strahlte Erfolg aus. Und ich wollte ein Teil davon sein.

Ich bekam den Job – nichts ahnend, worauf ich mich einließ. Die Ausbildung begann mit Kaltakquise: Wir riefen Firmen aus dem Telefonbuch an – vor allem Gastronomen und Ärzte. Meine Aufgabe bestand darin, das Interesse und das Kapital potenzieller Kunden zu prüfen. Vielversprechende Kontakte leitete ich an erfahrene Verkäufer weiter. Dafür bekam ich einen kleinen Teil ihrer Provision. Doch davon konnte ich nicht leben.

Also machte ich es wie zuvor: Wenn ich auf Unternehmer stieß, die Kredite brauchten, vermittelte ich diese. Dieses Mal war ich jedoch vorsichtiger. Mein Nebengeschäft blieb unbemerkt. Der Job forderte mich. Den ganzen Tag telefonieren und immer wieder dieselbe Geschichte verkaufen – das war zermürbend. Um den Stress des Tages abzubauen, gingen wir fast jeden Tag nach der Arbeit in nahegelegene Bars. Ich war umgeben von einer Welt, die Erfolg versprach. Die Drinks bezahlten in der Regel die erfahrenen Verkäufer, die dank ihrer hohen Provisionen gut verdienten. Viele von ihnen kamen aus Deutschland, das verlieh dem Unternehmen ein internationales Flair. Nach diesen After-Work-Events fiel erschöpft ins Bett. Es war mein Glaube, der mich trotz aller Anstrengung durchhalten ließ: Ich war auf dem richtigen Weg. Mein Unterbewusstsein arbeitete weiter für mich – ich musste nur den Zeichen folgen.

Ich war bereits einige Wochen in der Firma, als eines Tages die Wirtschaftspolizei das Büro betrat. Wir mussten sofort die Arbeit einstellen, unsere Personalien wurden aufgenommen, und wir wurden in die Dienststelle gebracht, wo Beamte unsere Aussagen zu Protokoll nahmen. Noch wusste ich nicht, was hinter diesem Einsatz steckte.

Erst später erfuhr ich von den kriminellen Machenschaften des Unternehmens: Die angeblichen Aktienkäufe wurden nie ausgeführt. Stattdessen leitete eine Münchner Firma die Transaktionen weiter, bestätigte fälschlicherweise den Kauf und behielt das Geld. Der Drahtzieher war ein Universitätsprofessor, der in kürzester Zeit Millionen ergaunerte. Doch nur zwei von hunderten Anlegern bekamen ihr Geld zurück – die meisten hatten illegal investiert und wagten es nicht, Ansprüche geltend zu machen. Die Konsequenz? Der Professor erhielt lediglich eine bedingte Strafe. Über Insider erfuhr ich, dass sogar eine Mafia-Organisation ihre Hände im Spiel gehabt hatte.

Und so stand ich wieder mit leeren Händen da. Kein Job. Keine eigene Wohnung. Nur der ungebrochene Glaube, dass mein Weg noch lange nicht zu Ende war. Die Mutter meiner Freundin besaß ein kleines Lebensmittelgeschäft, in dem ich gelegentlich aushalf. Dafür bekamen wir Lebensmittel, denn mein Einkommen aus dem Granulat-Geschäft war kaum noch der Rede wert. Was tut man, wenn alles wegzubrechen scheint? Lässt man sich fallen oder sucht man nach der nächsten Tür, die sich öffnen könnte?

Nun verlor selbst Uschi die Geduld und begann, mir Druck zu machen. „Such dir einen sicheren Job“, verlangte sie. Doch das stellte sich als schwieriger heraus, als ich dachte. Ohne fachspezifische Ausbildung und ohne Matura schienen alle Türen zu Jobs mit Aufstiegsmöglichkeiten verschlossen zu sein. Die wenigen Angebote, die ich bekam, waren so schlecht bezahlt, dass ich mir eine Zukunft mit Familie nicht leisten konnte. 1.500 € hätte ich im Monat benötigt, um eine vierköpfige Familie zu erhalten. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 entspräche das etwa 5.000 € – das ist ein Spitzengehalt für eine Position im mittleren Management, die in der Regel nur mit abgeschlossenem Studium und jahrelanger Berufserfahrung zu erreichen ist. All das konnte ich nicht vorweisen.

Eine eigene Familie, in der sich meine Frau um unsere Kinder kümmern konnte, während ich für finanzielle Sicherheit sorgte, war mein wichtigstes Ziel. Der Wunsch, Millionär zu werden, war für mich nie reiner Selbstzweck. Ich stellte mir immer ein Leben vor, das ich mit geliebten Menschen teilen konnte. Was hätten mir all die Millionen bedeutet, wenn niemand da gewesen wäre, mit dem ich mich über unseren Wohlstand hätte freuen können? Momentan waren die Aussichten allerdings getrübt: Trotz aller Liebe wurde unsere Wohnsituation zunehmend zu einer echten Belastung für die Beziehung. Seit einem halben Jahr lebten wir in der Wohngemeinschaft mit drei weiteren Mitbewohnerinnen, und das enge Einzelbett, das wir uns teilten, war längst zu einem Symbol unserer prekären Lage geworden. Wir wussten: So konnte es nicht weitergehen. Ich musste einen Weg finden, um endlich finanziell unabhängig zu werden. Nächtelang überlegte ich hin und her, schmiedete Pläne und verwarf sie wieder. Ich musste endlich an Geld kommen.

Doch bevor ich eine Lösung für meine berufliche Zukunft fand, klärte sich unsere Wohnsituation. Ich weiß nicht mehr genau, wie es zustande kam, aber eines Tages stimmten die Eltern meiner Freundin zu, für einen Kredit zu bürgen. Mit dieser Unterstützung suchte ich nach einer Wohnung – und fand sie schneller als erwartet.

Die Wohnung lag im Süden von Wien, in der Nähe der Musikschule, an der meine Freundin inzwischen unterrichtete. Sie war genau das, wonach wir gesucht hatten: ein kleines, aber gemütliches Zuhause, in dem wir endlich unser eigenes Leben aufbauen konnten. Der Umzug verlief rasch, denn unser gesamtes Hab und Gut passte in zwei Koffer.

Die Eigentümerin war eine ältere Dame, die in der Schweiz lebte und nur für den Verkauf nach Wien gekommen war. Da sie unter Zeitdruck stand, konnten wir die zwei Zimmer mit Bad sehr günstig erwerben. So wurden wir Besitzer unserer ersten gemeinsamen Wohnung. Wir fühlten uns endlich angekommen und konnten unser eigenes Nest bauen.

Nach diesem Meilenstein konnte ich mich uneingeschränkt meiner beruflichen Zukunft widmen. Ich wollte keinen normalen Job annehmen – das hätte sich für mich wie Scheitern angefühlt: morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, abends müde nach Hause kommen, gerade genug verdienen, um die Rechnungen zu zahlen, vielleicht ein kurzer Urlaub in einem günstigen Hotel. So wollte ich meine Zukunft nicht gestalten. Ich wusste, dass es einen anderen Weg gab: Ich musste mein eigenes profitables Unternehmen gründen. Aus meiner Sicht war die Selbstständigkeit das kleinere Risiko. Die scheinbare Sicherheit als Angestellter könnte sich jederzeit in Luft auflösen – durch eine Kündigung, eine Firmenpleite oder einen Firmenverkauf. Als Selbstständiger konnte ich Tag für Tag mein Risiko neu bewerten. Wir alle sind selbst dafür verantwortlich, was in unserem Leben geschieht. Als mein eigener Chef konnte und kann ich diese Selbstverantwortung zu hundert Prozent leben – als Angestellter ist das nur schwer möglich. Damals hatte ich wenige Möglichkeiten, um mich aus meiner prekären Lage zu befreien. Trotz aller Schwierigkeiten hatte ich ein klares Ziel vor Augen: Ich wollte Millionär werden. Die Selbstständigkeit sollte mir dabei helfen. Wie mein eigenes Unternehmen aussehen sollte, das wusste ich nicht. Ich hatte keinen Plan, keine Strategie. Doch dann präsentierte mir mein Unterbewusstsein eine neue Chance.

Durch Zufall kam ich an einem Markt vorbei, auf dem ich früher als Selbstvermarkter die Erzeugnisse aus unserer Landwirtschaft verkauft hatte. Dort hörte ich, dass ein Marktstand zum Verkauf stand – ein Obst- und Gemüsestand an einem strategisch günstigen Platz. Sofort erkannte ich das Potenzial. Ich konnte meine Bank davon überzeugen, dass dies eine echte Gelegenheit für mich war. Schließlich benötigte ich für diesen Handel – so glaubte ich – keine besonderen Fachkenntnisse, nur Durchhaltevermögen und ein gutes Gespür für Menschen. Nach langem Verhandeln erhielt ich erneut einen Kredit.

Diese Zeit fühlte sich an wie ein Drahtseilakt. Ich besaß nichts außer Schulden und kämpfte täglich gegen die beinahe übermächtigen Zweifel, ob ich es je schaffen würde. Gott sei Dank hatte meine Freundin Uschi bereits einen sicheren Job, der ihr nicht nur Freude bereitete, sondern uns beide über Wasser hielt. Nach dem Kauf renovierte ich den Stand so gut es ging selbst. Eröffnen konnte ich jedoch noch nicht – mir fehlte der Gewerbeschein. Die Genehmigung dauerte drei Monate, in denen ich alle Fixkosten zahlen musste, ohne Einnahmen zu haben. Wieder lebte ich auf Kredit. Trotzdem hielt ich unbeirrt an meiner Überzeugung fest: Ich werde das Unternehmen starten, um eines Tages Millionär zu werden.

Endlich kam die Genehmigung. Ich gab den Handel mit Granulat endgültig auf und eröffnete mein erstes Geschäft. Endlich konnte ich mein Risiko selbst gestalten und täglich neu entscheiden, wie ich mein Unternehmen weiterentwickeln würde. Von Anfang an erwirtschaftete der Marktstand kleine Gewinne. Doch leicht war es nicht.

Was ich mir damals vom Unternehmerdasein erwartet hatte, weiß ich nicht mehr – doch dass es kein Zuckerschlecken war, daran erinnere ich mich genau. Der Markt öffnete um 5 Uhr morgens, und das bedeutete, dass mein Wecker bereits um 4 Uhr klingelte. Ich war kein Morgenmensch. Oft blieb ich einfach liegen, doch meine Freundin weckte mich mit liebevoller Unnachgiebigkeit und erinnerte mich an unser Ziel. Sie half mir, obwohl sie das Verkaufen hasste und den Rest des Tages an ihrem Arbeitsplatz in der Musikschule verbrachte. Das war ein großer Liebesbeweis. So vergingen die ersten Monate – voller Entbehrungen, aber auch voller Hoffnung.

Der Obst- und Gemüsestand entwickelte sich nur schleppend. Ein Tag glich dem anderen. Meine Hauptquelle für die Lebensmittel waren Großhändler, die zahlreiche Marktstände belieferten. Gelegentlich besuchte ich einen Großmarkt, wo sowohl Erzeuger als auch Händler ihre Produkte anboten. Dort gab es bessere Preise, aber auch ein höheres Risiko – besonders beim Obst, das schnell verderben konnte. Frische war das oberste Gebot, denn die Kunden erwarteten tadellose Ware. Doch wenn das Wetter nicht mitspielte, blieben die Käufer aus, und ich blieb auf meiner Ware sitzen. Ein Balanceakt, bei dem jede Fehlkalkulation schnell zu Verlusten führte.

Einen Teil der überschüssigen Ware konnte ich an Uschis Mutter weitergeben, die sie in ihrem Lebensmittelgeschäft verkaufte. Doch sie konnte uns nicht alles abnehmen. Manchmal blieb mir nichts anderes übrig, als Obst und Gemüse zu stark reduzierten Preisen anzubieten. Im schlimmsten Fall musste ich es entsorgen. Jeder dieser Verluste war schmerzhaft.

Mit der Zeit verstand ich die Mechanismen dieses Geschäfts. Ich lernte, mich anzupassen, das Risiko zu minimieren und bessere Entscheidungen zu treffen. Doch trotz aller Anstrengungen war klar: Reich werden konnte ich damit nicht. Dennoch erwiesen sich die Erfahrungen, die ich sammelte, als unbezahlbar.

Die Logik dahinter · Kapitel 7 – Wenn etwas nicht wächst
Der Marktstand hat mich nicht reich gemacht. Statt nach Schuld zu fragen, habe ich gelernt und einen anderen Weg gesucht.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Trotz aller Anstrengung reichte es am Marktstand nicht zum Reichwerden. Das Beste war nicht genug – aber es war der Anfang von allem, was folgte.

Mit Schnitzel zum Erfolg

Umtriebig, wie ich war, suchte ich nach neuen Möglichkeiten – und fand eine. Ein Kiosk der Firma Winni-Wait, der in der Nähe unserer Wohnung stand, hatte seit Wochen keinen Betrieb mehr. Beim Vorbeigehen entdeckte ich das Schild auf der Vorderseite des Stands: „Geschlossen“. Was war passiert? Die Antwort fand ich noch am selben Tag in einem Zeitungsartikel, der von Winni-Wait – dem Franchise-Unternehmen für Schnitzelkioske – berichtete. Wie daraus hervorging, war die Firma in Konkurs gegangen.

Das war meine Chance, und eine neue Geschäftsidee begann in meinem Kopf zu reifen. Der Kiosk stand auf einem Grundstück, direkt gegenüber einer Bushaltestelle. Die Verkaufsfläche selbst war nur etwa 30 Quadratmeter groß, doch das Grundstück rund um den Laden maß mindestens 700 Quadratmeter.

Um meine neue Geschäftsidee zu verfolgen, musste ich mehr über den Eigentümer herausfinden. Es stellte sich heraus, dass das gesamte Grundstück einem Baumeister gehörte, den ich direkt kontaktierte. Er erzählte mir, dass der Autohändler, der das Gelände zuvor genutzt hatte, ausgezogen war und das gesamte Areal nun zur Miete stand. Ich spürte sofort: Jetzt liegt es an mir. Meine innere Haltung arbeitete für mich. Sie brachte mir immer wieder Ideen – kurze Geistesblitze, die ich nur erfassen und weiterverfolgen musste. Immer wieder dachte ich mir: „Ich möchte täglich so viel verdienen, um gut davon leben zu können. Danach möchte ich meinen Umsatz weiter steigern, um Mitarbeiter zu bezahlen und gleichzeitig in den Aufbau meines Geschäfts zu investieren. Sobald ich genug verdiene, fließt jeder Überschuss direkt in weiteres Wachstum.“

Anfangs teilte ich diese Gedanken noch mit Uschi, doch bald hörte ich auf, darüber zu reden – es klang zu unglaublich. Ich wusste, dass meine innere Überzeugung mich leiten würde. Mein nächstes Teilziel war es, eine Million Umsatz zu erwirtschaften. Aber davor gab es noch einige Hürden.

Der Baumeister gab mir die Nummer des Insolvenzverwalters, der den Kiosk verkaufen wollte. Ohne zu zögern, vereinbarte ich einen Termin in seiner Kanzlei, um die Modalitäten zu besprechen. Nach kurzer Verhandlung einigten wir uns auf einen für mich günstigen Preis. Doch ein zentrales Problem blieb: Ich hatte nicht das nötige Kapital für den Kauf.

Ich erklärte dem Insolvenzverwalter, dass ich zunächst die Finanzierung sicherstellen müsse – keine leichte Aufgabe, da ich bereits mehrere Kredite am Laufen hatte: für den Marktstand, mein Auto, die Wohnung und den Geschäftskredit, mit dem ich auch meinen Lebensunterhalt bestritt. Waren das zu viele Schulden?

Zunächst versuchte ich es bei meiner Hausbank, doch dort erhielt ich eine klare Absage. Ich suchte weiter. Ohne Sicherheiten und ohne einen konkreten Rückzahlungsplan war es jedoch fast unmöglich, einen Kredit zu bekommen. Dabei wusste ich aus eigener Erfahrung, dass ein kleines, gut geführtes Geschäft schnell profitabel werden konnte. Mit genau dieser Berechnung trat ich an mehrere Institute heran, die ich durch meine frühere Tätigkeit als Kreditvermittler kannte – doch alle winkten ab. Das Risiko war ihnen zu hoch – zumal dieses Mal die Kreditsumme beträchtlich höher war als beim Erwerb des Marktstandes. Wieder stand ich vor einer Hürde. Doch eine innere Stimme sagte mir: „Es gibt immer einen Weg.“

Schließlich wendete ich mich an eine Bank, bei der ich früher bereits eine Finanzierung für den elterlichen Hof erhalten hatte und für die ich damals gebürgt hatte. Ich setzte alles auf eine Karte und stellte erneut einen Kreditantrag. Nach zähen Verhandlungen, unzähligen Gesprächen und einer Menge Geduld kam schließlich die Zusage. Meine Erleichterung war grenzenlos! Mit dem positiven Bescheid in der Tasche ging ich direkt zum Insolvenzverwalter, um den Kaufvertrag abzuschließen. Doch es gab eine Bedingung: Ich musste die Zahlung innerhalb einer Woche leisten. Andernfalls drohte eine Vertragsstrafe von 20 Prozent des Kaufpreises. Ohne lange zu überlegen, unterschrieb ich – schließlich hatte ich den Kredit bereits so gut wie in der Tasche.

Doch als ich zurück zur Bank ging, um die Finanzierung endgültig abzuschließen, traf mich der Schock mit voller Wucht. Der Filialleiter blickte mich ernst an und sagte: „Ihr Kredit wird nicht freigegeben. Sie haben bereits für Ihre Eltern gebürgt, das steht uns nun im Weg.“ Als ich mit hängendem Kopf sein Büro verließ, gab er mir einen gut gemeinten Rat mit: „Am besten, Sie gehen zurück zum Hof Ihrer Eltern und arbeiten dort für den Familienbetrieb.“

Mein Kopf raste. Das durfte nicht wahr sein! Ich hatte bereits den Kaufvertrag unterschrieben, die Frist lief, und wenn ich nicht zahlte, drohte mir die Vertragsstrafe. Das wäre mein finanzieller Ruin gewesen. Doch gerade in diesem Moment konnte ich es mir nicht leisten, den Mut zu verlieren. Jetzt zu verzweifeln, hätte alles endgültig zum Einsturz gebracht. Es musste eine einfache Lösung geben. Ich durchsuchte meine Gedanken und erblickte nach einer Weile einen Strohhalm, den ich bislang nicht ergriffen hatte: Ich wendete mich an jenen Bankmitarbeiter, der mir ursprünglich die Zusage gegeben hatte. Er war genauso bestürzt wie ich. Zwar konnte er die Entscheidung der Chefetage nicht rückgängig machen, doch er hatte eine Idee.

„Ich kenne da jemanden“, sagte er und strahlte dabei Zuversicht aus. Dann griff er zum Telefon. Sein Freund war Direktor einer anderen Bank. Ich hielt den Atem an, während er sprach. Sekunden wurden zu Minuten. Ich versuchte herauszufinden, was der Mann am anderen Ende der Leitung sagte, konnte mich aber kaum konzentrieren. Nach dem Gespräch legte der Bankmitarbeiter auf, lächelte und schrieb eine Adresse auf einen Zettel: „Fahren Sie hin. Er wird Ihnen helfen.“

Ich zögerte keine Sekunde, sprang ins Auto und fuhr los. Der Direktor empfing mich persönlich, hörte sich meine Geschichte an und zögerte nicht lange. Kurz darauf hielt ich den Scheck über den gesamten Kaufpreis in den Händen. Das war ein riesengroßer Vertrauensvorschuss und ein Gefühl, als hätte mir das Leben eine unverhoffte Chance geschenkt.

Mit klopfendem Herzen brachte ich den Scheck zum Rechtsanwalt. Der Verkauf wurde besiegelt. Der Vertrag mit der Bank und damit die Finanzierung folgten erst einige Tage später – ein Vorgang, der heute undenkbar wäre.

Ich hatte es geschafft. Gegen alle Widerstände. Und doch spürte ich: Das war erst der Anfang.

Den ehemaligen Winni-Wait-Kiosk betrieb ich parallel zu meinem Marktstand. Anfangs lief der Laden defizitär, da er durch den Vorbesitzer einen schlechten Ruf hatte. Doch ich hätte mich auf das Geschäft erst gar nicht eingelassen, wäre mir nicht eines klar gewesen: Schnitzel sind das Lieblingsessen von Herrn und Frau Österreicher. Das Fundament meines Unternehmens war eine gute Kalkulation. Damit kannte ich mich genauso gut aus, wie mit der Produktion von Schweinefleisch. Ich konnte eine ausgezeichnete Fleischqualität zu fairen Preisen bieten. Die Rechnung ging auf. Die Menschen nahmen mein Angebot an. Wer hätte je gedacht, dass es Schnitzel sein würden, die meinen Traum wahr machten? An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Rückblickend mag mein ständiger Hürdenlauf von einem Kredit zum nächsten wie ein Hasardspiel wirken. Einsatz: meine eigene Zukunft und eine Familie, die damals nur in meiner Vorstellung existierte. Aus meiner Sicht stellte sich die Lage weit weniger waghalsig dar: So belastend die Schulden auch waren, ihnen standen stets größere Vermögenswerte gegenüber.

Anfang der 1990er-Jahre besaß ich somit einen Marktstand, einen Schnitzel-Kiosk und ein großes Grundstück, das bislang ungenutzt blieb. Ich beschloss, das Potenzial dieser Fläche voll auszuschöpfen. Eine Idee nahm Gestalt an: Ich würde einen Bauernmarkt organisieren.

Ich schaltete Anzeigen in Landwirtschaftszeitungen und suchte Selbstvermarkter, die ihre Waren bei mir verkaufen wollten. Die Resonanz war überwältigend. Einen der besten Standplätze behielt ich für mich selbst. Dort verkaufte ich Produkte aus der Fleischerei meiner Ex-Freundin Anni.

Endlich wendete sich das Blatt. Mein Geschäft dehnte sich aus. Ich war auf dem richtigen Weg.

Diese Zeit forderte mich körperlich und mental extrem. Ich arbeitete sieben Tage die Woche – vormittags auf dem Markt, nachmittags im Schnitzel-Kiosk. Um alles zu bewältigen, beschäftigte ich mittlerweile vier Teilzeitkräfte, die ich je nach Bedarf engagierte und bezahlte. Besonders wertvoll war die Unterstützung eines Rentners, den ich in dieser Zeit kennenlernte. Er wurde eine Art Mentor für mich, ein verlässlicher Helfer in meinem hektischen Alltag. Das entlastete meine Freundin Uschi. Fast täglich – außer sonntags – klopfte er frühmorgens um fünf Uhr an meine Tür, um mich zu wecken. Gemeinsam fuhren wir zum Einkauf und bereiteten die Ware für den Verkauf vor.

Ich verstand, dass das Unterbewusstsein wie ein Kompass ist. Wenn wir ihm klare Ziele vorgeben und konsequent daran glauben, zeigt es uns den Weg. Manchmal führt es uns auf Umwege, manchmal müssen wir Rückschläge hinnehmen. Aber am Ende wird jeder Gedanke, den wir mit Überzeugung und dauerhaft nähren, zur Realität.

Der Marktstand blieb weiterhin mein stabiles finanzielles Standbein. Zwar wurde dort viel gestohlen, doch die Gewinne reichten aus, um die anfänglichen Verluste des Schnitzelkiosks auszugleichen.

Dann kam eine unerwartete Gelegenheit: Mein Obstgroßhändler vermittelte mir einen Käufer für meinen Marktstand. Die Verhandlungen verliefen schnell und unkompliziert. Wir wurden uns über den Preis einig, und bereits zum nächsten Monatsersten wechselte der Stand den Besitzer. Das Beste daran? Der Käufer zahlte den vollen Betrag sofort und ich konnte den Stand um 30 Prozent teurer verkaufen, als ich ihn erworben hatte. Dadurch war ich in der Lage, den Kredit, den ich für den Marktstand aufgenommen hatte, vollständig zurückzuzahlen und konnte sogar einen Teil meiner anderen Schulden, vor allem den Geschäftskredit, tilgen. Das war ein großer Schritt in Richtung finanzieller Freiheit.

Doch fürs Ausruhen war es noch viel zu früh. Immer wieder holte mich das Thema Ausbildung ein. War ich wirklich ausreichend auf das Unternehmertum vorbereitet? Hatte ich genügend Wissen, um mein Geschäft langfristig erfolgreich zu führen? Diese Fragen ließen mich nicht los.

Ich wollte mehr über das Wirtschaften lernen und begann, mich auf die Studienberechtigungsprüfung vorzubereiten. Mehrmals pro Woche besuchte ich nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag die Abendkurse. Es war nicht verwunderlich, dass mir meine permanente Müdigkeit schließlich zum Verhängnis wurde. Oft nickte ich während des Unterrichts ein. Von den Inhalten bekam ich nur sehr wenig mit. Zunächst hielt ich jedoch an meinem Vorhaben fest. Erst als mir nahegelegt wurde, den Kurs zu beenden, meldete ich mich schweren Herzens ab. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht imstande war, diese zusätzlichen Stunden der Konzentration durchzuhalten.

Später, als meine finanzielle Lage es erlaubte, nahm ich an zahlreichen Fortbildungen im Managementbereich teil und engagierte erfahrene Berater, die mich beim Ausbau meines Unternehmens unterstützten. Ich erkannte, dass Erfolg beides braucht: harte Arbeit und Wissen.

Ohne Studium oder zusätzliche Ausbildung wagte ich 1990 dennoch den nächsten Schritt und eröffnete meinen zweiten Schnitzelkiosk. Ein Jahr später folgte mein erstes Schnitzelhaus – traditionelle Schnitzel im modernen Selbstbedienungsrestaurant – und mit ihm bog mein Leben unwiderruflich auf die Erfolgsspur ab.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag der Eröffnung. Neugierig wollte ich nachsehen, ob bereits Gäste gekommen waren – und traute meinen Augen kaum. Eine lange Schlange hatte sich gebildet, Menschen warteten geduldig, um eines unserer Schnitzel zu bekommen. Ich zögerte nicht lange und meldete mich zum Dienst. Chef oder nicht, ich sprang dort ein und half mit, wo es nötig war – ob beim Abservieren, Bedienen oder Tellerwaschen. Stunde um Stunde verging, bis schließlich nichts mehr übrig war. 500 Portionen Schnitzel mit Kartoffelsalat wurden am Eröffnungstag verkauft, und der Ansturm hielt in den folgenden Tagen an.

Meine Grundannahme lautete: Für eine Stunde Arbeit soll ein Mensch sich ein gutes Mittagessen leisten können. Mit dieser Preisgestaltung positionierten wir uns genau zwischen den Fleischhauereien und der Gastronomie und trafen voll ins Schwarze – wir hatten eine Marktlücke getroffen.

„Doch das ist der Anfang“, dachte ich. „Hier liegt meine Zukunft.“ Die Radiowerbung brachte es auf den Punkt: „Schnitzelhaus für Jeeeeeeeeeedermann!“ Schon vom ersten Tag an sah ich, dass ich mit diesem Konzept gutes Geld verdienen konnte.

Trotz der finanziellen Erfolge blieb die Arbeit hart: 7 Tage, 100 Stunden pro Woche – kein Handgriff war mir zu viel. Oft schlief ich nachts im Büro und wurde geweckt, um den Salat abzuschmecken. Der Kartoffelsalat war eines unserer wichtigsten Verkaufsargumente. Die Gäste liebten ihn und hielten ihn für den „allerbesten“. Bis zuletzt wurde er nach meinem Rezept zubereitet, und als ich später immer weniger selbst in die Produktion involviert war, spürten wir sofort einen Rückgang der Einnahmen.

Eine Million Umsatz! Es war die logische Konsequenz des ständigen Wachstums. Ich war gerade 26 Jahre alt geworden, als ich diesen Meilenstein erreichte. Um die Million zu feiern, gönnte ich mir einen kleinen Traum: einen goldenen Kugelschreiber. Er war für mich mehr als nur ein Schreibgerät – er war ein Symbol für meinen Erfolg und sollte mich daran erinnern, wie weit ich gekommen war.

Was mich besonders freute, war eine Nachricht von meinem Vater, auch wenn sie nur aus zweiter Hand zu mir durchdrang. Er sei endlich stolz auf mich, soll er gesagt haben. Ich hatte in dieser Zeit wenig Kontakt zu ihm.

Ich befand mich auf einem Weg. Aber war es auch der richtige? Ich hatte mein Ziel und meine Überzeugungen, aber solange ich meinen Traum von der finanziellen Freiheit nicht realisiert hatte, suchten mich trotz aller Fortschritte in regelmäßigen Abständen Zweifel und Ängste heim. Sosehr ich meiner Kalkulation auch vertraute, die nach wie vor hohen Schulden und der unaufhörliche Zwang, die Umsätze hochzuhalten, waren eine ständige Last. Es war ein Balanceakt am Abgrund, ohne zu wissen, wann oder ob ein sicheres Ende überhaupt in Sicht war. Gewiss war nur eines: Es gab kein Zurück. Also hielt ich aufkommende Unsicherheiten und Zweifel so gut es ging von mir fern, kalkulierte, wog Risiken ab und tat, was getan werden musste: Ich ging weiter.

Die Logik dahinter · Kapitel 3 – Was man ändern kann – und was nicht
Die Schulden konnte ich nicht wegwünschen. Was in meiner Hand lag, habe ich getan: weitergehen.

Wachstum auf allen Ebenen

Man sagt, große Entscheidungen trifft man nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Und mein Herz wusste es längst. Der Wunsch nach einer eigenen Familie war mehr als nur eine vage Vorstellung – er war ein Ziel, tief in mir verankert.

Ich hatte mir geschworen, erst zu heiraten, wenn ich meiner Familie finanzielle Sicherheit bieten könnte. Kein Bangen vor unbezahlten Rechnungen, keine Sorge, ob das Geld reichen würde. Ein Zuhause voller Geborgenheit – dafür wollte ich die Verantwortung tragen. Noch vor der ersten Million war es so weit. Ich hatte zwei Geschäfte aufgebaut und mein Einkommen stabilisiert. Die Angst vor dem finanziellen Scheitern war leiser geworden. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich diesen inneren Frieden und wusste, dass ich bereit war. Jetzt konnte ich mir vorstellen, mein Leben mit jemandem zu teilen, gemeinsame Träume zu verwirklichen. Doch die entscheidende Frage blieb: Würde sie Ja sagen?

Als Uschi zu einem Seminar für ihre berufliche Weiterbildung fuhr, wurde mir bewusst: Sie ist die Liebe meines Lebens. Sie war nur eine Woche weg – und doch spürte ich eine ungeahnte Sehnsucht nach ihr. Kein Telefon, keine Nachrichten, keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Diese Stille machte mir klar, wie sehr sie mir fehlte. Als sie zurückkam, wusste ich mit absoluter Klarheit: Ich wollte sie heiraten.

Mein Antrag war schlicht, aber aufrichtig. Sie betrat das Wohnzimmer, ich kniete nieder und fragte: „Willst du mich heiraten?“ Sie war überrascht. Doch in ihren Augen sah ich die Antwort, bevor sie sie aussprach: ein ehrliches, tief empfundenes „Ja“. Wir küssten uns lange. Die Rosen besorgte ich erst am nächsten Tag – sicherheitshalber. Obwohl ich es hätte wissen müssen: Mein Bauchgefühl war ein sicherer Kompass, es hatte mich noch nie getäuscht.

Bevor wir heirateten, musste ich noch eine wichtige Sache klären. Denn wie es so oft in der Anfangsphase eines Unternehmens üblich ist, produzierten wir einige Gerichte in unserer eigenen Wohnung. Täglich kochten wir große Mengen an Kartoffeln und bereiteten Salate zu. Mit zunehmendem Geschäft wurde dies jedoch immer schwieriger. Der intensive Essensgeruch breitete sich im Haus aus, worüber sich die anderen Wohnungseigentümer beschwerten.

„Wir brauchen einen eigenen Betrieb für die Zubereitung“, sagte ich zu Uschi und sie nickte heftig.

Ich machte mich auf die Suche und fand eine kleine Änderungsschneiderei mit angrenzender Wohnung, die ich zu einer Produktionsstätte umfunktionierte. Ich sah sofort das Potenzial und wusste: „Hier kann ich etwas Großes erschaffen.“

In Rekordzeit bauten wir die Schneiderei um: ein Lager, ein Büro, ein kleines Wohnquartier für einen Mitarbeiter. Das Geschäft lief tagsüber, produziert wurde nachts. Alles lief nach Plan, doch ich hatte ein entscheidendes Detail übersehen: die Betriebsanlagengenehmigung. Über unserer neuen Produktionsstätte wohnte ein Polizist. Es dauerte nicht lange, bis seine Kollegen vor der Tür standen und die Genehmigung verlangten. Ich wusste, dass Bürokratie Zeit braucht, aber mein Unternehmen konnte nicht warten. Ich produzierte weiter und ließ mich von den regelmäßigen Besuchen der Polizei nicht aus der Ruhe bringen. Es war eine Lektion in Vertrauen. Ich glaubte daran, dass sich die Dinge fügen, wenn man konsequent an seinen Zielen festhält.

Als ich das behördliche Dokument endlich in Händen hielt, waren die Sorgen wie weggeblasen. Ich konnte offiziell weiterarbeiten. Parallel dazu begannen die Hochzeitsvorbereitungen. Wir wählten bewusst ein Datum, das man nicht so leicht vergessen konnte – der Tag vor Uschis Geburtstag. Und bereits eine Woche nach der Verlobung folgte die nächste wunderbare Nachricht. Wie immer war ich spät von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich bemerkte sofort, dass etwas an Uschi anders war. Doch bevor ich fragen konnte, was los war, sagte sie voller Freude: „Ich bin schwanger.“ Obwohl ich hundemüde war, spürte ich eine kribbelnde Energie in jeder Faser meines Körpers. Mein Herz füllte sich mit unbeschreiblicher Freude. Ein neues Kapitel begann – eines, das ich mir jahrelang vorgestellt hatte.

Voller Vorfreude suchten wir ein Fachgeschäft für Babysachen auf und kauften alles, was unser Baby brauchen würde – vom Gitterbettchen über winzige Strampler bis hin zu Spielzeug. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich einkaufen, ohne auf den Preis zu achten. Es war ein Moment des puren Glücks, ein Zeichen, dass mein Weg mich genau dorthin geführt hatte, wo ich sein sollte. Ich hatte es mir immer wieder vorgestellt: Das Gefühl der finanziellen Sicherheit und die Freude, meiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Und jetzt war es Realität.

Dann war es endlich so weit: Die Hochzeitsglocken läuteten. Wir hatten eine standesamtliche Trauung im kleinen Kreis und eine ökumenische kirchliche Zeremonie, begleitet vom Kirchenchor, bei dem meine Frau als Organistin tätig war. Es war unser Tag, unser Versprechen, füreinander einzustehen. Mein Vater blieb der Feier fern, da er sich mit unserer ökumenischen Hochzeit nicht anfreunden konnte. Die katholisch-evangelische Verbindung war für ihn schwer zu akzeptieren, und unsere Beziehung war zu dieser Zeit nicht versöhnt. Doch in diesem Moment war ich zu glücklich, um darüber nachzudenken.

Unsere Hochzeit war ein unvergesslicher Moment voller Emotionen, doch wir entschieden uns bewusst für eine kurze Feier. Nach dem festlichen Essen verabschiedeten wir uns bereits am Nachmittag von unseren Gästen, denn unser nächstes Abenteuer wartete schon: unsere Hochzeitsreise. Während das Fest weiterging, fuhren wir voller Vorfreude zum Flughafen, bereit für den nächsten gemeinsamen Lebensabschnitt.

Die Ernüchterung kam im Hotelzimmer in Madrid: Ich war so erschöpft, dass ich die Hochzeitsnacht verschlief. Am nächsten Morgen, als ich die Augen öffnete, sagte meine Frau mit einem Lächeln auf den Lippen: „Romantischer hätte ich es mir schon vorgestellt. Außer, dass du geschnarcht hast, war da nicht viel.“ Wir lachten. Es war einer dieser Momente, in denen man erkennt, dass das Glück nicht in der Perfektion liegt, sondern in der Liebe, im gemeinsamen Lachen, in der Reise, die man miteinander unternimmt.

Was wäre, wenn unser Leben genau so funktioniert? Wenn unser Unterbewusstsein die Richtung vorgibt und wir lediglich lernen müssen, dem Weg zu vertrauen? Auch dann, wenn er uns Umwege aufzeigt? Und was wäre, wenn unser größter Erfolg nicht in einem einzigen Moment liegt, sondern in der Summe all jener Entscheidungen, die wir aus tiefstem Herzen treffen? Diese Hochzeit war mehr als ein Versprechen zwischen zwei Menschen. Sie war ein weiterer Beweis dafür, dass das Leben uns immer dorthin führt, wo wir sein sollen – wenn wir bereit sind, dem inneren Kompass zu folgen.

Was ich mir in jungen Jahren vorgenommen hatte, war längst aus meinem bewussten Denken verschwunden – und hatte doch tiefe Wurzeln in meinem Unterbewusstsein geschlagen. Wie Samen, die still und unsichtbar unter der Erde wachsen, entfalteten sich meine Glaubenssätze in meinem Leben weiter.

Mein Erfolg leitete sich von einer einfachen und kraftvollen Wahrheit ab. Setze dir Ziele, die du sehen kannst, bevor du sie erreichst. Fokussiere nicht das große Ganze auf einmal, sondern gehe kleine, greifbare Schritte. Ich sah jedes Lokal vor mir, jeden Umsatz auf dem Papier, und wusste tief in meinem Herzen: Was ich sehen kann, kann ich erreichen.

Die Logik dahinter · Kapitel 6 – Alles hat eine Logik
Kleine, greifbare Schritte statt des großen Ganzen auf einmal – kein Schritt lässt sich überspringen.

Wenn die Verantwortung steigt

Dann kam der nächste große Moment: die Geburt unseres Sohnes. Meine Frau hatte sich entschieden, in einem Spital in Kärnten zu entbinden. „Onkel Karli“, der beste Freund meines Schwiegervaters, war hier Primar.

Ich brachte sie ein paar Tage vor dem Termin ins Krankenhaus und kehrte nach Wien zurück, um mich noch einmal voll auf das Geschäft zu konzentrieren. Doch schon bald kam der ersehnte Anruf: „Es geht los!“

Ich ließ alles stehen und liegen, sprang ins Auto und raste los. In meiner Aufregung übersah ich eine Stopptafel und verursachte einen Unfall. Zum Glück war es nur ein kleiner Zusammenstoß, das Auto blieb fahrbereit. Ich tauschte schnell Versicherungsnummern aus und fuhr etwas vorsichtiger weiter.

Als ich endlich im Krankenhaus ankam, hatte meine Frau bereits starke Wehen. Onkel Karli empfing mich ruhig, doch mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich hielt ihre Hand, versuchte, beruhigend auf sie einzuwirken. Erst da bemerkte ich, wie stark sie war, stärker als ich in diesem Moment.

Ein paar Stunden später war unser Sohn da. Meine Frau war erschöpft, aber wohlauf, und wir waren unendlich dankbar. Als ich unser Baby, unseren Alex, zum ersten Mal in meinen Armen hielt, durchströmte mich ein unbeschreibliches Gefühl, eine Welle von Glück und Verantwortung. So klein, so vollkommen – ein Wunder, das unser Leben für immer verändern würde. Hatte ich mir dieses Wunder nicht längst zuvor, tief in meinem Inneren, vorgestellt? Mein Vater wollte diesen besonderen Moment mit uns teilen, doch auch er hatte auf dem Weg ins Krankenhaus einen Unfall, der sein Auto fahruntüchtig machte. Diese Kette von Ereignissen erinnerte mich erneut daran, dass nicht alles in unserer Macht steht – und doch genau so geschieht, wie es sein soll.

Nach wenigen Tagen kehrten wir als kleine Familie zurück nach Wien. Während unser privates Glück wuchs, entwickelte sich auch mein Unternehmen weiter – und mit ihm meine Verantwortung. Die beruflichen Herausforderungen wuchsen und ich suchte Unterstützung. Wir stellten eine Sekretärin ein. Dieser Schritt sollte mir mehr Zeit für meine Familie schenken, die Realität sah anders aus. Ich arbeitete viel und musste lernen, wie wichtig engagierte Angestellte sind, und wie schwierig es gleichzeitig ist, diese zu finden.

Anfangs warb ich vor allem das Personal von Würstelständen ab. Es waren Menschen, die den Umgang mit Kunden gewohnt waren und anpacken konnten, meist aber meinen Ansprüchen nicht gerecht wurden. Später geriet ich immer wieder an Menschen, die zwar eine passende Ausbildung hatten, aber die Regeln missachteten, nicht teamfähig oder unzuverlässig waren. Einbrüche, Diebstähle und sogar Veruntreuung von Geld durch Verkäufer gehörten zum Alltag. Manche Mitarbeiter kamen zu spät oder gar nicht zur Arbeit, wodurch Geschäfte geschlossen bleiben mussten. Ich lernte mit der Zeit, worauf ich achten musste: Ständige Jobwechsel im Lebenslauf deuteten jedenfalls auf Schwierigkeiten hin.

Nach Eröffnung der vierten Filiale spürte ich, dass sich etwas veränderte. Ich suchte gezielt nach Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die langfristige Pläne hatten, und stellte den ersten HTL-Absolventen ein. Es folgten weitere Absolventen von berufsbildenden höheren Schulen, vorwiegend junge Leute, die nach einer sicheren Position suchten. Die neuen Mitarbeiter spiegelten unsere Entwicklung wider: weg vom Würstelstand hin zu einem seriösen Unternehmen. Das half mir, das Geschäft weiter zu stabilisieren und erfolgreich auszubauen. Ich schuf ein familiäres Betriebsklima, das für viele zum Rückgrat des Unternehmens wurde.

Das Unternehmen wurde nicht nur professioneller, zugleich entstand eine gelebte Gemeinschaft. Wenn ein Mitarbeiter einen Vorschuss brauchte, half ich. Wenn jemand persönliche Probleme hatte, hörte ich zu. Jede Kündigung bereitete mir Bauchschmerzen. Sie nannten mich liebevoll „Papa Schindler“. Ich wollte, dass mein Team sich als Teil von etwas Größerem fühlte. Vielleicht war genau das der Schlüssel zu unserem Erfolg.

Die Logik dahinter · Kapitel 5 – Das Bild vom Samen
Menschen wachsen in einer guten Umgebung – auch in einem Unternehmen.

Werden, wer wir wirklich sind

Ich hatte bereits in meiner Jugend gelernt, mit meinem Unterbewusstsein zu arbeiten. Für mich war es wie ein guter Freund. Eine Kraft in mir, die still wirkte, Tag und Nacht. Vieles, was in meinem Leben entstanden war, hatte dort begonnen – tief in meinem Inneren, lange bevor es sichtbar wurde. Eines Tages erkannte ich den eigentlichen Grund, weshalb mein Leben gelang: Es war Vertrauen. Vertrauen darauf, dass ich mein Fortkommen einer Instanz überlassen konnte, die in mir und doch zugleich größer als ich war. Eine Instanz, die stets wirkte und dabei über ein umfassenderes Wissen verfügte, als es mir als Einzelner jemals zugänglich gewesen wäre. Die Pfade, auf die sie mich führte, mochten im ersten Moment als Irrwege erscheinen. Doch nur um sich später – manchmal Jahre später – als genau das herauszustellen, was ich an diesem Punkt meines Lebens benötigt hatte, um meinen Zielen näherzukommen. Ich begriff, dass alles, was geschah, von außen betrachtet für manche, wie eine Aneinanderreihung von Zufällen wirken mochte – für mich war es nichts anderes als göttliche Fügung.

Bis heute beginne ich den Tag oft mit einem einfachen Gedanken: „Danke Gott. Danke für alles, was du für mich tust. Danke – von ganzem Herzen.“ Für mich ist Gott die Kraft, die Leben erschafft. Nicht sichtbar, aber spürbar. In der Natur, im Leben selbst – und in jedem von uns. Wir sind ein kleiner Teil dieser Kraft. Unser Unterbewusstsein kann das Tor zu dieser göttlichen Kraft sein. Es war und ist nach wie vor mein Weg, um mit dieser Kraft in Verbindung zu treten.

Doch eines habe ich gelernt: Das Unterbewusstsein erfüllt keine Wunschträume, die nichts mit unserer eigenen Realität zu tun haben. Es macht uns nicht zu jemand anderen. Es hilft uns dabei, der zu werden, der wir in Wahrheit bereits sind. Vorausgesetzt, wir arbeiten mit dem, was uns bereits gegeben ist.

Ich habe dafür ein einfaches Bild: Manche Menschen sind wie ein Löwe – stark, mächtig, unübersehbar. Andere sind wie ein Hase – schnell, wendig, leichtfüßig.

Es bringt nichts, als Hase davon zu träumen, ein Löwe zu werden. Aber man kann der schnellste, schönste und geschickteste Hase sein, der je über eine Wiese gelaufen ist.

Das Unterbewusstsein unterstützt uns auf unserem Weg – aber es braucht den Glauben daran. Jeder Zweifel ist wie eine kleine Mauer, die wir uns bauen. Eine Bremse auf dem Weg zum Ziel. Das Leben ist oft einfacher, als wir glauben. Abgesehen von den Naturgesetzen ist alles veränderbar. Wenn etwas kompliziert erscheint, dann meistens, weil jemand Interesse daran hat, es kompliziert wirken zu lassen. In Wahrheit ist es schlicht: Man muss denken, fühlen und handeln, als hätte man das Gewünschte schon erhalten. Dann beginnt sich der Weg zu zeigen. Vielleicht anders, als man es erwartet. Aber er wird sich zeigen.

Die Logik dahinter · Kapitel 2 – Nichts ist fix
Abgesehen von den Naturgesetzen ist alles veränderbar.

Wachstumsphase

Sowohl persönlich als auch beruflich war Wachstum spürbar. Mit jedem neuen Teammitglied wuchs auch unser Platzbedarf erheblich. Was sollte ich tun?

Ich bekam die Lösung während einer Rundreise durch Amerika präsentiert. Als ich am Ufer des Mississippi saß und über das Wasser blickte, überkam mich ein Gedanke, so klar und kraftvoll wie der Fluss selbst: Ich brauchte eine eigene Fabrik, einen Ort, an dem wir selbst das herstellen konnten, was wir verkauften. Mein Unterbewusstsein hatte mir erneut eine Tür geöffnet, die ich nur durchschreiten musste.

Zurück in Wien setzte ich die Idee um. Wir eröffneten auf einem belebten Platz ein neues Lokal, das an einen Fleischereibetrieb angeschlossen war – eine dringend notwendige Maßnahme, um professioneller und effizienter zu arbeiten.

Doch schon bald zeigte sich, dass auch diese Lösung nicht von Dauer war. Produktion und Verwaltung verlangten immer mehr Raum – es war, als hätte das Universum beschlossen, mir erneut eine Chance zu geben, größer zu denken.

Ich entdeckte ein geeignetes Gebäude in der Nähe unseres Büros, doch die Eigentümer wollten es nicht verkaufen. Dennoch ließ ich nicht locker. Ich setzte mir das Ziel, sie durch regelmäßige Gespräche zu überzeugen. Nach zwei Monaten intensiver Verhandlungen kamen wir schließlich zu einer Einigung. Der Preis war zwar hoch, doch ich wusste: Diese Investition in unsere Zukunft war es wert.

Das Gebäude wurde komplett renoviert und verwandelte sich in genau den Ort, den ich zuvor in meinen Gedanken gesehen hatte: groß genug für all unsere Anforderungen, mit Platz für Wachstum und Träume. Wir konnten hier Schnitzel am Fließband produzieren. Diese langfristige Lösung wurde zur Grundlage unseres weiteren Erfolgs.

Nun war erneut die Familie mit dem Wachsen dran. Die zweite Schwangerschaft meiner Frau verlief viel entspannter – wir waren beide ruhiger und vertrauten darauf, dass alles gut werden würde. Wieder sollte unser Kind in Kärnten geboren werden, und als der Anruf meiner Frau kam, ließ ich erneut alles stehen und liegen und machte mich voller Vorfreude auf den Weg. Diesmal verlief die Fahrt ohne Zwischenfälle, und bei meiner Ankunft empfing mich Onkel Karli, der Arzt unseres Vertrauens, mit beruhigenden Worten: „Du hast noch nichts verpasst, alles verläuft planmäßig, kein Stress.“

Wenig später war es so weit: Unsere Tochter kam gesund und munter zur Welt. Meine Frau und ich hielten unser kleines Mädchen, Katharina, in den Armen und fühlten uns noch vollständiger. Wieder spürte ich diese tiefe Dankbarkeit für meine Familie und das Leben, das wir uns aufgebaut hatten.

Unsere wachsende Familie – wir waren nun schon zu viert – brauchte mehr Raum, und so fanden wir schließlich eine größere Wohnung im 12. Bezirk nahe dem Meidlinger Markt. Von dort konnte ich sogar zu Fuß ins Büro gehen.

Die Logik dahinter · Kapitel 1 – Alles ist einfach
Die Lösung kam am Ufer des Mississippi, als der Kopf frei war – einfacher als gedacht.

Das Beste geben

Wir benötigten laufend neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und suchten schließlich gezielt nach einem Personalspezialisten. Die Auswahl war nicht einfach, da viele geeignete Kandidaten dabei waren. Letztendlich entschieden wir uns für einen Psychologen und beschäftigten damit unseren ersten Akademiker. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die richtigen Menschen für unser Unternehmen zu finden und sie umfassend zu schulen. Obwohl es auf den ersten Blick einfach erschien, Schnitzel zu verkaufen, mussten viele Mitarbeiter, die ohne gastronomisches Vorwissen zu uns kamen, in sämtliche Abläufe eingearbeitet werden. Die Details waren umfangreicher als vermutet, und eine strukturierte Einarbeitung war essenziell, um gleichbleibende Qualität zu gewährleisten.

Qualität war mir immer wichtig: Jeden Tag frische Schnitzel – das lag mir im Blut. Ich motivierte mein Team stets dazu, das Beste zu geben, und ließ diese Botschaft auf jedes Blatt Papier drucken, das unser Haus verließ. Mein Ziel war klar: Jeder Mitarbeiter sollte sein höchstes Potenzial entfalten können.

Etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden lebten diese Philosophie voll mit, während die anderen ihren Job zumindest ordentlich erledigten. Ich richtete eine kleine Bibliothek ein und stellte den Führungskräften inspirierende Bücher über Management, Marketing und positives Denken zur Verfügung.

Gleichzeitig investierte ich viel Energie und Geld ins Marketing. Unsere Werbesprüche waren bewusst provokant und eingängig, um Aufmerksamkeit zu erregen: „Ich kann jeden Tag …“, verkündete eine vollbusige Blondine mit Schmollmund auf einem unserer Plakate. Es hagelte heftige Kritik. Die Werbung wurde als sexistisch und geschmacklos beurteilt und sogar zur „schlechtesten Werbung des Jahres“ gewählt.

Ich ließ mich davon nicht beirren, die polarisierenden Plakate brachten viel Aufmerksamkeit und den einen oder anderen Zeitungsartikel.

Ein Jahr nach der Blondine setzten wir erneut auf Provokation – dieses Mal mit einem männlichen Model, das in Ledergilet und nacktem Oberkörper versprach: „Zweimal in einer Stunde gratis!“ Der Hintergrund war: Wer zwei Schnitzel in einer Stunde essen konnte, qualifizierte sich für eine weitere Aktion – ein Wettessen. Der Gewinner – überraschenderweise ein sehr schlanker Mann – schaffte unglaubliche 4,5 Kilogramm an Schnitzel und Beilagen und ich überreichte ihm einen Gutschein für einen Traumurlaub.

Viele der Ideen fürs Unternehmen entstanden intuitiv, ich musste sie nur umsetzen. Doch es kamen auch Herausforderungen auf mich zu, die ich nicht vorausgesehen hatte. Als wir den Preis für unser Wiener Schnitzel erhöhten, blieben von einem Tag auf den anderen viele Kunden fern. Sie wollten die Teuerung nicht mitmachen und das Unternehmen geriet in eine kritische Phase, in der ich beinahe in den Ruin ging. Ohne ausreichende Reserven hätte ich Konkurs anmelden müssen. In solchen Momenten fragte ich mich: Was sagt mir das Leben gerade? Ist es Zeit, umzudenken?

Ich wusste, dass ich meine Strategie überdenken musste, und mein Unterbewusstsein lieferte erneut die entscheidende Idee: Ich entwickelte das „Rio Grande“, inspiriert von meiner Zeit in Brasilien. Das Cordon bleu hob sich durch seine außergewöhnliche Größe und seine spezielle Käse-Schinken-Füllung deutlich von unserem bisherigen Angebot ab. Es war dreimal so teuer wie ein normales Schnitzel, doch die Qualität und das einzigartige Geschmackserlebnis machten es zu einem vollen Erfolg. Durch gezielte Werbung und eine strategische Platzierung im Menü wurde das „Rio Grande“ schnell zu einem Publikumsmagneten, und mein Unternehmen war zurück auf Erfolgskurs.

Die Suche nach qualifizierten Führungskräften blieb dennoch eine Herausforderung. Also traf ich eine Entscheidung, die im ersten Moment vielleicht unkonventionell wirkte, sich aber richtig anfühlte – und sich als genau richtig herausstellen sollte: Ich stellte fünf junge, hoch qualifizierte Frauen ein, die alle direkt von den Universitäten kamen. Es waren vier Magisterinnen und eine Diplom-Ingenieurin. Sie hatten keine vorgeprägten Karrieren, keine alten Muster. Sie waren klug, mit einem offenen Geist und dem Wunsch, etwas zu bewegen. Ich wollte keine Führungskräfte, die schon in anderen Betrieben gelernt hatten, wie es angeblich läuft. Ich wollte Menschen, die noch Fragen stellten, wo andere längst alle Antworten auswendig wussten.

Einfach war das nicht. Die Neuen mussten das Unternehmen von Grund auf kennenlernen. Ich ließ sie in jeder Abteilung arbeiten – nicht nur um Abläufe zu verstehen, sondern um ein Gefühl für das Ganze zu entwickeln. Für das, was wir taten, und warum wir es taten. Um die Verbindung zwischen den erfahrenen Kräften und den neuen Führungspersönlichkeiten zu stärken, organisierten wir mehrere Seminare. Räume des Austauschs, der Offenheit, des gegenseitigen Verstehens.

Einige aus dem bestehenden Team reagierten skeptisch, und ein langjähriger Mitarbeiter kündigte sogar seinen Job. Das machte mich nachdenklich, offenbarte aber im Grunde nur, was ich bereits wusste: Jede Veränderung zeigt, wer bereit ist, weiterzugehen und wer lieber stehen bleibt.

Ich wollte kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander – getragen von gegenseitiger Wertschätzung. Und langsam, fast unmerklich, wuchs aus den Angestellten ein echtes Team. Eines, das sich nicht nur organisierte, sondern miteinander dachte und fühlte.

Die Logik dahinter · Kapitel 2 – Nichts ist fix
Jede Veränderung zeigt, wer bereit ist, weiterzugehen.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Hier wurde aus meinem Grundsatz das Leitmotiv meiner Firma. Nicht alle lebten ihn mit voller Überzeugung – aber jeder gab, was er geben konnte.

Was du dem Unterbewusstsein gibst, gibt es dir zurück

Dieser Satz begleitete mich in dieser Zeit regelmäßig. Ich gab Vertrauen hinein. Offenheit. Die Vorstellung, dass ein förderliches Miteinander möglich war, von dem alle profitierten.

Nach einem Jahr waren die jungen Frauen in ihre Führungspositionen hineingewachsen und konnten meine Aufgaben vollständig übernehmen. Sie trugen Verantwortung, trafen Entscheidungen, führten mit Klarheit und Empathie. Ich sagte manchmal scherzhaft: „Bei uns lassen die Frauen die Männer kochen.“

Es fühlte sich an, als hätte sich ein Bild verwirklicht, das ich lange Jahre in mir getragen hatte. Und das Unternehmen wuchs weiter. Die Energie stimmte. Es wurde auf Details geachtet, nicht aus Pflicht, sondern aus echter Hingabe. Ich forderte meine Angestellten, aber ich förderte sie auch. Wir waren eine Gemeinschaft – nicht nur auf dem Papier, sondern in der Haltung. Und das spiegelte sich in allem wider: in den Ergebnissen, im Miteinander, im Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Wir bildeten Lehrlinge in Systemgastronomie aus, einem Beruf, den es in Österreich davor noch nicht gegeben hatte. Unsere Personalleiterin entwickelte mit einer Gastronomiefachschule den Lehrplan. Die jungen Leute lernten bei uns alle Abteilungen kennen und gewannen wertvolles Wissen über die verschiedenen Arbeitsprozesse.

Wir hatten Kontrolleure im Einsatz, die Qualität und Abläufe überwachten. Diese gingen unerkannt essen, fotografierten alles und bewerteten den Geschmack und die Qualität der Produkte anhand klar definierter Vorgaben. Das Feedback landete schließlich auf meinem Schreibtisch und wurde direkt an die Bereichsleiter weitergegeben.

So wurde mein Unternehmen nicht nur größer, sondern vor allem professioneller. Ich konnte mich wieder auf die strategische Führung konzentrieren, während mein Unterbewusstsein mich weiterhin leise und verlässlich begleitete.

Privat stand der nächste große Entwicklungssprung an. Denn als meine Frau unser drittes Kind erwartete, wünschte sie sich ein richtiges Zuhause für unsere Familie. Zwar hatte ich zu diesem Zeitpunkt stark in die Expansion investiert und war zögerlich, doch ihre Entschlossenheit überzeugte mich schließlich. Wir fanden mithilfe eines Maklers ein wunderschönes Haus, das jedoch über unserem geplanten Budget lag. Nach intensiven Verhandlungen konnten wir eine Ratenzahlung vereinbaren und endlich in unser neues Heim ziehen. Es war der perfekte Ort für unsere Familie, um zu wachsen und glücklich zu leben. Ich bin meiner Frau bis heute dankbar, dass sie den Hauskauf so vehement gefordert hatte.

Wir richteten uns gemütlich ein. Auch für unser drittes Kind gestalteten wir ein liebevolles Zimmer. Dann rückte der Geburtstermin näher und wir fuhren gemeinsam nach Kärnten. Mit der Unterstützung von Onkel Karli waren bereits unsere ersten beiden Kinder – unsere größte Freude – ins Leben gekommen. Inzwischen fühlten wir uns beide beinahe routiniert. Als schließlich der erwartete Anruf – „Es geht los“ – aus Kärnten kam, blieb ich trotz der freudigen Aufregung entspannt. Ich machte mich auf den Weg und erreichte das Krankenhaus zügig und ohne Zwischenfälle. Dort empfing mich unser Arzt und sagte: „Uschi geht es sehr gut, alles bestens. Du hast noch Zeit. Kein Grund zur Eile.“

Dennoch wollte ich sofort an der Seite meiner Frau stehen. Doch plötzlich wurde mir schwindlig. Gerade noch rechtzeitig setzte ich mich auf ein leeres Bett. Alles um mich herum wurde weiß. Ein paar Minuten lang hatte ich das Gefühl, zu sterben. „War das jetzt mein Leben?“ An diesen Gedanken kann ich mich heute noch deutlich erinnern.

Doch dann klärte sich mein Blick wieder. Lag es an der enormen Hitze im Kreißsaal, da die Klimaanlage ausgefallen war? Wie auch immer, eine mitfühlende Schwester, die wohl schon diverse werdende Väter in Aufruhr erlebt hatte, brachte mir ein Glas Wasser, lächelte mir aufmunternd zu und schickte mich dann zu meiner Frau. Alles war wieder in Ordnung, und wenig später begrüßte unsere jüngste Tochter lauthals ihre Eltern: Lena war da.

Nun fühlten wir uns vollkommen, angekommen in einem Leben, das wir selbst erschaffen hatten – dank der Kraft unseres Unterbewusstseins, unserem Vertrauen in eine höhere Macht, unseren klaren Visionen und dem, was das winzige Bündel Leben vor uns einst als „Growth Mindset“ bezeichnen würde: der Wille, stets an sich zu arbeiten, um zu wachsen und voranzukommen. Das schöne Leben konnte beginnen.

Die Logik dahinter · Kapitel 4 – Jede Handlung ist eine Ursache
Ich habe Vertrauen hineingegeben – und Menschen bekommen, die Verantwortung tragen.

Überflieger auf Zeit

Wir lebten nun in einem wunderschönen Haus am Rande von Wien, in der Nähe eines Naturschutzgebiets. Wir hatten endlich unser eigenes kleines Paradies gefunden. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, stand das Frühstück bereits auf dem Tisch – liebevoll zubereitet von unserer Haushälterin.

Doch trotz der äußeren Perfektion spürte ich eine tiefe Erschöpfung. Ich arbeitete sieben Tage die Woche, manchmal bis zu 18 Stunden täglich. Ich war ständig müde und schlief überall ein – bei Besprechungen, am Schreibtisch und sogar im Auto. Eines Tages übersah ich im Sekundenschlaf eine rote Ampel. Ich war schwer geschockt, entsetzt über mich selbst und trotz allem erfüllt von großer Dankbarkeit. Ich hatte eine wichtige Lektion gelernt, ohne dass jemand – oder auch nur etwas – zu Schaden gekommen war. Die Erkenntnis war eindeutig: Ich musste dringend etwas ändern. Ich stellte einen Chauffeur ein, der zugleich mein persönlicher Assistent wurde. Er unterstützte mich in allen Bereichen, hielt mir den Rücken frei und übernahm Aufgaben, für die mir längst die Energie fehlte. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Doch tief in mir wusste ich, dass es der richtige Schritt war, um neben meinem Unternehmen auch mich selbst zu schützen.

Mein Alltag veränderte sich merklich. Ich konnte mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren und nutzte die tägliche Fahrt zur Firma als wertvollen Moment der Klarheit. Es war, als hätte mein Unterbewusstsein mir gezeigt, wie wichtig es war, innezuhalten und Verantwortung abzugeben. Nur so konnte ich weiterwachsen.

Ich arbeitete bewusster und gezielter an meiner inneren Einstellung, indem ich positive Gedanken in den Vordergrund stellte. Negative Glaubenssätze bekamen keinen Platz mehr in meinem Leben. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Das Geschäft lief wie von selbst, sieben Tage die Woche. – als läge ein Zauber über allem, was ich anpackte.

Es war die intensivste Hochphase meines Unternehmens. Bald betrieben wir 35 Lokale, und ich konnte es mir leisten, neue Ideen zu entwickeln und mit visionären Projekten zu experimentieren. Eines davon war die innovative „Tram-Bar“ im ersten Wiener Gemeindebezirk, die direkt neben unserem größten Schnitzelhaus gelegen war und an sich schon eine Wiener Sehenswürdigkeit darstellte. Man fand die Adresse in allen Reiseführern, denn im sogenannten „Sekt Café“, befand sich eine alte Straßenbahn-Garnitur. Viele Touristinnen und Touristen kamen täglich zu Besuch. Als ein neuer Pächter für das Lokal gesucht wurde, übernahm ich und machte mich sofort daran, meine Idee zu verwirklichen.

Es war ein gänzlich neues Konzept, bei dem die Zeit im Vordergrund stand. Der Aufenthalt im Café war nur während der ersten 30 Minuten gratis, danach bezahlten die Gäste für jede weitere halbe Stunde einen gewissen Betrag, auch wenn sie konsumierten. Einheimische Stammkunden bekamen eine Klubkarte, mit der sie vergünstigt Speisen und Getränke kaufen konnten. Das hatte Wien noch nie gesehen!

Für mich war das nicht genug. Ich startete mit einer weiteren Gastro-Idee durch – dieses Mal auf Italienisch. Das Lokal hieß „Molto“ und auf der Speisekarte standen Pizza und frische Pasta. Erste Erfolge zeigten sich, aber all diese Projekte kosteten viel Geld – Geld, das mir bei der Expansion des Schnitzelhauses fehlte. Deshalb entschied ich, die „Tram-Bar“ und das „Molto“ wieder loszulassen, um meinen Höhenflug nicht zu gefährden. Nun waren auch die Medien auf mich aufmerksam geworden und berichteten über meinen Werdegang. Ich galt als Überflieger, als Erfolgsbeispiel für Unternehmergeist. Unser Unternehmen wurde bekannt und wir traten sogar in der österreichischen Fernsehsendung „Meisterkochen“ auf. Stolz zeigten wir unser Konzept und unser Team. Wir produzierten hochwertige Firmenfilme, die in Kinos liefen und bei Firmenpräsentationen in namhaften Hotels gezeigt wurden. Wir verhielten uns wie ein Großkonzern, die Geschäftspartner waren beeindruckt.

Ich entwickelte eine eigene Zeitung, die für Stammkunden aufgelegt wurde. Sie hieß „Der Vorteil“ und berichtete über spannende Geschichten rund um das Schnitzelhaus. Im Inseratenteil konnten Kundinnen und Kunden kostenlos ihre Kleinanzeigen schalten. Sie kamen immer wieder ins Lokal, sahen sich ihre Annoncen an und hofften auf Reaktionen der anderen Gäste. Die Zeitung war die perfekte Kundenbindung. Finanziert wurde sie durch die Inserate der Lieferanten, die wir von den Vorteilen dieser Werbung überzeugen konnten. Nicht ich, sondern meine Managerinnen hatten dieses Konzept erarbeitet. Aus heutiger Sicht (und mit dem heutigen Vokabular) hatten wir dank unserer analogen Social-Media-Plattform unsere eigene große Community. Die Räder griffen perfekt ineinander.

Ebenso reibungslos funktionierte die Idee mit den neuen Dienstautos: Um unsere Betriebsleiter zu motivieren und sichtbarer zu machen, erhielt jeder einen roten VW als Firmenwagen. Die Flotte war unübersehbar. Sie verlieh dem Unternehmen ein professionelles Gesicht und stärkte gleichzeitig das Zugehörigkeitsgefühl im Team.

In einer eigenen Jungunternehmerbörse unterstützte ich junge Menschen dabei, sich selbstständig zu machen. Daraus wurde ein spezielles Programm – eine „Ausbildung zum Millionär“. Für die Treffen nutzte ich den wunderschönen Sitzungsraum in der Firmenzentrale. Als Honorar verlangte ich eine Beteiligung an den neu gegründeten Unternehmen. Es war eine aufregende Zeit: Ich hatte den Fuß permanent auf dem Gaspedal, raste auf der Überholspur des Lebens dahin, immer im Bestreben, groß zu denken und Grenzen zu überschreiten.

Doch diese Hochphase brachte auch Herausforderungen mit sich. Um das enorme Wachstum zu bewältigen, arbeitete ich mit externen Managern auf Zeit zusammen – erfahrene Führungspersönlichkeiten aus großen Konzernen, die für eine begrenzte Zeit ihr Wissen in kleinere Betriebe einbrachten. Ihre Aufgabe war es, mir strategisches Management beizubringen. Sie bereiteten mich darauf vor, ein immer größeres Unternehmen zu führen. Es war intensiv, herausfordernd und unglaublich lehrreich. Gleichzeitig nahm ich weiterhin Kredite auf und war dabei nicht wählerisch: Jede Bank, die mir Geld lieh, war willkommen. Ich war zutiefst überzeugt, dass Wachstum nur durch Investitionen möglich ist, und Investitionen nur durch Schulden zu stemmen sind. Dabei blieb ich meiner strikten Risikoabschätzung stets treu, wonach es nie mehr Passiva geben durfte als Aktiva. Die Zahlen kletterten in schwindelerregende Höhen und erreichten zweistellige Millionenbeträge, doch entscheidend war die richtige Balance. Über all meinem Tun stand eindeutig ein guter Stern. Vielleicht deshalb, weil es mir nie um mich allein ging. Mein größter Wunsch war es, meinen drei Kindern eine Bildung zu ermöglichen, die ihnen alle Türen öffnen würde. Sie besuchten Privatschulen und später renommierte Universitäten. Sie entschieden sich bewusst gegen die Selbstständigkeit. Zu präsent waren die Höhen, aber auch die Tiefen des Unternehmerlebens, die sie an meiner Seite miterlebt hatten. Sie folgten ihren eigenen Wegen und fanden darin ihre persönliche Erfüllung.

Die Logik dahinter · Kapitel 10 – Und nichts ist egal: das eigene Leben
Äußere Perfektion ersetzt nicht das eigene Leben.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Sieben Tage, 18 Stunden: Ich gab mehr, als ein Mensch auf Dauer geben kann. Das Beste zu geben heißt auch, die eigenen Grenzen zu kennen.

Gefangen in der Negativschleife

Erfolg kann eine trügerische Welle sein. Wenn sie einen trägt, fühlt man sich geradezu manisch – als könne einem nichts und niemand etwas anhaben. Doch wer vergisst, was diese Welle antreibt, wird schneller von ihr verschluckt, als ihm lieb ist. Auch ich tappte in diese Falle: Der Erfolg trug mich hoch hinaus und ich verlor die Bodenhaftung. Alles, was ich anpackte, gelang. Ich verlor den Bezug zur Realität: Ich hielt mich für unfehlbar. Meine Lernbereitschaft und mein Bauchgefühl als Unternehmer hatten mich erfolgreich gemacht, doch nun ignorierte ich genau das, was mich so erfolgreich gemacht hatte. Ich wusste es besser. Ich hörte nicht mehr hin. Ich glaubte, ich könnte alles allein erledigen. Die ersten feinen Risse zeigten sich nicht von außen – sondern von innen. Mein Unternehmen war gewachsen, größer und komplexer geworden, als ich es je geplant hatte. Was früher durch Zuruf funktionierte, benötigte jetzt Strukturen, Prozesse, Führung. Ich forderte mein Management bis an seine Grenzen – ohne es zu bemerken. Ich selbst war längst darüber hinaus. Und obwohl ein erfahrener Geschäftsführer gutgetan hätte, hielt ich daran fest, alles selbst kontrollieren zu wollen. Der Stolz, es allein zu schaffen, war lauter als die Stimme der Vernunft. Zwei Jahre waren vergangen, in denen ich alle Zeichen der Überforderung ignoriert und mich für den unfehlbaren Meister aller Klassen gehalten hatte. Zwei Jahre, in denen ich unbewusst gekämpft hatte, nicht unterzugehen. Und dann, eines Tages, in einem Moment der Klarheit, blickte ich auf den Scherbenhaufen meiner Existenz: Ich hatte den Glauben verloren, nicht an das Unternehmen, sondern an mich selbst.

Wie du denkst, so wird dein Leben sein. Dieser Satz prägt mich seit meiner Jugend. In diesem Moment war er in Vergessenheit geraten. Ich dachte nicht mehr an Erfolg. Ich dachte an das Scheitern. Ich zweifelte an meinen Entscheidungen, ich sah überall Hindernisse. Ich begann, meinen eigenen Erfolg kleinzureden. Die Worte, die ich über mich selbst sprach, waren nicht mehr die eines Visionärs, sondern die eines Menschen, der auf der Suche nach Fehlern war – und sie überall fand.

Das Unternehmen geriet ins Wanken. Ich traf einige Fehlentscheidungen. Die Umsätze gingen zurück, die Kredite wurden zur Last. Als schließlich sogar Mitarbeiter der Bank kamen, um den Wert meines Hauses zu schätzen, war das wie ein Schlag in die Magengrube. Mein Zuhause, mein Rückzugsort, war plötzlich nicht mehr sicher. Es war wie damals in meiner Kindheit, als mein Vater sich so hoch verschuldet hatte, dass eines Tages die Exekutoren vor der Tür standen. Ich sah noch immer die Sorgenfalten in den Gesichtern meiner Eltern und spürte die angespannte Unsicherheit, die sich wie ein Schleier über unser Zuhause gelegt hatte. Jetzt stand ich selbst an diesem Punkt – konfrontiert mit meinem eigenen Scheitern.

Wenn du ein Unternehmen führst, dann trägst du nicht nur die Verantwortung für dich selbst. Du fühlst dich für deine Mitarbeiter, für ihre Familien und für alles, was du aufgebaut hast, verantwortlich. Diese Verantwortung kann zur erdrückenden Last werden, wenn du versuchst sie allein zu tragen.

Ich verlangte kaum erfüllbare Höchstleistungen von meinen Angestellten, suchte die Fehler nicht bei mir, sondern bei ihnen. Besonders hart traf das die Führungskräfte, die ich zuvor ausgebildet hatte und von denen ich so begeistert gewesen war. Ich redete alles schlecht und so kam es, dass eine nach der anderen das Unternehmen verließ.

Ich stellte neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Sie sollten Erfahrung haben, der Hochschulabschluss war nicht mehr wichtig. Ich hatte erhebliche Investitionen in den Ausbau des Filialnetzes getätigt. Gleichzeitig sanken die Umsätze um zehn Prozent. Was einst das Unternehmen antrieb, wurde nun zur Belastung, die es fast zum Stillstand brachte. Ich wollte alles selbst in der Hand behalten und genau das wurde mir zum Verhängnis. Ich war überzeugt, dass unser Unterbewusstsein unser wichtigster Verbündeter ist. Es erschafft unsere Realität – entweder für uns oder gegen uns. In meiner Hochphase hatte ich daran geglaubt. Ich war mir meiner Vision sicher. Ich hatte klare Bilder davon, was möglich ist. Und das Leben hatte mir genau das geliefert.

Doch als ich aufhörte, diese Bilder zu nähren, als ich stattdessen die Probleme, die Ängste und die Unsicherheiten in mein Denken ließ, setzte mein Unterbewusstsein meine neuen Glaubenssätze in die Tat um.

Ich hatte mich in den Ruin gedacht.

Eines Freitags verkündete ich meinen Mitarbeitern: „Nächste Woche muss ich Insolvenz anmelden.“ Ich war mir sicher in meinem Entschluss, suchte dennoch am Wochenende den Rat eines väterlichen Freundes. Mit eindringlichen Worten riet er mir, für mein Unternehmen und für meine Mitarbeiter zu kämpfen. Er überzeugte mich. Und mehr noch: Er schenkte mir so viel Vertrauen, dass ich mich zumindest in gewisser Hinsicht aus den Folgen meines tiefen psychischen Falls befreien konnte. Der Weg zurück war zwar noch weit, aber ich hatte meine Orientierung wiedergefunden. Der Glaube an mich selbst, an mein Unterbewusstsein und an eine höhere Fügung kehrte leise zurück. Am Montag trat ich noch einmal vor mein Team. Ich erklärte ihnen nicht das Ende, sondern versprach, alles zu geben, um die Firma zu retten. „Ihr werdet sehen, es geht weiter.“

Ich tat, was ich versprochen hatte. Unzählige Stunden mit Banken, Behörden und Lieferanten lagen vor mir. Es folgten harte Verhandlungen und schmerzhafte Einschnitte, doch schließlich war es geschafft: Die Insolvenz war abgewendet.

Der Weg zurück in mein einst schönes Leben war steinig. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Ich litt unter Panikattacken – eine psychische Hölle, die ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschte. Damals wusste ich nicht, dass mein Zustand einen Namen hatte.

Es hatte leise begonnen. Nicht von heute auf morgen, nicht mit einem großen Knall, sondern schleichend, fast unmerklich – so wie sich Nebel über eine Landschaft legt und man plötzlich nichts mehr klar erkennen kann. Es begann in jener Zeit, als die Umsätze sanken und ich merkte, dass mir die Dinge langsam entglitten. Am Anfang war es nur ein diffuses Gefühl. Doch mit jedem Tag wuchs es in mir, wurde stärker, nahm mehr und mehr Raum ein – es war die Angst. Angst vor meinem eigenen Personal. Angst vor den Behörden, die den Betrieb kontrollierten. Angst, mit Menschen zu sprechen. Nackte Panik vor dem Verlust meiner gesamten Existenz.

Ich war mental völlig am Boden und eigentlich zu müde, um morgens aus dem Bett zu steigen. Ich zwang mich dazu, flüchtete mich in endlose Aktivitäten, nur um nicht nachdenken zu müssen.

Ich erinnere mich genau an den Moment, als mir ein Mitarbeiter mitteilte, dass er kündigen wollte. Es war nur ein Satz, eine schlichte Information – und doch war es, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Sofort kreisten meine Gedanken: Was, wenn ich die Geschäfte nicht mehr öffnen kann? Was, wenn der Umsatz ausbleibt und ich meine Kredite nicht mehr bedienen kann? Ich malte mir Katastrophenszenarien aus, die realer wirkten als die Wirklichkeit. Dabei war objektiv betrachtet nichts Dramatisches geschehen. Ja, es gab größere offene Rechnungen. Ja, ich war bei einigen Bankraten in Verzug. Aber ich hatte Zahlungsziele vereinbart und der Betrieb funktionierte weiter. Nach außen hin schien alles stabil. Doch innen in mir sah es anders aus.

Ich war nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Meine innere Unruhe bestimmte mein Handeln – oder besser gesagt: mein Nichthandeln. Ich kontrollierte nichts mehr, war nicht mehr präsent, nicht mehr kreativ. Der Betrieb lief einfach so dahin, getragen von meinen Mitarbeitern, von deren Einsatz ich in dieser Zeit mehr profitierte, als ich es selbst wahrhaben wollte. Ich hatte mich selbst verloren. Ich stellte neue Mitarbeiter ein, weil ich hoffte, dass jemand oder etwas die Situation für mich retten würde. Aber ich war zu müde, zu erschöpft, zu überfordert, um wirklich hinzusehen. Und so kam es, wie es kommen musste: Diese Entscheidungen kosteten zusätzlich Geld, führten zu Fehlern und entfernten mich immer weiter von meinem ursprünglichen Selbst.

Ich fühlte keine Freude mehr. Das Unternehmen, das ich einmal mit Leidenschaft aufgebaut hatte, bedeutete mir in dieser Zeit kaum noch etwas. Wenn ich allein war, überkamen mich plötzlich Weinkrämpfe. Es waren keine lauten Ausbrüche, keine Wut. Ich empfand eine tiefe, stille Verzweiflung. Ich fühlte mich wie ein Gefangener in meinem eigenen Leben, in einer Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen gab.

Ich war wie gelähmt und meine Gedanken kreisten in Endlosschleifen um die ewig gleichen Fragen:

Was wird aus meinem Unternehmen?

Wie soll ich meine Rechnungen bezahlen?

Was wird aus meinen Mitarbeitern?

Was wird aus mir?

Ich wusste keine Antwort.

Die Logik dahinter · Kapitel 7 – Wenn etwas nicht wächst
Nicht „Wer ist schuld?“, sondern „Was stört?“.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Ich verlangte von meinen Mitarbeitern mehr als das Bestmögliche. Doch mehr als das Beste kann niemand geben – wer es fordert, erntet Erschöpfung statt Leistung.

Wie Phönix aus der Asche

Eines Tages betrat meine Frau die Firma und erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie sah mich besorgt an und fragte: „Was ist los mit dir? Ich erkenne dich kaum wieder.“ Ich konnte ihr keine Antwort geben. An diesem Tag war ich an einem Tiefpunkt angekommen, ausgebrannt, müde und leer. Ich kannte mich selbst nicht mehr. Sanft nahm sie meine Hand und sagte: „Komm, wir gehen. Du musst dringend zu einem Arzt.“ Sie begleitete mich behutsam nach draußen und fuhr mit mir auf direktem Weg ins Krankenhaus.

Die Diagnose war eindeutig: Burn-out. Doch nicht nur das: Es wurde eine bipolare Störung festgestellt. Diese Erkrankung führt dazu, ständig zwischen tiefster Dunkelheit und strahlendem Licht hin- und hergerissen zu sein, zwischen lähmender Erschöpfung und unkontrollierbarer Energie. Als ich die Erklärung des Arztes hörte, fühlte es sich an, als hätte endlich jemand das Puzzle meines Lebens zusammengesetzt. Plötzlich ergab vieles in meinem Leben Sinn – auch im Rückblick auf meinen Vater, der wohl sein gesamtes Leben mit dieser Erkrankung gelebt hatte, ohne dass es jemals diagnostiziert worden wäre.

Die folgende Zeit war die schwierigste meines Lebens. Ich war isoliert von allem, was mir vertraut war, und musste mit Rückschlägen kämpfen. Da ich auf der psychiatrischen Abteilung behandelt und mein Zustand vor allem psychisch beurteilt wurde, übersahen die Ärzte zunächst eine akute Gallenentzündung. Erst als ich zusammenbrach und alles um mich herum dunkel wurde, reagierten sie.

„Wir müssen sofort operieren“, hörte ich eine Stimme sagen, die weit entfernt schien. Und plötzlich kämpfte ich nicht nur mit meiner psychischen Erkrankung, sondern um mein Leben. Ein großer Schnitt, 30 Zentimeter, war nötig, um zur Galle vorzudringen. Während des Eingriffs setzte mein Herz fast eine Minute aus.

Ich war dem Tod näher als je zuvor. Doch die Ärzte konnten mich erfolgreich reanimieren und retteten mir das Leben.

Ich verbrachte mehrere Wochen auf der Intensivstation, glaubte, weiße Mäuse und Ratten zu sehen, und kämpfte mich langsam zurück ins Leben. Tief im Inneren erkannte ich, dass jede Krise ein Weckruf sein kann – eine Einladung meines Unterbewusstseins, genauer hinzusehen und tiefer zu verstehen, wofür ich wirklich leben wollte.

Schritt für Schritt, Tag für Tag spürte ich, wie sich in mir wieder etwas aufbaute – Kraft vielleicht oder Zuversicht, zart und noch zerbrechlich.

Meine Frau besuchte mich jeden Tag. Oft begleitete sie eines unserer Kinder, und jedes Mal spürte ich, wie ein Stück Leben von draußen zu mir hereinkam. Besonders als ich die Intensivstation verlassen durfte, waren diese Besuche ein Geschenk. Es war so viel einfacher, durchzuhalten, wenn ich ihre Stimmen hörte, wenn ich ihr Lachen im Raum spürte.

Trotzdem wollte ich nach Hause – mehr als alles andere. Ich hatte drei lange Monate in diesem Krankenhaus verbracht. Drei Monate, die meinen Körper deutlich gezeichnet hatten. Fünfzehn Kilo hatte ich verloren. Jeder Knochen zeichnete sich unter der Haut ab. Ich war so schwach, dass ich kaum allein aus dem Bett kam, geschweige denn einen Schritt hätte gehen können. Und doch war da diese leise Hoffnung, die mich Tag für Tag antrieb. Eine Therapeutin besuchte mich regelmäßig. Mit unendlich viel Geduld übte sie mit mir Bewegungen, die früher selbstverständlich gewesen waren. Es war ein mühsames Zurückerobern meines eigenen Körpers.

Der Arzt machte mir Mut. Er versprach: „Wenn Sie es schaffen, allein die Treppe hinaufzusteigen, dann dürfen Sie für einen Weihnachtsurlaub nach Hause.“

Ich hatte ein Ziel: Ich nahm all meine Kraft zusammen, übte täglich, kämpfte gegen die Erschöpfung an – immer mit diesem einen Bild vor Augen: zu Hause zu sein, bei meiner Familie, an diesem besonderen Abend.

Ich schaffte das Unmögliche. Am Heiligen Abend brachte mich ein Krankentransport nach Hause. Nur meine Frau wusste Bescheid, für meine Kinder war es eine riesige Überraschung. Es war einer dieser Momente, die man nie vergisst. Ihre Gesichter, ihr Staunen, ihr Lachen – und meine eigenen Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte.

Dieses Weihnachtsfest war schöner als alle anderen. Nicht, weil es besonders groß oder aufwendig gewesen wäre – sondern weil es so viel Leben in sich trug. So viel Dankbarkeit. So viel Nähe. Es fühlte sich an, wie ein kostbarer Schatz.

Mein Hausarzt kam während der Feiertage regelmäßig vorbei. Es war keine Selbstverständlichkeit, und doch fühlte es sich richtig an. Es tat gut zu wissen, dass jemand da war, der mich nicht nur behandelte, sondern begleitete.

Nach einer Woche zu Hause musste ich noch einmal zurück in die Klinik. Ein kurzer letzter Abschnitt, bevor ich endgültig nach Hause durfte und die Krankenhausbesuche nur noch Kontrolltermine waren. Kleine Etappen auf einem Weg, der langsam wieder meiner wurde.

Was mir in dieser Zeit half, waren neben der medizinischen Versorgung vor allem die menschliche Nähe und die Unterstützung, die ich deutlich spürte: von meinem Hausarzt. Von meinem Psychiater. Es waren Menschen, die nicht nur ihren Beruf ausübten, sondern hinsahen. Zuhörten.

An einen Moment erinnere ich mich besonders. Es war, als mein Psychiater eines Tages lächelnd zu mir sagte: „Sie haben uns alle überrascht. Sie sind wie der Phönix, der aus der Asche steigt.“

In diesem Satz lag so viel mehr als nur ein Bild. Es war eine Erkenntnis, die langsam in mir ankam: Vielleicht war das wirklich ein neues Leben, das hier begann.

Mit der medikamentösen Behandlung ging es mir zunehmend besser, dennoch war ich lange nicht in der Lage, das Unternehmen selbst zu führen. Diese Zeit war prägend für mich, denn ich musste lernen, Verantwortung abzugeben und anderen zu vertrauen. Meine Frau besuchte wöchentlich die Firma, um über meine Genesung zu berichten und sicherzustellen, dass unser Lebenswerk in guten Händen blieb.

Zudem engagierte ich einen erfahrenen Geschäftsführer, der schon seinen Ruhestand angetreten hatte. Er erklärte sich bereit, das Geschäft weiterzuführen – auf seine Weise. An seiner Seite stand eine brillante Rechnungswesen-Leiterin, die unsere Zahlen präzise analysierte. Mit ihren Berechnungen konnte ich bei den Banken einen Aufschub erwirken – das rettete mein Unternehmen. Und ich bekam Zeit, um mich zu erholen.

Die Erholung dauerte lange und erforderte viel Geduld. Anfangs war ich so geschwächt, dass ein Spaziergang von wenigen hundert Metern bereits so anstrengend war wie früher ein 14-Stunden-Arbeitstag. Erst nach einigen Monaten schaffte ich es, für ein bis zwei Stunden in die Firma zu gehen – meine Frau brachte mich hin und holte mich wieder ab.

Oft blickte ich nur aus dem Fenster, so wie Jack Nicholson in seiner Rolle als R.P. McMurphy im Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, fühlte mich fremd und doch voller Sehnsucht. Ich wollte unbedingt zurück ins Leben finden. Ich experimentierte, suchte nach alternativen Heilmethoden, ließ die Medikamente weg, weil ich glaubte, ich könnte mich selbst heilen. Doch das war ein Trugschluss.

Zeitweise hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden. Der Weg zurück war unendlich lang, und meine Schritte waren langsam. Ich schlief viel, ich hatte kaum Energie. In dieser Zeit zog es mich oft in den nahegelegenen Park. Ich spazierte durch die belebende Natur, so wie ich es mir früher gewünscht hatte – damals, als der Stress übermächtig war. Ich hatte mir vorgestellt, bald entspannt durch diesen Park zu schlendern. Und tatsächlich: Mein Wunsch hatte sich erfüllt. Doch nicht so, wie ich es erwartet hatte. Ich war hier, weil ich krank und ausgebrannt war.

Dieses Erlebnis öffnete mir die Augen: Wünsche sind mächtig. Doch sie erfüllen sich genau so, wie wir sie formulieren. Wer sich einfach nur eine schöne Frau wünscht, könnte überrascht sein, weil er vergessen hat, sich Klugheit zu wünschen. Klare Formulierungen sind entscheidend.

Noch immer tastete ich mich Schritt für Schritt voran, unsicher, manchmal von Rückschlägen begleitet. Ich lernte Techniken, um Stress besser zu bewältigen. Ich verstand, wie sehr meine Gedanken meine Gefühle bestimmten und dass ich lernen konnte, diesen Kreislauf zu unterbrechen.

Langsam fand ich zurück zu meinem ursprünglichen Selbstvertrauen. Nicht zu dem Selbstvertrauen des Geschäftsmannes, der glaubt, alles im Griff zu haben, sondern zu einer inneren Stärke, die tiefer lag. Ich vertraute darauf, dass ich auch in schweren Zeiten bestehen konnte. Ich musste nicht perfekt sein, um wertvoll zu bleiben.

Heute weiß ich: Angst verschwindet nicht, wenn man sie verdrängt. Sie verliert ihre Macht, wenn man ihr begegnet, wenn man hinsieht, wenn man sich helfen lässt. Es braucht Mut, sich das einzugestehen. Es braucht noch mehr Mut, Hilfe anzunehmen. Und genau das war mein Weg. Kein gerader, keiner ohne Zweifel, aber ein möglicher Weg. Ich bin ihn gegangen, Schritt für Schritt. Und ich habe gelernt: Jeder dieser Schritte zählt. Jeder Moment des Aufrichtens, jedes kleine Weitergehen, jede noch so leise Entscheidung für das Leben. Denn am Ende ist es nicht der große Sieg, der uns stark macht. Es ist die Summe all der kleinen Schritte, die wir trotz allem gegangen sind.

Langsam, ganz langsam, fand ich die Kraft, wieder aktiv am Gespräch mit meinem Geschäftsführer über die Zukunft unseres Unternehmens teilzunehmen. Und schließlich hoffte ich, dass ich in meinen Alltag zurückkehren könnte.

Eines Tages, als wir gemeinsam im Büro saßen, fragte mich mein Geschäftsführer vorsichtig: „Wie fühlen Sie sich wirklich? Glauben Sie, dass Sie das alles wieder übernehmen können?“ Ich atmete tief durch und antwortete ehrlich: „Ich weiß es nicht genau. Aber ich spüre, dass es langsam wieder möglich wird.“ Er nickte: „Dann lassen Sie uns gemeinsam Schritt für Schritt vorgehen.“

Entsprach meine Rückkehr seinem ehrlichen Interesse? Denn nicht alles, was mein Geschäftsführer in dieser Zeit entschieden hatte, gefiel mir. Ich fühlte mich zeitweise ausgeschlossen, da er die Mitarbeiter angewiesen hatte, mir keine Auskünfte über auftretende Probleme zu geben. Umso wichtiger war es mir, dass ich mich wieder ins Firmengeschehen einklinken konnte. Und siehe da, kaum war ich im Spiel, taten sich neue Möglichkeiten auf. Eines Tages betrat ein polnischer Geschäftsmann ein Schnitzelhaus in Wien. Er wurde Stammgast und beobachtete, wie sich die Leute anstellten, um ein Schnitzel zu bekommen. Die Idee ließ ihn nicht mehr los und er sprach mich an: „Das würde auch in Krakau funktionieren.“

Ich war neugierig. Wir besichtigten Standorte, sahen uns ein neues Einkaufszentrum an – es war vielversprechend. Also wagte ich den Schritt und eröffnete dort eine Filiale. Doch es zeigte sich schnell: Die Frequenz im Einkaufszentrum war zu niedrig. Um das Geschäft zum Laufen zu bringen, reiste ich alle zwei Wochen nach Polen, schulte das Personal, suchte Lieferanten, stellte sicher, dass die Qualität stimmte. Teilweise mussten wir Ware direkt aus Österreich nach Krakau bringen. Ich setzte auf eine Umsatzbeteiligung – eine faire Lösung, dachte ich. Doch nach einem Jahr war klar: Es reichte nicht. Die Filiale musste schließen.

Ich hatte geplant, mehr Franchise-Nehmer in Polen zu finden, doch niemand zeigte Interesse oder konnte die finanziellen Mittel aufbringen. Es war ein Rückschlag, aus dem ich lernte. War es ein Fehler? Vielleicht. Aber vielleicht war es auch nur ein Umweg – eine Erfahrung, die mich auf etwas Größeres vorbereitete. Denn das Leben gibt uns nicht immer das, was wir wollen, sondern oft das, was wir brauchen, um zu wachsen.

In dieser Zeit musste ich feststellen, dass mein Geschäftsführer den Preis für das Schnitzel erhöht hatte. Seine Strategie war es, das Unternehmen neu zu positionieren, die Preise anzuheben und dadurch höhere Gewinne zu erzielen.

Panik überkam mich. War er dabei, das Geschäft zu ruinieren? Ich hatte Angstzustände, mein Körper zitterte. Ich witterte Gefahr. Seine Strategie erinnerte mich an jene Zeit, in der ich selbst die Preise erhöht hatte und der Absatz komplett eingebrochen war. Ich traf eine Entscheidung: Ich stellte den Geschäftsführer bei vollem Gehalt frei.

Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Aber damals war meine Angst größer als mein Vertrauen. Ich sah keinen anderen Weg, als erneut zum Arzt zu gehen, um Unterstützung zu suchen. Schließlich bewältigte ich meine Angst und kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück. Doch bereits am ersten Tag wurde mir bewusst, wie sehr mich die vergangenen Monate geschwächt hatten. Ich nahm mir vor, mehr auf meine Gesundheit zu achten. In dieser Phase wurde ich von meinem Schwiegervater schwer enttäuscht. Ich hatte ihm die gesamte Buchhaltung übergeben und ihm vollkommen vertraut. Umso schmerzlicher war die Erkenntnis, als eines Tages ein großer Geldbetrag aus dem Safe fehlte, der laut Buchhaltung vorhanden sein musste. Es blieb mir keine andere Wahl, als meinen Schwiegervater schweren Herzens zu entlassen und die fehlende Summe mit seiner Abfertigung zu verrechnen. Was hatte ich daraus gelernt? Manchmal ist der härteste Weg genau der, der uns am meisten wachsen lässt. Ich trennte mich also von meinem Schwiegervater, dem Geschäftsführer und von einigen Mitarbeitern. Auch sonst waren so manche Anpassungen nötig. Doch ich erkannte: Veränderungen sind nicht zwangsläufig schlecht. Manchmal brauchen wir einen anderen Blickwinkel, um zu erkennen, dass eine Kurskorrektur nicht immer ein Rückschritt ist, sondern neue Möglichkeiten bietet.

Und dann passierte etwas Unerwartetes: Der Absatz stabilisierte sich und der Umsatz normalisierte sich wieder. Erst jetzt sah ich, dass die Strategie des Geschäftsführers auf lange Sicht funktioniert hätte.

Die Logik dahinter · Kapitel 8 – Wenn etwas passiert
Die Krankheit hat alles unterbrochen. Und die Entscheidung über den Geschäftsführer zeigt, warum man erst nachfragt und dann urteilt (Kapitel 12).

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Am Tiefpunkt war mein Bestes sehr wenig. Aber es war alles, was ich hatte – und es reichte, um wieder aufzustehen.

Am Ziel meiner Träume

Es dauerte eineinhalb Jahre, bis ich das Gefühl hatte: Ich bin wieder zurück im Leben. Jedoch musste ich feststellen, dass die Medikamente, auf die ich heute noch angewiesen bin, meine einst so kraftvollen manischen Phasen dämpften. Es war an der Zeit zu akzeptieren, dass ich nie mehr die gleiche Leistungsfähigkeit besitzen würde wie zuvor.

Das Unternehmen wuchs dennoch weiter. Wir erreichten einen Höchststand an Schnitzel-Lokalen, unser Filialnetz war größer denn je: An vielen Standorten in Österreich stillten wir den Schnitzelhunger unserer Kundschaft. Der Umsatz stieg, wir waren auf Erfolgskurs. Ich saß mit meinen Bereichsleitern beim wöchentlichen Jour fixe, als meine Sekretärin hereinkam. „Ein Anwalt ist am Telefon, er will Sie unbedingt sprechen.“

Ich nahm den Hörer ab. Die Stimme am Telefon war ruhig, professionell – und ließ mein Herz schneller schlagen. Ich hatte nicht damit gerechnet.

„Guten Tag, ich möchte mit Ihnen über eine geschäftliche Angelegenheit sprechen. Wir vertreten ein Unternehmen, das Interesse an einer Übernahme hat.“

Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass der Anrufer für eine amerikanische Top-Kanzlei arbeitete. Wir telefonierten mehrmals, bevor es zu einem persönlichen Treffen kam. Er erklärte mir, dass er ein Unternehmen vertrat, das nicht genannt werden wollte.

Es folgten mehrere Gespräche, und langsam begann ich, über einen möglichen Verkauf meines Unternehmens nachzudenken. Es war ein seltsames Gefühl – einerseits schmeichelte es mir, dass meine Firma so viel Aufmerksamkeit erregte, andererseits konnte ich mir schwer vorstellen, alles aufzugeben. Alle unsere Filialen waren rentabel und erwirtschafteten stabile Gewinne. Unser Unternehmen florierte, wir erwirtschafteten Millionen. Außerdem fühlte sich die Vorstellung, den Betrieb zu veräußern, fast wie ein Verrat an meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an.

Ungeachtet meiner gemischten Gefühle nahmen meine Frau und ich letztendlich einen Termin in der Kanzlei wahr. Gemeinsam besprachen wir die Möglichkeiten – und kamen zu dem Entschluss, dass wir einem Verkauf nicht grundsätzlich abgeneigt waren.

Nun wurden uns die potenziellen Käufer vorgestellt: ein österreichisches Gastronomie-Unternehmen mit einem bestehenden Filialnetz. Mein Unternehmen passte perfekt in ihr Konzept. Durch die Fusion beider Betriebe konnten sie Synergien nutzen und ihre Gewinne weiter steigern. Die Gespräche wurden intensiver, und bald begann eine detaillierte Analyse meines Unternehmens. Das Ergebnis fiel äußerst positiv aus.

Wir unterzeichneten einen Vorvertrag und traten in die Verhandlungsphase ein. Unser Verkaufsprozess wurde mittlerweile von unserem Anwalt und Steuerberater begleitet – es ging um große Summen, um Millionen! In solchen Verhandlungen zählt jedes Wort, jede Formulierung, denn jede kleine Nuance kann sich finanziell auswirken. Immer wieder zweifelte ich, doch es war gerade diese spürbare Zurückhaltung, die mir eine vorteilhafte Verhandlungsposition verschaffte. In dieser Zeit erlebte der Aktienmarkt einen wahren Boom. Ich rechnete mir aus, dass ich durch Investitionen an der Börse deutlich mehr verdienen könnte als mit meinem Unternehmen. Ein Trugschluss – aber das erkannte ich erst später.

Dennoch: Dann war es so weit – der Verkaufspreis stand fest. Nun stand die Übergabe bevor und ich informierte meine Angestellten. Ihre Reaktionen waren unterschiedlich – viele waren fassungslos, einige aus der Führungsriege schüttelten ungläubig den Kopf. Doch es gab nichts mehr zu ändern: „Es ist so!“, sagte ich. Sie mussten die neue Realität akzeptieren.

Es dauerte einige Monate, bis der Kaufpreis ausbezahlt wurde. Doch pünktlich zu meinem 40. Geburtstag hatte ich den gesamten Betrag auf meinem Konto und konnte alle verbliebenen Kreditschulden tilgen. Ich feierte nicht nur meinen Abschied aus dem Unternehmen, sondern auch meinen persönlichen Erfolg. Ich hatte mein Ziel erreicht: ein Millionenvermögen und damit finanzielle Freiheit mit 40. Exakt so, wie ich es einst auf einen Zettel geschrieben, visualisiert und in mein Unterbewusstsein eingeschrieben hatte, hatte es sich jetzt manifestiert.

Zufall, Schicksal, glückliche oder göttliche Fügung? Der Wille, stets an mir zu arbeiten und das unerschütterliche Ziel, reich zu werden? Oder war es doch die Kraft meines Unterbewusstseins gewesen, die mich hierhin gebracht hatte? Die Antwort darauf ist wohl eine Frage des Glaubens.

Die Logik dahinter · Kapitel 3 – Was man ändern kann – und was nicht
Die geringere Leistungsfähigkeit musste ich annehmen. Mein Ziel habe ich trotzdem erreicht.

Warum ein Ziel nicht reicht

Als Belohnung für diesen Meilenstein erfüllten wir uns einige Wünsche. Ich kaufte mir ein Cabrio und für meine Frau ließ ich einen Swimmingpool bauen. Beide genossen wir unsere finanzielle Freiheit – jeder auf seine Weise. Und das hieß erst einmal: ein gemeinsames großes Erlebnis.

Wir quartierten unsere Kinder – 2006 war Alex 15, Kathi 13 und Lena 9 Jahre alt – bei den Großeltern ein und gingen auf Weltreise, um unser Glück in vollen Zügen zu genießen. Es war eine Zeit voller neuer Eindrücke, Freiheit und Leichtigkeit. Endlich konnte ich die Früchte meiner jahrelangen Arbeit ernten. Doch was passiert, wenn man ein großes Ziel erreicht hat? Man wähnt sich am Ende der Reise. Aber das Leben funktioniert anders, es kennt kein Ende. Und so stellte sich die Frage: was nun? Ich hatte mein Leben auf dieses eine, übermächtige Ziel bis zu meinem 40. Geburtstag ausgerichtet. Alles, was ich mir erträumt, visualisiert und geplant hatte, war erreicht. Und jetzt? Ich war buchstäblich ziellos.

Nachdem die Phase des Feierns und des puren Genießens zu Ende gegangen war, stieg ich als Unternehmer wieder voll ins Geschehen ein. Ich investierte in mehrere Betriebe, doch es fehlte die gemeinsame Basis. Eine langfristige Perspektive war nicht in Sicht. Die Ideen waren zwar vielversprechend, doch in der Umsetzung führten sie nicht zu der Erfüllung, die ich mir erhofft hatte. In dieser Lebensphase fehlte mir ein klares Ziel – und ohne Ziel kommt jeder Plan vom Kurs ab. Es war, als würde ich in ein Taxi steigen, ohne den Bestimmungsort zu kennen. Die Konkurrenzsperre von acht Jahren erlaubte es mir nicht, in Österreich tätig zu werden. Ich musste größer denken, über die Grenzen hinaus. Deutschland war vielversprechend – insbesondere München.

Wie es der Zufall wollte – oder vielleicht war es mein Unterbewusstsein, das hier lenkend eingriff –, lernte ich kurz darauf einen Mann kennen, der als Expansionsleiter bei McDonald’s tätig war. Die Chemie zwischen uns stimmte von Anfang an. Unsere Gespräche waren direkt, offen und getragen von einer gemeinsamen Vision. Seine Expertise in der Expansion und meine jahrelange Erfahrung in Systemgastronomie und Einkauf ergaben eine perfekte Kombination, die uns voller Tatendrang in die Zukunft blicken ließ. Unsere Strategie war es, eine bodenständige Region für die Expansion zu wählen – und wir waren überzeugt, dass Bayern dafür genau das richtige Pflaster wäre. Schnell wurden wir uns einig: Wir wollten gemeinsam ein Unternehmen in München gründen.

Wir beauftragten mehrere Makler damit, einen passenden Standort für uns zu finden. Parallel dazu begannen wir bereits in Österreich mit den Vorbereitungen für die Geschäftseröffnung. Eine ehemalige McDonald’s-Mitarbeiterin, die sich gerade mit einer Werbeagentur selbstständig gemacht hatte, unterstützte uns dabei – wir wurden ihr erster Kunde! Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte sie höchst professionell das gesamte Marketingkonzept für unser Lokal in München.

Nach langer Suche fanden wir schließlich ein geeignetes Lokal in Schwabing, einer belebten und beliebten Vorstadt Münchens. Doch bald zeigte sich: Deutschland war anders. Die gesetzlichen Vorgaben, die Rahmenbedingungen – vieles unterschied sich deutlich von Österreich. Vor allem die Mietverträge stellten uns vor unerwartete Herausforderungen. Persönliche Haftung und eine Mindestlaufzeit von zehn Jahren waren ein erhebliches Risiko, das wir nicht leichtfertig eingehen wollten. Nach intensiven Verhandlungen gelang es mir, eine Ausstiegsklausel zu vereinbaren: Sollte unser Geschäft nicht wie erhofft laufen, könnten wir nach einem Jahr ohne zusätzliche Kosten aus dem Vertrag aussteigen. Ein Sicherheitsnetz, von dem ich hoffte, es niemals in Anspruch nehmen zu müssen.

Die Monate vergingen mit Genehmigungsverfahren, Umbauten und der Suche nach passenden Lieferanten. Einige Produkte mussten wir anfangs komplett aus Österreich importieren, da wir sie in Deutschland nicht in der benötigten Qualität fanden – sogar die Schnitzel konnten wir zunächst nicht in gewohnter Weise herstellen. Schließlich mieteten wir uns in einem Münchner Fleischereibetrieb ein, um unsere Schnitzel nach österreichischer Art selbst zuzubereiten. Da qualifizierte Arbeitskräfte in München damals Mangelware waren, warben wir Personal aus Österreich an.

Trotz aller Herausforderungen blieb ich optimistisch. Und dann war es endlich so weit: Das Lokal war bereit für die Eröffnung. Ich war überwältigt davon, wie schön es geworden war, und dachte: „Das muss einfach ein Erfolg werden!“

Mit einer großangelegten Eröffnungswerbung konnten wir zahlreiche Münchner begeistern und in unser Haus locken. Es fühlte sich wie damals in Wien an, als alles begann – als die Menschen vor meinem ersten Schnitzelhaus Schlange standen. Doch obwohl in den ersten Tagen viele neugierige Gäste kamen und unsere Schnitzel in den höchsten Tönen lobten, sollten wir schon bald erfahren, dass Begeisterung allein nicht genügte, um langfristig erfolgreich zu sein.

Die Fixkosten unseres Unternehmens waren enorm. Zusätzlich zum Lokal hatten wir eine Wohnung direkt darüber gemietet. Sie diente uns als Büro und Unterkunft. Nach der Eröffnung war ich regelmäßig zwei bis drei Tage pro Woche in München und kümmerte mich intensiv um den Aufbau des Geschäfts. Gemeinsam mit meinem Partner, der für die Expansion zuständig war, arbeiteten wir uns Schritt für Schritt in die lokalen Gegebenheiten und die rechtlichen Möglichkeiten ein. Ein erfahrener Geschäftsführer, den ich aus Wien mitgebracht hatte, unterstützte uns dabei. Doch die laufenden Kosten waren höher als unsere Gewinne. Und obwohl wir intensiv warben, erreichten wir weniger Menschen als erhofft. Monat für Monat schrieben wir Verluste und immer öfter fragte ich mich: War mein Konzept vielleicht gar nicht auf Deutschland übertragbar?

Nach einem halben Jahr stand ich vor der Entscheidung: Weitermachen oder zusperren? Inzwischen hatte ich die Besonderheiten des deutschen Marktes besser verstanden. Ich analysierte andere Städte, Mietverträge, gesetzliche Vorgaben. Schließlich musste ich mir eingestehen: Die Rahmenbedingungen passten nicht zu meinem Geschäftsmodell.

Also zog ich die Reißleine. Ich nutzte die verhandelte Ausstiegsklausel und beendete das Kapitel München. Der Verlust war gewaltig. Mein Partner war enttäuscht, und es kam zum Rechtsstreit. Doch am Ende fanden wir eine außergerichtliche Einigung, um weitere Kosten zu vermeiden.

Das Experiment Deutschland war gescheitert. Ein schmerzlicher Rückschlag? Ja. Aber war es ein Fehler? Nicht unbedingt. Denn manchmal ist es besser, ein Risiko rechtzeitig zu begrenzen, als sich in etwas zu verrennen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein unkalkulierbares Abenteuer ohne Ausweg.

Die Logik dahinter · Kapitel 7 – Wenn etwas nicht wächst
Manchmal ist es besser, ein Risiko rechtzeitig zu begrenzen, als etwas zu erzwingen.

Auf zu neuen Abenteuern

Mit dem Scheitern in München hatte ich erneut viel gelernt. Und ich wusste: Das war nicht das Ende. Es war nur eine weitere Erfahrung auf meiner Reise. Eine Reise, die mich weiterführen würde – zu neuen Zielen und neuen Möglichkeiten. Doch genau darin lag mein Problem: Ich war die ganze Zeit ziellos unterwegs gewesen. Und jetzt, nach einer langen, teuren und nervenaufreibenden Fahrt ins Ungewisse, stand ich wieder an meinem Ausgangspunkt. An dem Ort, an dem ich ins Taxi eingestiegen war, ohne meinen Bestimmungsort zu kennen. Einfach wieder loszufahren – ohne Ziel und ohne Plan – war definitiv keine Option. Aber was dann? Wohin? Und wie?

Ich wusste es nicht und fiel in ein tiefes Loch. Mein Selbstvertrauen war erschüttert. Ich war zwar physisch stabil, aber innerlich leer. Ich hatte mein großes Ziel erreicht – und trotzdem fühlte ich mich orientierungslos. Ohne klaren Plan, ohne eine Herausforderung, die mich antreiben konnte, rutschte ich in eine Depression. Ich sprach mit Ärzten, suchte nach Antworten. Doch egal, was ich auch tat – mein Selbstvertrauen blieb unauffindbar.

Ich traute mir nichts mehr zu – ich schaffte es nicht einmal, einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. Es war, als hätte sich eine innere Stimme eingeschlichen, die mir Gift einträufelte: „Du kannst das nicht. Ohne Ausbildung bist du ein Niemand.“ Und je öfter ich es hörte, es mir selbst einredete, desto mehr glaubte ich daran: Man ist, was man denkt.

Um nicht ständig von meinen Sorgen überwältigt zu werden, suchte ich mir eine neue Herausforderung – eine Aufgabe, die mich zumindest vorübergehend ablenken konnte. Ich versuchte, mein Glück als Staubsaugervertreter. Ich ließ mich einschulen, doch bevor ich richtig starten konnte, war diese „Karriere“ schon wieder zu Ende. Denn mein Leben hatte längst eine andere Richtung eingeschlagen. Der Versuch, meine frühen Jahre als Handelsvertreter wieder aufleben zu lassen, war nichts als eine nutzlose Wiederholung. Ich versuchte, durch eine halbherzige berufliche Beschäftigung meine eigene Existenz zu rechtfertigen. Doch anstatt in mich zu gehen, wich ich meinen Dämonen aus. Der Funke, der mich einst angetrieben hatte, war erloschen. Die Begeisterung fehlte. Mir wurde bewusst, dass ich nur noch wie ein Zuschauer auf mein eigenes Leben blickte und hilflos dabei zusah, wohin mich die Strömung trug.

Die Tage vergingen, ohne dass sie mich weiterbrachten. Ohne Ziel und ohne Antrieb blieb mir nur die leise Hoffnung, dass eines Tages das Feuer in mir wieder entfacht werden würde. In dieser Phase kam mir ein Gedanke: Das Leben ist wie ein Glas, in dem alles landet, was wir erleben: unsere Stärken, unsere Schwächen, unsere Ängste, unsere Erfolge. Wir rühren um, und am Ende entsteht eine trübe Flüssigkeit. Doch um Klarheit zu gewinnen, müssen wir sie filtern. Wir müssen das Positive finden, annehmen und darauf aufbauen. Wir müssen aber auch das Negative akzeptieren, ohne daran festzuhalten. Ich wusste, dass ich meine Stärken entdecken und mein Denken neu ausrichten musste.

Ich suchte für mein Vorhaben eine Therapeutin und arbeitete mit ihr gezielt an meinen Gedankenmustern. Ich wollte verstehen, was mich antreibt, was mich blockiert. Wir machten psychologische Tests, Persönlichkeitsanalysen – alles auf wissenschaftlicher Basis.

Inmitten all der Analysen und Fragen begann ich zu begreifen: Das, wonach ich all die Jahre gestrebt hatte – finanzielle Freiheit und ein erfülltes Familienleben – hatte ich längst erreicht. Doch ich hatte es nicht gesehen. Mein Unterbewusstsein hatte mich immer wieder vorangetrieben, allerdings hatte ich nie innegehalten, um zu erkennen, dass ich bereits angekommen war. Aber war das wirklich schon alles? Tief in mir spürte ich, dass etwas fehlte. Das Leben ist in ständiger Bewegung. Es wartet nicht, nur weil wir es tun. Ich verstand, dass ich eine neue Herausforderung brauchte, ein neues Ziel. Die Frage war also, welches Abenteuer ich als Nächstes wagen wollte.

In einer Sitzung fragte mich meine Therapeutin schließlich: „Was würden Sie tun, wenn Sie sicher wüssten, dass Sie nicht scheitern können?“ Diese Frage traf mich tief. Sie öffnete eine Tür in meinem Geist, die ich lange ignoriert hatte. Ich fühlte, dass hinter dieser Tür die Antwort auf meine Orientierungslosigkeit verborgen lag.

Ich schloss die Augen, ließ die Frage wirken und lauschte tief in mich hinein. Die Idee, ein Buch zu schreiben, drängte sich sofort in den Vordergrund. Ich wusste schon lange, dass ich meine Geschichte aufschreiben, andere inspirieren und selbst dadurch wachsen wollte. Nun wurde der Gedanke sehr konkret und gleichzeitig spürte ich, wie die Zweifel leiser wurden. Vielleicht war das genau das Abenteuer, das auf mich gewartet hatte.

Die Logik dahinter · Kapitel 9 – Alles ist egal: die eigene Freiheit
Mit der Freiheit kam die Frage, was ich mit ihr anfange.

Nie mehr ohne Partner

Doch bevor ich dieses neue Kapitel als Schriftsteller aufschlagen konnte, kam erneut der Geschäftsmann in mir durch. Immer öfter ertappte ich mich dabei, wie ich nach neuen Investitionsmöglichkeiten Ausschau hielt – wie ein Entdecker, der mit einer inneren Sehnsucht den Kompass auf neue Ufer richtet. Ich durchforstete Plattformen, kontaktierte Unternehmensmakler und klickte mich durch unzählige Verkaufsdokumente. Etwas in mir wollte weiterhin gestalten, aufbauen, formen. Ich war auf der Suche nach einer Firma.

Eines Tages ergab sich ein Gespräch mit dem Vater eines Klassenkameraden meiner Tochter Lena. Auch er war an einem Punkt in seinem Leben angelangt, an dem es um Neuorientierung ging. Jahrzehntelang hatte er für einen internationalen Konzern gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführer. Doch zu dieser Zeit stand er vor einer der wohl mutigsten Entscheidungen seines Lebens: den sicheren Hafen der Konzernwelt zu verlassen, um in einem kleinen Familienbetrieb Fuß zu fassen – als Teilhaber bei einem Verwandten. Ich konnte seine Gedanken gut nachvollziehen. Der Sprung in die Selbstständigkeit war wie der Schritt auf eine wackelige Hängebrücke – du weißt nicht genau, ob sie dich trägt, aber du weißt, dass du losgehen musst, wenn du jemals das andere Ufer sehen willst.

Wir blieben in Kontakt. Es entwickelte sich eine Art stilles Bündnis zwischen uns – zwei Männer, zwei Leben, zwei Wege, aber eine ähnliche Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Wir tauschten uns regelmäßig aus, sprachen über Ideen, Gelegenheiten und manchmal einfach nur über Zweifel.

Die Monate vergingen, und an einem regnerischen Nachmittag – wie so oft, wenn man nicht viel erwartet – stieß ich auf ein Unternehmen, das mich innehalten ließ. Ein spezialisierter Betrieb in der Lebensmittelproduktion. Die Zahlen, die Branche, die Lage – das Gesamtpaket fühlte sich richtig an. Nicht spektakulär. Aber stimmig.

Ich kannte den Ablauf inzwischen, forderte die Vertraulichkeitserklärung an, unterzeichnete sie und schuf damit die vertraglichen Voraussetzungen, um alle für mich substanziellen Informationen zu erhalten und auf dieser Basis begründete und wohlkalkulierte Entscheidungen treffen zu können. Zusätzlich brauchte ich eine Bankbestätigung als formellen Nachweis meiner finanziellen Mittel.

Inmitten all dieser nüchternen Formulare, Bescheinigungen und finanziellen Details spürte ich wieder dieses leise Kribbeln – wie das erste Flackern einer Flamme. Vielleicht war es nur eine Idee. Vielleicht war es der Beginn von etwas Größerem. Ich wusste es nicht. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich dieser Weg nicht wie Flucht an, sondern wie Aufbruch.

Der Unternehmensmakler organisierte einen Besichtigungstermin – diskret und außerhalb der Geschäftszeiten, um Unruhe bei den Beschäftigten zu vermeiden. Der Betrieb selbst war schlicht – beinahe unscheinbar. Diese Einfachheit begeisterte mich von Anfang an. Aus sorgfältig ausgewählten Zutaten wurden mithilfe von simplen Maschinen Instant-Produkte wie Soßen, Suppen und Bouillons hergestellt. Nichts Komplexes, keine Hightech-Innovation, es waren einfach Produkte, die funktionieren, weil sie vor allem Gastronomen im täglichen Betrieb helfen. Schnell, praktisch und verlässlich. Diese Alltagstauglichkeit machte es für mich so wertvoll. Auch das B2B-Geschäftsmodell war mir sympathisch: Beliefert wurden ausschließlich Großkunden, hauptsächlich Gastronomie- und Cateringunternehmen sowie Krankenhäuser. Ich befand mich endlich wieder auf vertrautem Terrain.

So fühlte ich mich, als ich die Produktionshalle betrat, erstmals seit längerer Zeit nicht überfordert. Im Gegenteil. Vieles in diesem Betrieb sprach mich an. Vielleicht war es die Klarheit der Abläufe. Vielleicht die greifbare Nähe zum Produkt. Vielleicht war es das Wissen, dass ich mir einen Partner suchen würde.

Mir war längst klar geworden, dass ich kein Unternehmen mehr allein führen wollte. Die Verantwortung, die Last der Entscheidungen – das alles hatte in der Vergangenheit Spuren in mir hinterlassen. Auch gesundheitlich. Ich hatte gelernt, achtsamer mit meinen Ressourcen umzugehen.

Noch während ich in der Produktionshalle stand, fiel mir der Vater des Klassenkameraden meiner Tochter wieder ein. Mit ihm wollte ich diese Unternehmung starten. Immer wieder hatten wir über die Möglichkeit gesprochen, gemeinsam eine Firma zu übernehmen, nun war die Gelegenheit da.

Noch am selben Abend rief ich ihn an – und erreichte ihn beim Abendessen im Urlaubshotel.

„Kein Problem“, sagte er. „Bitte erzähl mir alles.“

Ich schilderte ihm das Unternehmen, sprach von meinem Eindruck, den Zahlen, dem Gefühl vor Ort. Er hörte aufmerksam zu. Noch am selben Abend begann er selbst, sich intensiv zu informieren. Sein Interesse war geweckt und wir vereinbarten, dass wir nach seinem Urlaub gemeinsam den Betrieb besichtigen würden.

Währenddessen führte ich weitere Gespräche mit dem Inhaber des Unternehmens. Mir war es wichtig zu wissen, ob er bereit wäre, uns nach dem Verkauf zu begleiten – zumindest für eine Übergangszeit. Ich wollte nicht ins kalte Wasser springen. Ich wollte lernen, verstehen, die Prozesse durchdringen. Und tatsächlich: Er erklärte sich einverstanden, für eine gewisse Zeit in der Firma zu bleiben. Für mich war das keine Kleinigkeit – es war eine Grundvoraussetzung. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Respekt vor dem Unternehmen und vor mir selbst.

Es fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit so an, als würden sich die Puzzleteile langsam an ihren Platz schieben. Nicht mit Druck. Sondern mit Geduld. Und Vertrauen.

Einige Wochen später war mein Freund aus dem Urlaub zurück. Gemeinsam betraten wir das Unternehmen – diesmal als potenzielle Partner, mit einem gemeinsamen Blick auf das, was sein könnte. Wir analysierten, sprachen mit dem Verkäufer, warfen einen zweiten, analytischen Blick auf alles. Und als wir danach bei einem Kaffee zusammensaßen, war es für uns klar: Wir wollten es wagen. Was folgte, war ein Prozess des Abwägens, Verhandelns und Festlegens. Nicht überhastet. Nicht aus Euphorie. Sondern Schritt für Schritt, mit klarem Blick und ehrlichem Interesse aneinander. Auch zwischen uns beiden wurde ein Fundament gelegt. Wir sprachen über unsere Rollen, unsere Stärken, unsere Grenzen. Und so gründeten wir eine gemeinsame Firma, mit der wir den Betrieb übernehmen konnten.

Die Aufgaben waren rasch verteilt: Er übernahm Marketing und Vertrieb – mit seinem Gespür für Kommunikation und Struktur. Ich konzentrierte mich auf Einkauf und operative Führung – mit meinem Gefühl für Zahlen, Abläufe und Menschen.

Und plötzlich war das neue Kapitel aufgeschlagen: kein lauter Neuanfang, kein dramatischer Umbruch. Einfach ein Schritt nach vorn, nicht zögerlich, nicht ekstatisch, sondern ruhig und überzeugt. Ich spürte, dass die Segel in meinem Leben wieder Wind bekamen und wir langsam Fahrt aufnahmen.

Nach der Übernahme ließen wir uns bewusst Zeit, um das Unternehmen in der Tiefe zu verstehen. Gemeinsam führten wir eine umfassende Analyse durch: Wer waren unsere Kunden? Wo lagen ungenutzte Potenziale? Und welche Märkte könnten wir vielleicht noch erschließen? Schon bald wurde klar – es gab Möglichkeiten, die bisher unberührt geblieben waren.

Wir strukturierten das Sortiment neu, entwickelten ergänzende Produkte und erweiterten die Angebotspalette behutsam, aber gezielt. Parallel dazu stärkten wir den Vertrieb und gingen aktiv auf neue Kunden zu. Schritt für Schritt wuchs das Unternehmen – nicht durch Zufall, sondern durch Strategie, Herzblut und einen klaren Fokus.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir Großteils übernommen hatten, spürten diesen Wandel. Sie waren engagiert und motiviert, weil sie sahen, dass wir gemeinsam etwas aufbauten. Die Mischung aus frischen Impulsen und vorhandener Erfahrung schuf ein Klima, in dem echte Entwicklung möglich wurde. Verantwortung wurde geteilt. Vertrauen wuchs.

Die Logik dahinter · Kapitel 12 – Vertrauen verpflichtet
Verantwortung wurde geteilt. Vertrauen wuchs.

Freiheit für neue Ideen

In einer Phase, in der alles im Aufbruch war, tauchte plötzlich ein neues Projekt auf. Dieses Mal ging es um Immobilien. Und wieder saßen mein Partner und ich an einem dieser typischen Küchentische, an denen große Pläne entstehen. Wir prüften Zahlen, betrachteten Pläne, stellten Fragen. Schließlich kamen wir zu dem Entschluss: „Ja, das passt zu uns.“

Also gründeten wir eine neue Gesellschaft, mit der wir unser Immobilienvorhaben realisierten.

Wir hielten nach günstigen Gelegenheiten Ausschau. Wohnungen mit Potenzial. Gebäude, die vielleicht andere übersehen hatten. Mein Partner hatte ein unglaubliches Gespür für den Markt und so gelang es immer wieder, Objekte zu finden, die sich als hervorragende Investitionen herausstellten. Diese waren oft unterbewertet oder lagen in aufstrebenden Lagen, was uns ermöglichte, sie zu einem attraktiven Preis zu erwerben. Um Fehler bei der Verwaltung der Immobilien zu vermeiden, entschieden wir uns, diese Aufgabe an kompetente Hausverwaltungen zu delegieren. Ich übernahm die Betreuung der Hausverwaltungen und stellte sicher, dass alle Abläufe reibungslos funktionierten. Ich traf mich regelmäßig mit den Verwaltern und kommunizierte engmaschig mit ihnen. Alles, um eine optimale Verwaltung zu gewährleisten.

Mit Erfolg. Das Unternehmen entwickelte sich positiv. Bereits nach kurzer Zeit konnten wir weitere Objekte erwerben und weiterwachsen. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine Tür geöffnet – und dahinter lag ein Weg, den wir bis dahin nicht einmal gesehen hatten.

Was uns besonders stolz machte: Beide Firmen liefen inzwischen so stabil und strukturiert, dass unser tägliches Eingreifen kaum noch nötig war. Das gab uns Raum – nicht nur zum Nachdenken, sondern zum Gestalten. Wir nutzten diese Freiheit, um neue Ideen zu entwickeln, neue Projekte zu prüfen.

Fast jeden Monat waren wir im Gespräch mit Unternehmensmaklern. Eines Tages stießen wir auf ein solides gewachsenes Unternehmen, bei dem sich aufgrund der Erträge klar erkennen ließ, dass es sich um ein lohnendes Geschäft handelte. Die Branche war neu für uns, das Produkt unbekannt. Doch anstatt uns davon abschrecken zu lassen, reizte uns gerade die neue Herausforderung: Neuland bedeutete Möglichkeit. Also tauchten wir ein. Wir vertieften uns in die Unterlagen, führten Gespräche mit dem Verkäufer und fanden einen Weg: eine schrittweise Übernahme.

Das Handelsunternehmen vertrieb Produkte aus dem Kosmetik- und Gesundheitsbereich – vor allem über das Telefon. Ein direkter Draht zum Kunden. Menschen wurden angerufen und gefragt, ob sie Interesse hätten. Die Telefonnummern? Klassisch aus dem Telefonbuch.

Bei der Suche nach einer neuen Geschäftsführung erinnerte ich mich an eine ehemalige Mitarbeiterin – engagiert, klug, zuverlässig. Ich erzählte ihr von der Idee, und sie zögerte keine Sekunde. „Das klingt perfekt für mich!“ Ich war überzeugt: Aus guten Angestellten werden die besten Partnerinnen – und darin liegt oft der Schlüssel zum Erfolg.

Wir legten los – mit derselben Leidenschaft, derselben Neugier wie zuvor. Wir strukturierten das Unternehmen neu, setzten gezielt auf den Online-Vertrieb und bald zeigte sich: Dieser Weg war nicht nur modern, sondern auch profitabel.

Mein Partner, der ein besonderes Gespür für Marketing hatte, richtete den Fokus auf eine Zielgruppe, die oft übersehen wird: Senioren. Gezielte Inserate in passenden Magazinen. Klare Botschaften. Verlässlichkeit statt leeren Versprechen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten.

So entstand erneut ein Unternehmen, das uns nicht nur wirtschaftlich, sondern auch persönlich bereicherte. Wir organisierten es so, dass der operative Alltag von einem kompetenten Team getragen wurde. Für meinen Partner und mich bedeutete das: weniger Stress, mehr Überblick – und vor allem das Gefühl, wirklich etwas Sinnvolles geschaffen zu haben.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte ich mein Leben wieder rundum genießen. Ich war zurück in meiner Mitte. Das, was ich tat, fühlte sich nicht wie Arbeit an – eher wie ein Hobby mit Wirkung. Ich sprach mit Leichtigkeit über das, was wir aufgebaut hatten. Ich war stolz, aber nicht überheblich. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war da dieses Gefühl: Ich bin angekommen. Der Erfolg war greifbar. Wir gingen über Landesgrenzen hinaus, erweiterten den Vertrieb bis nach Deutschland. Und mit jedem neuen Projekt, mit jeder gemeisterten Herausforderung, wuchs nicht nur unser Unternehmen. Sondern auch ich selbst.

Die Logik dahinter · Kapitel 11 – Ich tue nichts – aber ich tu es
Mit Leichtigkeit statt Druck: ganz da sein, ohne zu erzwingen.

Aus Mitarbeitern werden Unternehmer

In dieser Zeit kam ein ehemaliger Angestellter auf mich zu. Seine Frau war bereits als Geschäftsführerin bei uns tätig. Er hätte damals mein erstes Unternehmen leiten sollen, doch durch den Verkauf war es nicht mehr dazu gekommen. Er hatte danach noch eine Weile für die neuen Eigentümer gearbeitet, doch ihre Art, ein Unternehmen zu führen, war nicht die seine. Schließlich hatte er für sich die Konsequenz gezogen und gekündigt.

„Ich kann das nicht mittragen“, sagte er ruhig, aber bestimmt, als wir in einem kleinen Café zusammensaßen. „Ich mag die Führung und die kurzfristige Denkweise nicht – das passt einfach nicht zu meiner Einstellung.“

Er hatte eine sehr spezielle Ausbildung im Bereich der Systemgastronomie – ein Fachgebiet, das auf dem Arbeitsmarkt kaum gefragt war. Ein vergleichbarer Job mit ähnlichem Gehalt schien unrealistisch. Ich spürte, dass ich ihm etwas schuldig war – nicht im belastenden Sinn, sondern aus einem natürlichen Gefühl der Verbundenheit. Und es entsprach meinem eigenen Interesse, mit Menschen zu arbeiten, denen ich vertraute. Viele meiner früheren Mitarbeiter wurden selbst erfolgreiche Unternehmer – oder arbeiten heute mit mir zusammen.

Die Konkurrenzklausel aus dem Verkauf der Schnitzelhaus-Kette war inzwischen ausgelaufen – acht Jahre waren vergangen. Da kam mir eine Idee.

„Was hältst du von einem eigenen Lokal?“, fragte ich eines Tages meinen ehemaligen Angestellten.

Er nickte und ich unterbreitete ihm meine Vorstellungen. Das einst erfolgreiche Konzept eines Schnitzellokals sollte wiederbelebt werden – angepasst an den Zeitgeist. Mein Partner und ich übernahmen die Finanzierung.

Wir wollten ein Fast-Food-Restaurant eröffnen, das sich auf schnelle Zubereitung und den Verkauf von frittierten Produkten spezialisieren sollte. Auf der Speisekarte standen Schnitzel in verschiedensten Varianten, alle aus hochwertigem Fleisch – das Wiener Original (vom Schwein), aber auch kreative Neuinterpretationen mit besonderen Panaden und hausgemachten Soßen. „Für jeden Geschmack etwas“ lautete unser Motto – aber ohne dabei beliebig zu werden.

Dem Zug der Zeit entsprechend boten wir auch eine gesunde Alternative an: Salate samt einer Auswahl an Toppings und Dressings, die sich unsere Gäste selbst zusammenstellen konnten – zur perfekten Ergänzung der frittierten Gerichte.

Wir fanden einen vielversprechenden Standort und begannen mit der Detailplanung. Neben der Organisation der Küche legten wir besonderen Wert darauf, dass sich die Gäste wohlfühlten, wenn sie zur Tür hereinkamen. Das Ambiente sollte ansprechend sein, der Service freundlich. Gleichzeitig wussten wir: Schnelligkeit und Effizienz waren unverzichtbar. Wir wollten Fast Food mit Herz – und ohne den geringsten Kompromiss bei dem, worauf es beim Essen letztlich ankam: Geschmack und Qualität der Speisen. Die Behörden erwiesen sich als weniger schnell. Anträge, Genehmigungen, Fristen, Formulare – ein halbes Jahr verging, bevor wir endlich eröffnen durften. Es war eine Geduldsprobe. Aber auch eine Zeit, in der wir nachschärften, optimierten, durchdachten. Endlich kam der Tag der Eröffnung. Mit der Kombination aus hochwertigen Zutaten, einer vielfältigen Speisekarte und einem wohlüberlegten Konzept wollten wir mehr als nur satt machen. Wir wollten in Erinnerung bleiben und einen Ort schaffen, an den man gern zurückkehrt.

Wir hatten von Beginn an viele Gäste. Menschen unterschiedlichster Art kamen zu uns: Familien, Berufstätige, junge Leute. Sie lachten, sie aßen, sie blieben sitzen. Unsere Idee funktionierte. Zur selben Zeit, in der das neue Restaurantkonzept an Fahrt aufnahm, stand eine andere Firma an einem Wendepunkt. Es war das Handelsunternehmen für Kosmetik- und Gesundheitsprodukte, das wir mit so viel Energie aufgebaut hatten. Ein neues Gesetz veränderte die Voraussetzungen: Es war uns fortan untersagt, potenzielle Kunden telefonisch zu kontaktieren, um unsere Produkte zu verkaufen.

Was bisher funktioniert hatte, war auf einen Schlag nicht mehr tragfähig. Der Direktvertrieb – einst unsere Stärke – wurde zur Schwachstelle. Seriös und regelkonform weiterzumachen, war kaum mehr möglich. Ein kompletter Umbau schien unausweichlich.

Wir saßen zusammen, wägten ab, rechneten und stellten uns die entscheidende Frage: „Lohnt sich dieser Kraftakt?“

Unsere Antwort lautete – nein. Nicht aus Resignation, sondern aus Klarheit. Manchmal ist Loslassen der mutigere Schritt.

Wieder wandten wir uns an den Makler, über den wir das Unternehmen einst gekauft hatten. Gemeinsam entwickelten wir eine Verkaufsstrategie. Der Makler kontaktierte gezielt potenzielle Käufer aus seiner Kartei. Das Interesse war da, die Abschlüsse blieben aus. Es wurde verhandelt, gerechnet, besichtigt. Oft fehlte jedoch das nötige Kapital. Und irgendwann schlich sich die Frage ein: War das unser Ende?

Aber Aufgeben war keine Option. Stattdessen wechselten wir die Perspektive – und den Makler. Es war derselbe, mit dem wir unser allererstes Unternehmen gekauft hatten. Es fühlte sich richtig an, dass ausgerechnet er wieder an unserer Seite stand. Dieses Mal passte es. Er fand einen Käufer: jung, engagiert, voller Ideen. E-Mail-Kampagnen, Social-Media, eine überarbeitete Website, Rabatte, Kundenbindung – damit konnte man die Zielgruppe ohne telefonische Kontaktaufnahme erreichen.

Für uns war es ein Abschluss, der sich wie ein Anfang anfühlte. Auch wenn der Kaufpreis in Raten gezahlt wurde, hatte ich ein gutes Gefühl. Ich spürte, dass ich vertrauen konnte – und dieses Vertrauen wurde belohnt.

Mit dem Verkauf flossen frische Mittel zum genau richtigen Zeitpunkt. Wir investierten in ein zweites Fast-Food-Restaurant, und wieder stimmte das Timing. Der neue Standort lief hervorragend und blieb nicht der Letzte. Zwei weitere Standorte öffneten bald darauf. Erfolgreich. Rentabel. Und getragen von einem Team, das unsere Werte lebte.

War das alles?

Nein! Und obwohl ich viel erreicht habe, ist das nicht das Ende. Es ist ein Moment, um innezuhalten. Um zurückzublicken. Um dankbar zu sein.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um meine Geschichte aufzuschreiben, so wie ich es mir bereits in meiner Jugend erträumt habe.

Die Logik dahinter · Kapitel 4 – Jede Handlung ist eine Ursache
Eine alte Verbindung wirkte weiter – und wurde zu einem neuen Unternehmen.

Rückblick – Vom Erlebten zum Erkannten

Wenn ich auf diesen Weg zurückschaue, sehe ich keine gerade Linie. Ich sehe einen Weg mit vielen Abzweigungen, mit Umwegen, mit Sackgassen und mit Türen, die sich öffneten, als ich schon nicht mehr daran geglaubt hatte.

Und doch sehe ich darin eine Ordnung.

In Rio ist mein erster Traum gescheitert. Die Schinkenproduktion hat nicht funktioniert, das Geld war weg, ich musste zurück. Damals war das eine Niederlage. Heute weiß ich: Es war eine Ursache. Ich habe dort gelernt, dranzubleiben, auch wenn etwas nicht sofort funktioniert – und dieser Same ist später aufgegangen.

Als ich ohne Geld und ohne Perspektive zurückkam, hat mir meine Schwester vertraut und für meinen ersten Kredit gebürgt. Ein kleiner Satz, eine Unterschrift – und daraus wurde der Anfang von allem, was folgte. So wirken Ursachen.

Als meine Unternehmen wuchsen, habe ich erlebt, wie etwas Einfaches kompliziert werden kann. Mehr Filialen, mehr Mitarbeiter, mehr Verantwortung, mehr Regeln. Und als ich alles selbst in der Hand behalten wollte, habe ich erlebt, wie Druck Wachstum nicht fördert, sondern erstickt.

In der Negativschleife und in der Krankheit habe ich erlebt, wie plötzlich alles andere egal wird. Die Pläne, der Erfolg, das Ansehen – nichts davon zählte mehr. Was blieb, war das eigene Leben. Und die Frage, ob ich die Kraft finde, wieder aufzustehen.

Und als ich wie Phönix aus der Asche wieder zurückgefunden habe, habe ich verstanden, dass die Anlage nie verloren war. Sie war nur blockiert.

Aus all dem sind die Gedanken des ersten Teils entstanden. Sie sind keine Lehre, die ich von jemandem übernommen habe. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn man die eigene Geschichte in Ruhe betrachtet und fragt: Was war eigentlich die Logik dahinter?

Die Antwort ist einfacher, als ich lange dachte.

Dritter Teil – Mein Lebenswerk

Kapitel 14 – Das Leben als Sport

Kein Beruf, sondern ein Spiel

Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, fällt mir die Antwort schwer. Unternehmer, ja. Autor, auch. Aber das trifft es nicht ganz. Ich habe mein Leben nie als Arbeit gesehen. Für mich war es immer Beschäftigung, manchmal Sport, oft ein Spiel – der Weg zum nächsten Ziel.

Seit rund 40 Jahren arbeite ich im Grunde an einer einzigen Sache: herauszufinden, wie das Leben funktioniert. Die Unternehmen, die Krisen, die Neuanfänge, die Bücher, DenkDa und ZWÖ – all das sind Stationen auf diesem einen Weg. Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Das Leben folgt denselben Regeln wie ein guter Sport.

Training: jeden Tag ein kleines Stück

Kein Sportler wird an einem Tag gut. Er trainiert, Tag für Tag, oft ohne sichtbaren Fortschritt. Im sechsten Kapitel haben wir gesehen: Ein Muskel wächst nach einer bestimmten Logik – Belastung, Erholung, Wachstum. Wer einen Schritt überspringt, verletzt sich.

So habe ich auch mein Leben erlebt. Der Marktstand um fünf Uhr früh, der Schnitzelkiosk am Nachmittag, hundert Stunden pro Woche in den ersten Jahren – das war Training. Nicht jeder Tag war erfolgreich. Aber jeder Tag hat etwas aufgebaut, das später getragen hat.

Regeln: Fairness ist keine Schwäche

Jeder Sport hat Regeln. Wer foult, bekommt eine Karte. Wer betrügt, wird disqualifiziert – und selbst wenn es niemand bemerkt, weiß er selbst, dass sein Sieg nichts wert ist.

Im Leben ist es genauso. „Vertrauen verpflichtet“ und „Betrüge niemanden absichtlich“ sind meine Spielregeln. Sie haben mich manchmal Geld gekostet. Aber sie haben mir etwas gebracht, das man nicht kaufen kann: Menschen, die mir vertrauen, und die Gewissheit, jeden Morgen in den Spiegel schauen zu können.

Niederlagen gehören dazu

Kein Sportler gewinnt jedes Spiel. Die großen unter ihnen unterscheiden sich nicht dadurch, dass sie nie verlieren, sondern dadurch, wie sie mit einer Niederlage umgehen.

Ich habe viele Spiele verloren: in Rio, bei den Provisionsfirmen, in Krakau, in München – und das schwerste in der Zeit, als ich mein Unternehmen und beinahe mein Leben verloren hätte. Jedes Mal habe ich mich gefragt: Was war die Ursache? Was kann ich ändern? Was muss ich annehmen? Und dann bin ich wieder aufgestanden. Nicht, weil ich besonders stark war, sondern weil das Spiel weitergeht, ob man will oder nicht.

Erholung ist Teil des Trainings

Das habe ich am teuersten gelernt. Jahrelang dachte ich, mehr Einsatz bringe mehr Erfolg. Ich schlief im Büro, fuhr im Sekundenschlaf über eine rote Ampel und merkte nicht, wie ich mich selbst verbrauchte. Der Zusammenbruch kam nicht zufällig. Er war die logische Folge eines Trainings ohne Erholung.

Heute weiß ich: Ein Sportler, der nie ruht, wird nicht besser, sondern krank. Pausen sind kein Luxus. Sie sind die Zeit, in der das Wachstum stattfindet.

Allein gewinnt man selten

Die großen Erfolge meines Lebens habe ich nie allein errungen. Uschi, damals noch meine Freundin, hat mich geweckt, wenn ich um vier Uhr früh liegen bleiben wollte. Ein Pensionist klopfte fast jeden Morgen um fünf an meine Tür. Fünf junge Führungskräfte haben mein Unternehmen weitergetragen. Meine Partner haben mir in der zweiten Lebenshälfte gezeigt, dass geteilte Verantwortung leichter wiegt.

Im Sport nennt man das Mannschaft. Und jede gute Mannschaft braucht auch einen Trainer – jemanden, der von außen sieht, was man selbst nicht sieht. Mein väterlicher Freund war so ein Trainer, als ich die Insolvenz schon angekündigt hatte.

Es gibt keinen Schlusspfiff

Mit dem Verkauf meines Unternehmens hatte ich mein großes Ziel erreicht. Ich dachte, das Spiel sei gewonnen. Doch dann kam die Leere. Ich hatte vergessen, dass das Leben kein Spiel mit Endstand ist. Es gibt keinen Schlusspfiff, nach dem man sich zurücklehnt und für immer Sieger bleibt.

Das Schöne daran ist: Es gibt auch keine endgültige Niederlage. Jeder Tag ist ein neues Spiel. Alles ist egal, weil jeder Moment neu beginnen kann. Und nichts ist egal, weil ich es bin, der spielt.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Im Sport gibt es immer einen, der schneller ist. Das nimmt dem eigenen Lauf nichts. Wer sein Bestes gegeben hat, hat sein Spiel gespielt – auch wenn ein anderer vorne liegt.

Kurz gesagt

Das Leben folgt den Regeln eines guten Sports: tägliches Training, faire Regeln, Niederlagen als Teil des Spiels, Erholung als Teil des Trainings und eine Mannschaft, die trägt. Einen Schlusspfiff gibt es nicht – und deshalb auch keine endgültige Niederlage.

Zum Nachdenken

  • Welches „Training“ bringt mich jeden Tag ein kleines Stück weiter?
  • Welche Spielregeln sind mir wirklich wichtig?
  • Wann habe ich zuletzt eine Pause als Teil meines Trainings gesehen?
  • Wer gehört zu meiner Mannschaft – und wer ist mein Trainer?

Kapitel 15 – DenkDa: Meditatives Denken

Eine Stunde am Abend

Als ich Unternehmen führte, gab es Phasen, in denen ich von früh bis spät entschied und trotzdem das Gefühl hatte, nichts wirklich zu bewegen. Was mich herausgeholt hat, war keine Methode aus einem Seminar. Es war eine Stunde am Abend, in der ich in Ruhe über mein eigenes Leben nachdachte – mit einem Blatt Papier und ohne Publikum.

Aus dieser Gewohnheit ist über die Jahre eine Form geworden, die man weitergeben kann. Ich nenne sie meditatives Denken. Sie ist keine Meditation, bei der man versucht, an nichts zu denken. Sie ist das Gegenteil: ein ruhiges, geordnetes Nachdenken über die Fragen, die im Alltag untergehen.

Die Logik hinter DenkDa

Die Gedanken des ersten Teils dieses Buches wirken nur, wenn man sie auf das eigene Leben anwendet. Wo ist etwas kompliziert geworden, und was war die einfache Ursache darunter? Was kann ich ändern, was muss ich annehmen? Welche Ursache will ich morgen setzen?

Solche Fragen beantwortet man nicht zwischen zwei Terminen. Man braucht Ruhe, einen festen Rahmen und ein wenig Übung. Genau das bietet DenkDa: einen Termin mit sich selbst, der auch wirklich stattfindet.

Was DenkDa anbietet

  • Die Tagesauszeit. Eine Stunde am Abend, in der Sie mit einer einfachen Anleitung über Ihren Tag und Ihr Leben nachdenken. Sie brauchen dafür niemanden außer sich selbst.
  • Die Wochenauszeit. Ein längerer, ruhiger Blick auf die vergangene und die kommende Woche.
  • Schindlers Lebenskompass. Ein Kurs, in dem Sie Schritt für Schritt klären, was Ihnen wirklich wichtig ist und wohin Sie wollen.
  • Der DenkDa-Kreis. Menschen, die regelmäßig gemeinsam meditativ denken und sich gegenseitig stärken.
  • DenkDa für Unternehmen. Klarheit für Führungskräfte und Teams – denn die wichtigsten Entscheidungen fallen nicht in Sitzungen, sondern in stillen Stunden.

Was DenkDa nicht verspricht

Ich verspreche niemandem ein neues Leben. Ich stelle Fragen, halte die Stille und sorge dafür, dass der Termin steht. Den Rest machen Sie. Das ist, genau genommen, nichts anderes als „Ich tue nichts – aber ich tu es“: nicht erzwingen, aber ganz da sein.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Meditatives Denken verlangt nicht mehr, als man geben kann. Es hilft, das Beste in sich wiederzufinden, wenn der Alltag es verschüttet hat.

Kurz gesagt

DenkDa ist meditatives Denken: eine Stunde ruhiges, geordnetes Nachdenken über das eigene Leben. Es macht die Logik dieses Buches im Alltag anwendbar – mit Tages- und Wochenauszeit, Lebenskompass, DenkDa-Kreis und Angeboten für Unternehmen.

Kapitel 16 – ZWÖ: Zum Wohle Österreichs

Vom einzelnen Menschen zur Gemeinschaft

Die Fragen, die mich mein Leben lang beschäftigt haben, hören nicht beim einzelnen Menschen auf. Irgendwann stand eine größere Frage im Raum: Wie muss eine Gemeinschaft organisiert sein, damit es der großen Mehrheit der Menschen gut geht – und nicht nur wenigen?

Meine Antwort darauf heißt ZWÖ – Zum Wohle Österreichs. Daraus ist ein überparteiliches Volksbegehren geworden, das ich gerade vorbereite. Es heißt „Die Besten in die Regierung.“ und hat eine einzige Forderung:

Wer Mitglied der Bundesregierung werden will, muss seine Kompetenz in einem strengen, offenen Auswahlverfahren nachweisen.

Nicht nach Parteibuch. Nicht nach Loyalität. Nicht nach Proporz. So kommen die bestmöglichen Kandidaten an die Spitze unseres Landes.

Der Maßstab aus der Wirtschaft

Ich bin seit meiner Jugend Unternehmer. Eines habe ich dabei immer wieder gesehen: Ein Betrieb ist nur so gut wie die Menschen, die ihn führen. Als ich fünf junge Akademikerinnen zu Führungskräften machte, habe ich sie in jeder Abteilung arbeiten lassen, bevor sie Verantwortung übernahmen. Und als ich später alles allein tragen wollte, bin ich daran beinahe zerbrochen.

Ich bin überzeugt: Die Menschen in unserem Land bemühen sich jeden Tag. Aber unser Staat ist so komplex geworden, dass es an der Spitze echte Spezialisten braucht. In jedem Betrieb ist das selbstverständlich, nur in der Regierung nicht: die richtige Person an der richtigen Stelle. Das Finanzministerium führt, wer nachweislich mit großen Budgets umgehen kann. Das Gesundheitsministerium führt, wer das Gesundheitswesen von innen kennt. Und so für jedes Ressort.

Drei klare Regeln

  1. Klares Anforderungsprofil. Für jedes Regierungsamt wird vorher festgelegt und veröffentlicht, was die Person können muss.
  2. Kompetenz nachweisen. Jede Kandidatin und jeder Kandidat belegt Fachwissen, Erfahrung und Führungsleistung – geprüft von einer unabhängigen Fachkommission.
  3. Öffentlich nachvollziehbar. Das Hearing ist öffentlich, das Ergebnis wird begründet. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann sehen, warum jemand Ministerin oder Minister wird.

Gelten soll das nur für die Spitze: für Bundeskanzler und Vizekanzler, Ministerinnen und Minister, Staatssekretärinnen und Staatssekretäre. Gewählt wird weiterhin von den Bürgerinnen und Bürgern. Regieren darf, wer es nachweislich kann.

Die Logik dahinter

ZWÖ folgt derselben Logik wie dieses Buch. Im siebenten Kapitel haben wir gesagt: Wenn etwas nicht wächst, fragt man nicht zuerst „Wer ist schuld?“, sondern „Was stört?“. Genau diese Frage stellt ZWÖ an die Politik. Nicht einzelne Personen sind das Problem, sondern ein System, das Ämter nach anderen Kriterien vergibt als nach Eignung. Die Aufgaben eines Staates sind gewachsen, die Auswahl der Menschen, die sie erfüllen, ist gleich geblieben.

Und der Maßstab ist alt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Menschen mit besonderen Fähigkeiten erkennen, ihnen Verantwortung übertragen und sie an ihren Ergebnissen messen – das ist der Kern von ZWÖ.

Was ZWÖ nicht will

  • Keine neue Partei. Wir treten nicht zur Wahl an und verteilen keine Posten.
  • Kein Parteiprogramm. Welche Politik gemacht wird, entscheiden die Menschen bei der Wahl.
  • Gegen niemanden. ZWÖ richtet sich an alle Parteien und an alle Menschen in Österreich.
  • Keine Experten statt Demokratie. Wahlen, Parlament und Parteien bleiben. Es geht nur darum, dass in die Regierung kommt, wer nachweislich kann.

Und für mich selbst gilt: Ich strebe kein politisches Amt an. Ich will nicht kandidieren und keinen Posten. Ich bin mit meinem Leben zufrieden.

Mitinitiatoren gesucht

Ein Volksbegehren gelingt nicht durch einen Einzelnen. ZWÖ soll nicht meine Initiative bleiben, sondern unsere werden. Darum suche ich Mitinitiatorinnen und Mitinitiatoren aus allen Bundesländern, Berufen und politischen Richtungen – Menschen, die in ihrer Region informieren, ihr Fachwissen einbringen oder mit ihrem Namen dafür einstehen. Kein Parteibuch, keine Parteiarbeit. Und wer einfach nur dafür ist, ist genauso willkommen – ohne Verpflichtung und ohne Kosten. Vormerken kann man sich auf zwoe.at.

Was den Menschen wirklich wichtig ist

Bevor ich mich gefragt habe, wie ein Land geführt werden soll, musste ich mir eine einfachere Frage beantworten: Was wollen die Menschen eigentlich? Ich habe sie mir oft gestellt – in meinen Betrieben, im Gespräch mit Gästen, Mitarbeitern und Freunden. Und wenn ich ehrlich bin, musste ich gar nicht weit suchen. Die Antwort stand in meinem eigenen Leben. Fast alle Menschen wollen im Grunde dasselbe, was auch ich immer wollte.

Der Rahmen: das Gesetz

Über allem steht das Gesetz. Es ist die Vorgabe des Stärkeren – wer die Macht hat, bestimmt die Regeln. Im besten Fall schützen diese Regeln die Schwächeren. Im schlechtesten Fall dienen sie nur denen, die sie machen. Das Gesetz ist kein Ziel, aber es entscheidet, ob und wie alle anderen Ziele erreichbar sind. Ich habe in meinem Leben beides erlebt: Regeln, die mir Halt gegeben haben, und Regeln, gegen die ich als Einzelner machtlos war.

Was mir – und fast allen – wichtig ist

  1. Familie – Mein größter Traum war immer eine glückliche Familie. Als Uschi und ich in einer Wohngemeinschaft ein enges Einzelbett teilten, wusste ich: Alles, was ich aufbaue, baue ich für uns. Was hätten mir Millionen bedeutet, wenn niemand da gewesen wäre, mit dem ich mich darüber freuen konnte?
  2. Kinder – Als ich unseren Sohn Alex zum ersten Mal im Arm hielt, später unsere Töchter Katharina und Lena, hat sich mein Leben für immer verändert. Von diesem Moment an gab es nichts Wichtigeres.
  3. Den Kindern soll es besser gehen – auch Nichten und Neffen. Ich habe als Kind erlebt, wie die Exekutoren vor unserer Tür standen, und die Sorgenfalten im Gesicht meiner Eltern nie vergessen. Meinen Kindern sollte das erspart bleiben. Diesen Wunsch tragen fast alle Eltern in sich.
  4. Soziale Sicherheit – Wie wichtig sie ist, habe ich gespürt, als ich selbst lange im Krankenhaus lag und nicht wusste, wie es weitergeht. Wer nicht weiß, ob er aufgefangen wird, kann an nichts anderes denken.
  5. Einkommen und Kaufkraft – Ich wollte nie aus Gier Geld verdienen, sondern damit meine Familie sicher leben kann. Ein faires Einkommen, das real etwas wert bleibt, ist die Grundlage dafür.
  6. Persönlicher Lebensstandard – ein normales Leben, ohne über jede Ausgabe nachdenken zu müssen. Ein schönes Zuhause, ab und zu ein gutes Essen im Restaurant, eine Reise. Mehr wollen die meisten gar nicht.
  7. Bildung – Heute sind meine Kinder gut ausgebildet und stehen auf eigenen Beinen. Bildung ist der Schlüssel, damit es der nächsten Generation wirklich besser geht.
  8. Enkelkinder – Mit ihnen geht die Familie weiter. Man gibt weiter, was man selbst gelernt hat, und spürt, dass etwas bleibt.
  9. Gemeinschaft, Land und Regierung – ein Land, das funktioniert, mit Zusammenhalt, Ordnung und einer Regierung, die für die Menschen arbeitet.
  10. Persönliche Interessen – Zeit und Freiheit für das, was Freude macht. Für mich war das Leben selbst immer mein liebstes Hobby.
  11. Selbstverwirklichung – die eigenen Fähigkeiten entfalten und das Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Für mich kam sie spät – erst, als alles andere stand.

Warum diese Reihenfolge

Wenn ich auf mein Leben schaue, folgt die Reihenfolge einer einfachen Logik: Zuerst kümmert man sich um die Menschen, die einem am nächsten stehen, und um das, was man zum Leben braucht. Erst danach kommen das Größere und das Persönliche.

  • Wofür man lebt (1–3): Familie und Kinder waren für mich immer der eigentliche Sinn. Der Wunsch, dass es ihnen besser geht, hat mich durch jede Krise getragen.
  • Was man dafür braucht (4–7): Sicherheit, Einkommen, Lebensstandard und Bildung sind die Mittel, um die Familie zu schützen. Die Sicherheit steht vorne, weil die Angst, alles zu verlieren, stärker wirkt als der Wunsch nach mehr. Ich weiß, wovon ich spreche – als die Bank kam, um den Wert meines Hauses zu schätzen, war von einem Tag auf den anderen nichts mehr sicher.
  • Was später oder indirekt wichtig wird (8–9): Enkelkinder betreffen erst eine spätere Lebensphase. Und das Land, die Regierung? Die nehmen die meisten erst wahr, wenn etwas spürbar nicht mehr funktioniert.
  • Was man sich leistet, wenn das andere gesichert ist (10–11): Eigene Interessen und Selbstverwirklichung sind wertvoll. Aber ehrlich gesagt: Für mich kamen sie erst, als die Grundlagen standen.

Was das mit ZWÖ zu tun hat

Genau hier liegt der Widerspruch, der mich zu ZWÖ geführt hat. Die Regierung steht im Bewusstsein der Menschen weit hinten – auf Platz neun. Bei mir war das lange genauso. Und doch entscheidet sie über fast alles, was davor steht: über die soziale Sicherheit, über die Kaufkraft, über die Bildung unserer Kinder. Und sie macht die Gesetze, die den Rahmen für alles bilden.

Ich habe es schon gesagt: Ein Betrieb ist nur so gut wie die Menschen, die ihn führen. Mit einem Land ist es nicht anders. Wer will, dass es den eigenen Kindern besser geht, kann nicht gleichgültig sein, wer das Land führt. Darum fordert ZWÖ, dass jedes Mitglied der Bundesregierung seine Kompetenz nachweisen muss. Nicht, weil Politik das Wichtigste im Leben wäre – sondern weil sie das Wichtigste im Leben schützen oder gefährden kann.

Ich wollte immer dasselbe wie fast alle Menschen: eine glückliche Familie, Kinder, denen es einmal besser geht, und ein gutes Auskommen. Die Regierung steht auf dieser Liste weit hinten – und entscheidet doch über fast alles, was davor steht. Deshalb braucht es an der Spitze die richtigen Menschen an der richtigen Stelle.

Mein Bestreben · das Beste zu geben
Was ich von mir selbst verlange, wünsche ich mir auch vom Staat: dass in den Ämtern, in denen es am meisten zählt, die Fähigsten ihr Bestes geben.

Kurz gesagt

ZWÖ bereitet ein überparteiliches Volksbegehren mit einer einzigen Forderung vor: Wer Mitglied der Bundesregierung werden will, muss seine Kompetenz in einem strengen, offenen Auswahlverfahren nachweisen. Der Maßstab kommt aus der Wirtschaft – die richtige Person an der richtigen Stelle. Gemessen wird an den Früchten.

Kapitel 17 – Alles hängt zusammen

Ein Weg, drei Stufen

Wenn ich heute auf mein Leben schaue, sehe ich drei Stufen, die aufeinander aufbauen.

Die erste Stufe ist mein Weg: die Erfahrungen, die Erfolge, die Niederlagen. Ohne sie gäbe es keine Gedanken, die ich weitergeben könnte.

Die zweite Stufe ist die Logik des Lebens: das, was übrig bleibt, wenn man die eigene Geschichte in Ruhe betrachtet und fragt, was eigentlich dahintersteckt.

Die dritte Stufe ist das Weitergeben: DenkDa für den einzelnen Menschen, der sein Leben klarer sehen will, und ZWÖ für die Gemeinschaft, die besser geführt werden soll.

Wie ein Same

Es ist dieselbe Logik wie beim Samen. Die Erfahrungen meines Lebens waren der Boden. Die Gedanken sind die Pflanze, die darauf gewachsen ist. DenkDa und ZWÖ sind die Früchte, die ich weitergeben möchte – in der Hoffnung, dass daraus wieder etwas Neues wächst.

Kein Schritt ließ sich überspringen. Ich hätte ZWÖ nicht mit 25 gründen können, und DenkDa nicht vor meiner Krise. Beides musste wachsen, so wie alles wachsen muss.

Das Spiel geht weiter

Seit 40 Jahren arbeite ich an diesem einen Werk: zu verstehen, wie das Leben funktioniert, und es so einfach zu erklären, dass jeder etwas damit anfangen kann. Fertig bin ich damit nicht. Und das ist gut so. Denn wie im Sport gibt es auch hier keinen Schlusspfiff – nur das nächste Spiel.

Kurz gesagt

Mein Weg, die Logik des Lebens und das Weitergeben durch DenkDa und ZWÖ bauen aufeinander auf wie Boden, Pflanze und Frucht. Kein Schritt ließ sich überspringen. Das Werk ist nicht fertig – das Spiel geht weiter.

Kontakt

DenkDa by Helmut Schindler · Meditatives Denken
ZWÖ – Zum Wohle Österreichs · Volksbegehren „Die Besten in die Regierung.“
Wien
helmut@helmutschindler.com · helmutschindler.com · zwoe.at

Epilog

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Das Licht fällt schräg durch das Fenster, draußen ist es ruhig. Ich lehne mich zurück, betrachte die Dinge, wie sie sind. Da schiebt sich dieser Gedanke nach vorn: „Genau das ist es, was ich mir gewünscht habe.“

Kein Businessplan der Welt hätte den Weg vorhersehen können. Zu viele Abzweigungen. Zu viele Zufälle, die keine waren.

Andere mögen es anders nennen – auch ich habe die göttliche Fügung an einem Punkt in diesem Buch ins Spiel gebracht. Von Zufall war die Rede, von Schicksal, von der großen Rolle meines unbedingten Willens, zu wachsen und zu lernen und voranzukommen – gepaart mit der Bereitschaft, hart zu arbeiten. Für mich ist es letztendlich so, wie ich es von Anfang an sah: Es ist mein Unterbewusstsein, das mich hierhergeführt hat. Schon oft hat es entschieden, bevor ich es selbst in Worte fassen konnte. Ein inneres Wissen, das mir die Richtung zeigte, ohne laut zu sein. Ein Gefühl, das mich erkennen ließ, wann es Zeit war, loszulassen – und wann es Zeit war, zu beginnen.

Derzeit betreibe ich fünf Firmen. Die Fast-Food-Kette knüpft in gewisser Weise an mein erstes Unternehmen an und entwickelt sich stetig weiter. Die Lebensmittelproduktion ist stabil. Dann gibt es noch zwei Immobilienfirmen und eine Holding, die das ganze Konstrukt unter einem Dach vereint.

Jede Gründung, jede Übernahme, jede Weiterentwicklung erzählt ihre eigene Geschichte. Aber wenn ich heute zurückblicke, sehe ich, wie sie sich zu einem Ganzen verbinden – wie die Kapitel des Buches, das ich mit Freude geschrieben habe. Ein Lebensbuch. Und während ich so dasitze, wird mir eines bewusst: Ich habe nicht einfach nur Unternehmen aufgebaut. Ich habe mir ein Leben geschaffen, das zu mir passt.

Mein größter Traum war es immer, eine glückliche Familie zu haben – ein normales Leben zu führen, ohne über meine Ausgaben nachdenken zu müssen. Ohne Sorgen um den täglichen Bedarf, mit schönen Restaurantbesuchen und luxuriösen Reisen. Dieses Ziel habe ich erreicht. Ich bin glücklich verheiratet, meine Kinder sind gut ausgebildet und leben in glücklichen Partnerschaften.

Ich habe mein Leben nie als Arbeit gesehen. Für mich war es immer Beschäftigung, manchmal Sport, oft ein Spiel – der Weg zum nächsten Ziel. Mein Leben ist mein liebstes Hobby.

Mein erstes Buch war mein Geschenk an mich selbst – zu meinem 60. Geburtstag. Ein Ziel, das ich mir schon gesetzt hatte, als ich 20 war, und ich weiß nicht mehr, wie viele Anläufe ich dafür gebraucht habe. Dieses Buch ist nun bereits mein drittes. Ich habe mir diesen Traum erfüllt und bewiesen, dass es stimmt, wenn wir uns vornehmen: „Gib nie auf. Versuche es noch einmal.“ Und das ist es, was ich jedem mitgeben möchte: Egal, wo euch das Leben hinführt – geht weiter. Die nächste Kreuzung kommt bestimmt. Wenn der Wunsch stark genug ist, wird das Unterbewusstsein dafür sorgen, dass wir unseren Weg finden. Immer wieder.

Wenn ich heute auf alles zurückblicke, steht ein Satz über allem – derselbe, der einst auf jedem Blatt Papier meines Unternehmens stand: Mein Bestreben, das Beste zu geben. Nicht immer war mein Bestes genug. Es gab immer Bessere, und manche Spiele habe ich verloren, obwohl ich alles gegeben habe. Aber ich habe mich bemüht, nie weniger zu geben, als ich konnte. Und mehr geht nicht.

Ich atme tief ein, lasse den Moment noch ein wenig stehen. Nicht als Schlussstrich – eher wie ein Komma. Denn ich weiß: Der Weg ist noch nicht zu Ende.

Auch mit 60 Jahren habe ich noch viele Pläne.

Aber gerade jetzt – in diesem stillen Augenblick – fühlt es sich gut an, einfach dort zu sein, wo ich bin.

Dankesworte

Ich war ein Außenseiter, der nirgends dazugehörte – und habe nun alles, was ich mir je erträumt habe. Ich bin mit mir und meinem Leben im Reinen und wunschlos glücklich.

Von ganzem Herzen danke ich meiner Familie.

Meinen drei wunderbaren Kindern danke ich für die Freude, die sie in mein Leben gebracht haben, für ihre Unterstützung und auch fürs Testlesen dieses Manuskripts. Euer Feedback hat dieses Buch besser gemacht.

Mein allergrößter Dank gilt meiner geliebten Frau, die nie aufgehört hat, mein Anker, mein Fundament und mein größter Befürworter zu sein. Danke für deine Liebe, deine Kraft und dafür, dass du immer an mich geglaubt hast, sogar wenn ich selbst dazu nicht in der Lage war.

In Liebe
Helmut

Anhang

Die Kernsätze auf einen Blick

Kapitel Kernsatz
Leitmotiv · Das Beste geben Mehr als das Beste kann niemand geben – und manchmal ist es nicht genug.
1 · Alles ist einfach In der Ursache bleibt es einfach.
2 · Nichts ist fix Fix sind nur die Naturgesetze und die Evolution. Alles andere bewegt sich.
3 · Ändern und annehmen Wer unterscheidet, gewinnt Ruhe, Mut und Klarheit.
4 · Jede Handlung ist eine Ursache Was ich heute setze, wird morgen meine Wirklichkeit.
5 · Das Bild vom Samen Wachstum hängt von Art, Umgebung und Pflege ab.
6 · Alles hat eine Logik Kein Schritt lässt sich überspringen oder erzwingen.
7 · Wenn etwas nicht wächst Nicht „Wer ist schuld?“, sondern „Was stört?“.
8 · Wenn etwas passiert Neue Umstände setzen neue Ursachen. Alles ist vorläufig.
9 · Die eigene Freiheit Der Spielraum ist größer, als die meisten glauben.
10 · Das eigene Leben Das Einzige, das nie egal ist.
11 · Ich tue nichts – aber ich tu es Nicht erzwingen, aber ganz da sein.
12 · Vertrauen verpflichtet Einem Vorschuss gerecht werden – erst nachfragen, dann urteilen.
13 · Zehn Grundsätze Aus Gedanken wird Haltung.

Die wichtigsten Fragen zum Nachdenken

  1. Wo ist in meinem Leben etwas kompliziert geworden – und was war die einfache Ursache darunter?
  2. Woran halte ich fest, obwohl es nicht fix ist?
  3. Wogegen kämpfe ich, obwohl ich es nicht ändern kann – und was lasse ich liegen, obwohl ich es ändern könnte?
  4. Welche Ursache möchte ich ab heute bewusst setzen?
  5. In welcher Umgebung blühe ich auf?
  6. Wo möchte ich einen Schritt überspringen, der Zeit braucht?
  7. Wo wächst gerade etwas nicht – und was stört dort?
  8. Was wäre mir wirklich noch wichtig, wenn morgen etwas Unerwartetes passiert?
  9. Welche Grenze ist meine eigene – und welche kommt von außen?
  10. Was in meinem Leben ist mir wirklich nicht egal?
  11. Wer hat mir einen Vertrauensvorschuss gegeben – und bin ich ihm gerecht geworden?
  12. Welches „Training“ bringt mich jeden Tag ein kleines Stück weiter?
  13. Wo gebe ich mein Bestes – und kann ich annehmen, wenn es einmal nicht genügt?

Der Autor

Helmut Schindler ist seit 40 Jahren ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat sowohl große als auch kleine Unternehmen gegründet und geführt und dabei die Höhen und Tiefen des Unternehmerlebens hautnah erlebt. Heute betreibt er gemeinsam mit Partnern mehrere kleine Firmen und genießt sein Leben in vollen Zügen.

Mit den umfangreichen Erfahrungen aus seinem Leben möchte er anderen Menschen helfen, ebenfalls glücklich und zufrieden zu werden. Unter dem Namen DenkDa – Meditatives Denken gibt er seine Gedanken weiter. Mit ZWÖ – Zum Wohle Österreichs bereitet er das überparteiliche Volksbegehren „Die Besten in die Regierung.“ vor: Wer Mitglied der Bundesregierung werden will, soll seine Kompetenz in einem strengen, offenen Auswahlverfahren nachweisen.

Sein Leitsatz begleitet ihn seit Jahrzehnten: „Mein Bestreben, das Beste zu geben.“

Er lebt mit seiner Frau in Wien; seine drei Kinder sind bereits erwachsen und schreiben ihre eigenen Geschichten.

DenkDa by Helmut Schindler · Meditatives Denken
Wien · helmut@helmutschindler.com